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Schweiz : Der Berg grollt, der Mensch schaudert

  • -Aktualisiert am

Klimakatastrophentourismus: Man kann den Gletschern dabei zusehen, wie sie schmelzen. Bild: Gerhard Fitzthum

Schmelzendes Eis und abstürzende Felswände sind auch Attraktionen: Im Jungfraugebiet hat die touristische Vermarktung des Klimawandels begonnen.

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          Das Chalet Milchbach ist ein verwunschener Ort inmitten bemooster Steine, hoher Farne und jungem Mischwald. Fast scheint es, als sei es in die Bergwelt eingewachsen, in der es sich versteckt. Um mehr zu sehen als die steilen Felswände, die im Rücken des alten Gasthauses in den Himmel ragen, muss man die Treppe zur Aussichtsterrasse hinaufsteigen. Jetzt sieht man den oberen Teil des Grindelwalder Talkessels mit Faulhorngipfel, Großer Scheidegg und Wetterhorn. Zur Linken blitzt die schneebedeckte Spitze des Eigers durch die Baumwipfel, zur Rechten, nur einige hundert Meter entfernt, dämmert der Hehli-Schopf im Sonnenlicht. Wer genau hinsieht, erkennt die Touristen, die den von Gletschern geschliffenen Felsenkegel auf verwegenen Holzstiegen erklimmen.

          Dass das schlichte Ausflugslokal auf eine große Geschichte zurückblickt, dürfte den wenigsten Gästen bekannt sein. Sichtbar wird sie erst, wenn Wirt Peter Bohren einen Packen Fotos aus dem Schankraum holt. Es ist kaum zu glauben, dass die Aufnahmen den Ort zeigen, an dem man sich gerade befindet: Vor hundert Jahren stand der Fachwerkbau direkt am Oberen Grindelwaldgletscher, der seine Zunge bis fast ins Dorf hinunter streckte. Haushoch türmten sich damals die Eismassen, vom gegenüberliegenden Kalksteinfelsen ragte nur eine kleine Spitze heraus. "Das alles war einmal", sagt Bohren wehmütig. "Als Kind konnte ich noch über den Gletscher auf die andere Talseite gehen, denselben Weg, den auch die Alpinisten nahmen, wenn sie über die Glecksteinhütte zum Wetterhorn aufstiegen."

          Leiternweg zum Gletscher

          Jetzt hat sich der Gletscher zurückgezogen und den Hehli-Schopf zu einem nacktem Felshügel werden lassen. Damit die Touristen dort drüben überhaupt noch etwas zu sehen bekommen, hat man ihnen eine sechzig Meter lange Hängebrücke gebaut. "Doch auch von da aus ist längst kein Eis mehr zu entdecken", sagt Bohren und schüttelt den Kopf. Das Verschwinden des Gletschers hat den Wirt auch wirtschaftlich schwer getroffen. Vier Fünftel seines Umsatzes sind dahin. Um nicht Konkurs zu machen, musste er Personal entlassen und mit kleinster Besetzung weiterarbeiten. Statt des gewohnten Service gibt es heute nur noch Selbstbedienung.

          Wer sich den Gletscher aus der Nähe ansehen will, braucht heute Mut. An der Rückseite des Chalets beginnt sich der Leiternweg in steilen Kehren aufwärtszuwinden. Er führt über immer schmaler werdende Felsbänder, die mit schlottrigen Holzleitern miteinander verbunden sind. Wer Höhenangst hat, macht hier irgendwann keinen Schritt mehr weiter - besonders wenn ihm klar wird, dass er auf genau demselben Weg zurückmuss. Irgendwann taucht die höhlenartige Felsspalte auf, die noch vor zwanzig Jahren direkt auf den Gletscher führte. Eine verrostete Kette schützt heute allzu sorglose Bergwanderer vor dem Sturz ins Nichts. Ein paar Meter entfernt baumelt ein vergessenes Seil in der fast senkrechten Wand. Achtzig Meter tiefer ahnt man den von Staub bedeckten Gletscherfuß. So viel Höhe hat der Eisstrom allein in zwei Jahrzehnten verloren!

          Brodelnde Wassermassen

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