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Rekordanstieg der Meerespegel : Diese Wogen sind kaum zu glätten

Inselstaat Tuvalu: Kinder spielen auf einem überfluteten Platz. Viele Experten sagen, dass die Heimat dieser Kinder in Zukunft unbewohnbar werden könnte. Bild: dpa

So schnell ging es in den letzten 2800 Jahren nicht aufwärts. Und der Meeresspiegelanstieg ist auch mit dem Pariser Klimaabkommen nicht zu stoppen. Dazu passen schlechte Nachrichten vom Südpol.

          Es sind Zahlen, die nicht überraschen und vielleicht niemanden mehr wirklich schockieren können. Weil der Weltklimarat und die Klimapolitik nie um Schreckensszenarien verlegen waren, wenn es um den Anstieg des globalen Meeresspiegels geht. Einen halben Meter Zuwachs oder aber 1,30 Meter in nur drei Generationen – gut möglich. Umso wichtiger scheint es jetzt für die Länder und Metropolen, die zusammen schon heute gut die Hälfte der Weltbevölkerung in küstennahen Arealen konzentrieren, sich auf das nahezu Unvermeidliche einzustellen: Der Anstieg der Pegelstände an den Küsten ist auch mit ambitioniertem Klimaschutz nicht mehr zu stoppen – und nur schwer zu bremsen. Das Momentum war in den vergangenen 2800 Jahren wohl nie so groß wie im 21. Jahrhunderts.    

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Lange war man sich über die Meerespegelstände, ihre Variationen und die Gründe dafür nicht wirklich sicher – anders etwa als in den Abschätzungen der Welttemperaturen. Doch in den beiden Veröffentlichungen, die amerikanische und deutsche Klimaforscher jetzt in den „Proceedings“ der amerikanischen Nationalen Akademie der Wissenschaften vorstellen, ist schnell zu erkennen, dass sie mit ihren neuen historischen Daten und ihren erweiterten, „prozessbasierten“ Computermodellen deutlich selbstbewusster werden. „Unsere Studie ist für den Meeresspiegel so etwas wie die berühmte ‚Hockeyschläger-Kurve‘ für die globale Temperatur“, sagt etwa Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Zur Erinnerung: Mit der Klimakurve, die wegen des rapiden Temperaturanstiegs am Ende der Zeittafel (in der Gegenwart) an die Form eines Hockeyschlägers erinnert, wurde von Klimaaktivisten wie Friedensnobelpreisträger Al Gore medienwirksam gegen klimapolitisches Nichtstun eingesetzt.  

          Fingerzeig in die Zukunft? Nach einer stürmischen Nacht im Norden ist der Fischmarkt vor wenigen Monaten im Stadtteil St.Pauli überflutet worden.

          Zusammen mit dem Team um Robert Kopp von der Rutgers University in New Brunswick/New Jersey haben sich die Potsdamer Forscher um Rahmstorf nun zunutze gemacht, dass weltweit immer mehr gut rekonstruierbare historische Pegelstände gesammelt werden. 24 Küstenorte haben sie ausgewertet, dazu 66 Pegelstandsreihen, die teilweise bis zum Jahr 1700 zurückreichen. Und sie sind sich sicher, dass anders etwa als im jüngsten Weltklimabericht des IPCC ihre Daten durchaus extrapoliert werden können. Was der IPCC noch nicht sicher sagen konnte war, ob die Rekonstruktionen zusammen mit den statistischen Methoden auch tatsächlich Aussagekraft für die globalen Meeresschwankungen besitzen. Das soll jetzt anders sein. Ein Indiz zumindest: Die Abkühlung, die vor gut tausend Jahren einsetzte, spiegelt sich in den Pegelanalysen ganz gut wider – von heftigen Schwankungen zum Höhepunkt der Kleinen Eiszeit abgesehen. Extrem auffälllig freilich und nahezu parallel zum Temperaturanstieg verläuft der heftige Zuwachs im Verlauf des zurückliegenden Jahrhunderts – daher wieder die Anspielung auf der Kurvenverlauf in der Form eines Hockeyschlägers. „Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit wurde mehr als die Hälfte des Meeresspiegelanstiegs im 20. Jahrhundert vom Menschen verursacht – und möglicherweise sogar der gesamte Anstieg“, so die Gruppe um Rahmstorf.

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