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Sigmar Gabriel im Gespräch : „Wir brauchen andere Wege im Klimaschutz“

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Dicke Freunde: Minister Gabriel und Eisbär Knut Bild: dpa

Sigmar Gabriel ist sichtlich aufgeblüht, seitdem ihm die Klimadebatte den Rücken stärkt. Der Umweltminister im F.A.Z.-Interview über eine ökologisch orientierte Wachstumspolitik, die Versteigerung von Emissionszertifikaten und Marktpflege.

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          Umweltminister Sigmar Gabriel ist sichtlich aufgeblüht, seitdem ihm die Klimadebatte den Rücken stärkt. Der 47 Jahre alte Sozialdemokrat zählte in letzter Zeit dennoch nicht zu jenen, die mit populistischen Schnellschüssen Schlagzeilen machen wollten. Nur bei der Patenschaft für Eisbär „Knut“ konnte er seinem medialen Drang nicht widerstehen. Sonst aber ist sich Gabriel stets bewusst, dass er nicht allzu „grün“ werden darf, sondern auf Gewerkschafter und Arbeitnehmer Rücksicht nehmen muss. Im F.A.Z.-Gespräch skizziert er die Aussichten auf ein Vorankommen im internationalen Klimaschutz und die damit verbundenen Chancen Deutschlands.

          Herr Gabriel, auch der zweite Teil des Klimaberichts klingt dramatisch. Stumpfen die Menschen nicht langsam ab, weil es zu viel wird an Dramatik?

          Das glaube ich nicht. Es geht ja nicht um Dramatik, sondern um harte Wissenschaft. Es werden bis zum Ende des Jahres noch zwei weitere Berichte folgen, und auch diese werden belegen, in wie vielen Lebensbereichen sich der Klimawandel dramatisch auswirkt. Das wird die Menschen nicht abstumpfen. Aber sie werden zu Recht erwarten, dass wir Ende des Jahres auf der Klimakonferenz in Bali nicht die Hände in den Schoß legen und wieder Mikado spielen wie bei der letzten Konferenz in Nairobi.

          „Die Emissionen sind gewachsen, weil der Emissionshandel in Europa nicht funktioniert”
          „Die Emissionen sind gewachsen, weil der Emissionshandel in Europa nicht funktioniert” : Bild: dpa

          Die Kritiker werden aber zahlreicher, die die Klimathese bestreiten. Welche Folgen wird das haben in der Öffentlichkeit?

          Ich kenne nur ein paar Medienberichte über Menschen, die mit Klimaforschung wenig zu tun haben. Ich kenne keinen seriösen Forscher, der den Klimawandel in Frage stellt und bezweifelt, dass die Menschen die Erderwärmung verursachen. Was ich kenne, sind ein paar Leute, die ihre eigenen Bücher besser verkaufen wollen, indem sie einmal gegen den Stachel löcken. Mit Wissenschaft hat das meistens wenig zu tun.

          Glauben Sie denn, dass es jetzt auf der Klimakonferenz in Bali Bewegung gibt als Reaktion auf diese vier Berichte?

          Ich sehe auf jeden Fall eine deutliche Veränderung auch in der internationalen Diskussion. Die Vereinigten Staaten treten zwar noch nicht dem Kyoto-Protokoll bei, aber der Druck in der amerikanischen Öffentlichkeit wird stärker. Die entscheidende Frage wird sein, ob wir es schaffen, mehr Straßen für den Klimaschutz zu bauen. Die eine ist die Kyoto-Straße. Gibt es nicht parallel dazu andere Wege, beispielsweise solche über den Wald- und Urwaldschutz oder über den Technologietransfer? Ich glaube, dass man die Perspektive erweitern muss. Dazu zählt auch, dass man Klimaschutz nicht losgelöst von Entwicklungspolitik diskutieren kann. Wenn wir das weiter tun - und wir tun es leider -, dann werden Staaten wie Indien, Mexiko, Brasilien oder Südafrika darauf verweisen, dass sie aus eigener Kraft Klimaschutz nicht betreiben können.

          Die Klimaforscher fordern schnelle Entscheidungen zur CO2-Reduktion. Kann die Politik, können die Gesellschaften so schnell umsteuern, ohne den Lebensstil zu ändern und Wohlstand einzubüßen?

          Die Klimaforscher sagen uns, dass wir ein Zeitfenster von zehn bis fünfzehn Jahren haben, um die CO2-Konzentration in der Atmosphäre zu stabilisieren. Die technologischen Voraussetzungen dafür haben wir. Was mich wundert, ist, dass dabei immer die Debatte um Wohlstandsverluste geführt wird. Richtig ist: Wir werden massiv an Wohlstand verlieren, wenn wir nichts gegen den Klimawandel tun. Das zeigt auch der neue IPCC-Bericht. Klimaschutz dagegen birgt auch große wirtschaftliche Chancen. Gerade ein Land wie Deutschland mit seiner Stärke in der Umwelttechnik kann davon profitieren.

          Klimaschutz tut also nicht weh, sondern tut gut, sagen Sie. Ist das nicht eine populistische Simplifizierung, denn Energie muss doch teurer werden, wenn Kosten entstehen durch eine CO2-Minderung?

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