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Verhandlungen in Paris : „Noch ist nichts verloren“

Simulation der Erderwärmung. Bild: Reuters

Ästhetisch wertvoll, in der Ausführung mangelhaft - Klimaforscher machen in Paris bis zur letzten Minute mobil, verlangen weniger Widersprüche und mehr Substanz im Klimaabkommen. Das Hauptziel sehen sie in Gefahr.

          4 Min.

          Ein Tag Verspätung beim Klimagipfel heisst auch: ein Tag mehr Zeit zum Nachdenken. Und wohl auch ein Tag voller Emotionen, das haben frühere Entscheidungsschlachten ums Klima immer wieder gezeigt. Tatsächlich naht auch in Le Bourget allmählich die Stunde der Emotionen, was am ehesten daran zu erkennen ist, dass die  diplomatischen Töne allmählich leiser werden. Stattdessen wird Klartext geredet - und mitgefiebert. Erleichtert, enttäuscht, verärgert, hoffnungsvoll, das alles waren die ersten spontanen Gefühle, die der mutmaßlich vorletzte Textvorschlag des französischen Außenministers Fabius für das neue Klimaabkommen auf dem Konferenzgelände hervorgerufen hat. Einen Tag vor dem Ende des Gipfels lassen nun auch die mit großen Erwartungen nach Le Bourget gereisten Klimawissenschaftler erkennen, wie sehr sie mitfiebern - wie weit sie in solchen Momenten schon dort sind, wo sich Hans Joachim Schellnhuber, der ehemalige Kanzlerinberater und Direktor am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, heute voller Überzeugung selbst sieht: in der Kaste der „Gewissenschaftler“.

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Tatsächlich kämpfen die Klimaforscher an diesem - mutmaßlich - vorletzten Verhandlungstag vehement für ein ambitioniertes,ehrgeiziges und realistisches Klimaabkommen, das diese Bezeichnung verdient. Eines, das am Ende nicht nur seitenweise Unverbindliches enthält, sondern mit ihrem Gewissen als verantwortliche Experten und vor allem als Hüter der Daten und Fakten zu vereinbaren ist.

          Die Weltpresse hängt an ihren Lippen: Pressebriefing der fünf Wissenschatfler am Rande des Klimagipfels.
          Die Weltpresse hängt an ihren Lippen: Pressebriefing der fünf Wissenschatfler am Rande des Klimagipfels. : Bild: Joachim Müller-Jung

          Fünf  Klimatologen haben den jüngsten Vertragsentwurf in Le Bouget auf Herz und Nieren geprüft und sind sich in einem einig: Es ist ein Fortschritt - sogar „ein progressiver Text“ in den Augen Schellnhubers. „Noch ist nichts verloren“. Schellnhuber gibt auf dem kurzen Briefing der fünf Experten den Klimapokerprofi. Das bisherige Ergebnis des diplomatischen Klimapalavers überrascht ihn offenbar nicht. Er warnt: Es könnte schlimmer kommen. „Die Erfahrung vieler Klimaverhandlungen sagt mir, und ich hoffe, dass das diesmal hier nicht geschieht, dass der vorletzte Text besser ist als das Endergebnis.“ 

          Das erste Urteil also für den entscheidenden Verhandlungstext: Ästhetisch wertvoll, in der Ausführung mangelhaft, Weil es in den letzten Stunden vor der entscheidenden Nachtsitzung allerdings vor allem auch darum geht, den Druck auf die Delegierten zu erhöhen und die wissenschaftliche Expertise im Klimazirkus immer noch ein beachtliches Gewicht hat, nutzen die fünf Klimatologen ihre Chance, auf den Tisch zu hauen. Johan Rockström aus Stockholm, der kürzlich den deutschen Umweltpreis in Berlin entgegen genommen hat, wird deutlich: Es sei zwar besser einen verwässerten Vertrag zu bekommen als keinen, aber: „Wenn die neue globale Erwärmungshöchstgrenze von 1,5 bis 2 Grad überhaupt realistisch sein soll, darf  es von 2050 an keinerlei Kohlendioxide-Emissionen mehr geben.“ Heisst: Die „Dekarbonisierung“, ein von der deutschen Delegation betriebener Ausstieg aus der fossilen Energiewirtschaft, die aus dem aktuellen Vertragsentwurf gestrichen wurde, müsste wieder irgendwo auftauchen. Statt dessen steht dort derzeit aber, dass man irgendwann im Verlauf der zweiten Hälfte globale Klimaneutralität anstrebe.  

          „Das ist frustrierend“, sagt Rockström, das langfristige Ziel und die kurzfrstigen bis mittelfristigen Maßnahmen passen einfach nicht zusammen.“ Joeri Rogelji vom International Institute for Applied Systems Analysis IASA, der die Voraussetzungen für das ehrgeizige 1,5-Grad-Ziel schon früher durchgerechnet hat, wird noch klarer: „Um das zu erreichen, müssen die Emissionen sofort deutlich reduziert werden. Das verfügbare Budget an fossilen Brennstoffen, das noch verbraucht werden darf, um die Erwärmung auf höchstens 1,5 Grad zu halten, ist bei dem derzeitigen Verbrauch schon in der kommenden Dekade komplett aufgebraucht.“   Spätestens 2020 müsse der Höhepunkt der Emissionen endgültig überschritten werden. Oder nochmal anders formuliert: Mindestens die großen Indsutriestaaten so Rockström, müssten allesamt bis 2030 auf die Nutzung fossiler Brennstoffe verzichten, um die 1,5 Grad-Grenze nicht zu überschreiten.  

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