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Norwegens Außenminister : "Jetzt erwärmt sich das Klima - und die Politik"

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Jonas Gahr Støre: „Wir müssen 'Kopenhagen' so umfassend und so verbindlich wie möglich machen”! Bild: AP

Im hohen Norden Europas hat der Klimawandel schon jetzt spürbare politische Auswirkungen. Der norwegische Außenminister Jonas Gahr Støre spricht im F.A.Z.-Interview über Rohstoffe, Schifffahrt und Sicherheitspolitik.

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          Herr Minister, im hohen Norden entstehen durch die Erderwärmung neue Transportwege, neue Möglichkeiten, Öl- und Gasvorkommen zu erschließen, neue Fanggründe für die Fischerei. Birgt der Klimawandel für Norwegen mehr Vorteile als Nachteile?

          Nein, auf keinen Fall. Was wir im Norden erleben, ist die deutlichste Erinnerung an die Erderwärmung - und die ist eine Bedrohung für uns alle. Im Norden werden die Temperaturen am stärksten steigen. Die größten Umweltveränderungen werden dort stattfinden - und wir wissen nur sehr wenig über die dramatischen Folgen. Im vergangenen Sommer sind zwei deutsche Schiffe aus Asien über den Nordpol nach Europa gefahren. Das verdeutlicht, dass sich neue Seerouten ergeben, wenn das Eis schmilzt. Das ist natürlich eine Gelegenheit, die die Seefahrt nutzen wird. Aber ich werte das nicht als Vorteil des Klimawandels, denn ich denke, dass die Bedrohung viel zu ernst ist. Es ist eine große Herausforderung an Küstenstaaten wie Norwegen und Russland. Sicherheit, Überwachung und Rettungsmöglichkeiten müssen gewährleistet werden.

          Aber der Klimawandel bietet doch neue Chancen, Rohstoffvorkommen auszubeuten?

          Nicht sofort. Die Schätzungen variieren, aber wahrscheinlich gibt es in der Arktis bedeutende Gasvorräte. Doch selbst wenn sich das Klima verändert, bleibt es ein sehr schwieriges Umfeld: Es wird milder sein - aber immer noch sehr kalt. Es wird weniger Eis geben - aber immer noch sehr viel. Und es wird immer noch während der Hälfte des Jahres dunkel sein. Die Ausbeutung der Barentssee auf der norwegischen und auf der russischen Seite wird weitergehen; aber eine Ausbeutung weiter nördlich, in Richtung des Pols, wird meiner Ansicht nach nicht kurz-, ja nicht einmal mittelfristig möglich sein. Und wenn es passiert, muss es unter sehr strengen Sicherheits- und Umweltregeln passieren.

          Norwegen exportiert Öl und Gas und ist somit mitverantwortlich für den Klimawandel. Wie gehen Sie damit um?

          Daraus erwächst uns eine besondere Verantwortung, Technologien zu entwickeln, die uns helfen können, mit dem Problem fertig zu werden. Norwegens Gasproduktion emittiert nur ein Drittel des Kohlendioxids der üblichen Gasproduktion. Außerdem haben wir in den neunziger Jahren eine Kohlendioxidemissionssteuer eingeführt. Das hat die Industrie dazu gebracht, die CCS-Technologie zu entwickeln, mit der Kohlendioxid gespeichert und eingelagert werden kann. Wir investieren viel Geld, um zu prüfen, wie diese Technologie in großem Stil genutzt werden kann. Ich werde manchmal gefragt: Ist es nicht ein Paradox, dass Norwegen einerseits Öl und Gas produziert und andererseits ein ehrgeiziges Klimaabkommen will? Dann antworte ich: Ja, es ist ein Paradox. Aber es ist nicht nur Norwegens Paradox, sondern das der ganzen Welt. Denn die Weltwirtschaft bezieht ihre Energie zu 80 Prozent aus fossilen Brennstoffen.

          Bedauern Sie, dass ein rechtlich verbindliches Abkommen bei der Klimakonferenz in Kopenhagen in der kommenden Woche vom Tisch scheint?

          Ja und nein. Das Beste wäre ein rechtlich verbindliches, ehrgeiziges Übereinkommen gewesen. Das scheint aufgeschoben worden zu sein. Man kann das bedauern - aber man kann es auch begrüßen. Denn das beweist, dass es den Ländern ernst ist. Rasch ein schlechtes Übereinkommen abzuschließen ist schlechter, als noch ein wenig auf ein gutes Übereinkommen zu warten, das bald nach Kopenhagen kommen muss. Wir müssen „Kopenhagen“ so umfassend und so verbindlich wie möglich machen, um das endgültige Übereinkommen vorzubereiten.

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