https://www.faz.net/-gwz-8dwo7

Rekordanstieg der Meerespegel : Diese Wogen sind kaum zu glätten

Inselstaat Tuvalu: Kinder spielen auf einem überfluteten Platz. Viele Experten sagen, dass die Heimat dieser Kinder in Zukunft unbewohnbar werden könnte. Bild: dpa

So schnell ging es in den letzten 2800 Jahren nicht aufwärts. Und der Meeresspiegelanstieg ist auch mit dem Pariser Klimaabkommen nicht zu stoppen. Dazu passen schlechte Nachrichten vom Südpol.

          4 Min.

          Es sind Zahlen, die nicht überraschen und vielleicht niemanden mehr wirklich schockieren können. Weil der Weltklimarat und die Klimapolitik nie um Schreckensszenarien verlegen waren, wenn es um den Anstieg des globalen Meeresspiegels geht. Einen halben Meter Zuwachs oder aber 1,30 Meter in nur drei Generationen – gut möglich. Umso wichtiger scheint es jetzt für die Länder und Metropolen, die zusammen schon heute gut die Hälfte der Weltbevölkerung in küstennahen Arealen konzentrieren, sich auf das nahezu Unvermeidliche einzustellen: Der Anstieg der Pegelstände an den Küsten ist auch mit ambitioniertem Klimaschutz nicht mehr zu stoppen – und nur schwer zu bremsen. Das Momentum war in den vergangenen 2800 Jahren wohl nie so groß wie im 21. Jahrhunderts.    

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Lange war man sich über die Meerespegelstände, ihre Variationen und die Gründe dafür nicht wirklich sicher – anders etwa als in den Abschätzungen der Welttemperaturen. Doch in den beiden Veröffentlichungen, die amerikanische und deutsche Klimaforscher jetzt in den „Proceedings“ der amerikanischen Nationalen Akademie der Wissenschaften vorstellen, ist schnell zu erkennen, dass sie mit ihren neuen historischen Daten und ihren erweiterten, „prozessbasierten“ Computermodellen deutlich selbstbewusster werden. „Unsere Studie ist für den Meeresspiegel so etwas wie die berühmte ‚Hockeyschläger-Kurve‘ für die globale Temperatur“, sagt etwa Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Zur Erinnerung: Mit der Klimakurve, die wegen des rapiden Temperaturanstiegs am Ende der Zeittafel (in der Gegenwart) an die Form eines Hockeyschlägers erinnert, wurde von Klimaaktivisten wie Friedensnobelpreisträger Al Gore medienwirksam gegen klimapolitisches Nichtstun eingesetzt.  

          Fingerzeig in die Zukunft? Nach einer stürmischen Nacht im Norden ist der Fischmarkt vor wenigen Monaten im Stadtteil St.Pauli überflutet worden.

          Zusammen mit dem Team um Robert Kopp von der Rutgers University in New Brunswick/New Jersey haben sich die Potsdamer Forscher um Rahmstorf nun zunutze gemacht, dass weltweit immer mehr gut rekonstruierbare historische Pegelstände gesammelt werden. 24 Küstenorte haben sie ausgewertet, dazu 66 Pegelstandsreihen, die teilweise bis zum Jahr 1700 zurückreichen. Und sie sind sich sicher, dass anders etwa als im jüngsten Weltklimabericht des IPCC ihre Daten durchaus extrapoliert werden können. Was der IPCC noch nicht sicher sagen konnte war, ob die Rekonstruktionen zusammen mit den statistischen Methoden auch tatsächlich Aussagekraft für die globalen Meeresschwankungen besitzen. Das soll jetzt anders sein. Ein Indiz zumindest: Die Abkühlung, die vor gut tausend Jahren einsetzte, spiegelt sich in den Pegelanalysen ganz gut wider – von heftigen Schwankungen zum Höhepunkt der Kleinen Eiszeit abgesehen. Extrem auffälllig freilich und nahezu parallel zum Temperaturanstieg verläuft der heftige Zuwachs im Verlauf des zurückliegenden Jahrhunderts – daher wieder die Anspielung auf der Kurvenverlauf in der Form eines Hockeyschlägers. „Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit wurde mehr als die Hälfte des Meeresspiegelanstiegs im 20. Jahrhundert vom Menschen verursacht – und möglicherweise sogar der gesamte Anstieg“, so die Gruppe um Rahmstorf.

          Weitere Themen

          Schusswaffen in Nordamerika Video-Seite öffnen

          Videografik : Schusswaffen in Nordamerika

          Wegen mutmaßlicher Finanzvergehen will der Bundesstaat New York die mächtige Waffenlobbygruppe NRA verbieten lassen. Der Besitz von Schusswaffen ist in der Gesellschaft Nordamerikas tief verwurzelt. Jedes Jahr sterben zehntausende Menschen durch Waffengewalt.

          Heilung ohne Makel?

          FAZ Plus Artikel: Narben-Forschung : Heilung ohne Makel?

          Manche Wundmale sind bloße Erinnerungen, andere entstellen oder wuchern krankhaft. Dagegen gibt es wirksame Mittel. Doch Mediziner und Forscher suchen nach einem Weg, Verletzungen spurlos genesen zu lassen.

          Topmeldungen

          Am Tag der Präsidentschaftswahlen bewacht ein Soldat der Sonderpolizei einen Kontrollpunkt an einer Straße am Stadtrand von Minsk.

          Wahl in Belarus : Der Dauerherrscher greift durch

          Bei der Präsidentenwahl in Belarus soll Amtsinhaber Lukaschenka offiziellen Prognosen zufolge 80 Prozent der Stimmen erhalten haben. Inoffizielle Nachwahlbefragungen hat das Regime verboten. Am Abend nach der Wahl geht das Regime mit Härte gegen Demonstranten vor.

          Trump eskaliert gegen China : Umgang mit Schurken

          Der Umgang des amerikanischen Präsidenten mit der chinesischen Videoplattform Tiktok verärgert Peking schwer. Er muss aber auch alte Freunde verunsichern: Was hindert Trump eigentlich daran, Daimler oder VW die Geschäftstätigkeit in den Vereinigten Staaten zu untersagen?
          Einschulungsfeier in Frankfurt an der Oder

          Schulbeginn : Wie geht es in den Klassenzimmern weiter?

          In vier Bundesländern beginnt in dieser Woche das neue Schuljahr. Es gibt genaue Anweisungen, sogar Verhaltenspsychologen wurden bemüht. Kein Land schließt aus, dass es bei steigenden Infektionszahlen auch für den Unterricht die Maskenpflicht verhängt.
          Anders als die anderen? Es führt oft nicht nur der eine Weg ans Ziel.

          Einsteig in fremde Branchen : Quer ins Glück

          Beratung, Vertrieb, Schule oder Pflege: Für Quereinsteiger gibt es Möglichkeiten zuhauf. Sie sollten sich aber keine falschen Hoffnungen machen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.