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Methanlecks in Amerika : Vom edlen Retter zum Klimasünder

  • -Aktualisiert am

Abfackelung von Erdgas im Norden Dakotas Bild: AFP

Schiefergas boomt, aber die Pipelines für Methan sind Schrott: Amerika hat zu viele Lecks, was die Umwelt offenkundig bedroht. Es besteht dringender Handlungsbedarf.

          2 Min.

          Das Erdgas erlebt zurzeit in den Vereinigten Staaten eine Renaissance. Aber längst nicht nur dort, auch in Europa. Im Zuge der Klimadebatte hat Erdgas als Energieträger an Bedeutung gewonnen, der bei der Verbrennung deutlich weniger Schadstoffe und Treibhausgase freisetzt. Nicht nur deshalb aber boomt Erdgas. Einer der wesentliche Gründe dafür ist zweifellos der niedrige Preis, denn gegenwärtig übersteigt das Angebot die Nachfrage nach diesem Brennstoff. In Amerika wird der fossile Energieträger nämlich nicht mehr nur aus gewöhnlichen Kohlenwasserstofflagerstätten gefördert. Ein großer Teil des Gases stammt mittlerweile aus bislang unzugänglichen Schieferlagerstätten und wird dort als „Shalegas“ mit Frackingverfahren erschlossen.

          Erdgas gilt aber auch als idealer Brennstoff für den geplanten Übergang von der Nutzung von fossilen zu erneuerbaren Energieträgern. In Kraftwerken verbrennt es nämlich bei vergleichbarer thermischer Leistung erheblich „sauberer“ als Kohle, und auch die Abgase von Ottomotoren sind weniger umweltschädlich, wenn in ihnen Flüssiggas statt Benzin verbrannt wird. Insgesamt, so wird gemeinhin angenommen, werden beim Verbrennen von Erdgas erheblich weniger Treibhausgase freigesetzt als bei der Nutzung anderer fossiler Brennstoffe, vor allem von Kohle und Erdöl.

          Unterschätzte Leckrate

          Nach einer in der Zeitschrift „Science“ veröffentlichten Untersuchung ist Erdgas aber längst nicht so umweltfreundlich wie vermutet. Der Grund ist, dass die Leckagen bei der Förderung, dem Transport und der Nutzung bisher erheblich unterschätzt worden sind. Denn der Hauptbestandteil des Gases, das fünfatomige Kohlenwasserstoffmolekül Methan, ist ein wesentlich potenteres Treibhausgas als beispielsweise Wasserdampf und Kohlendioxid, das bei der Verbrennung von Kohle und Öl freigesetzt wird. So ist das sogenannte Erderwärmungspotential von Methan bis zu siebzigmal so groß wie das von Kohlendioxid. Dementsprechend werden die Umweltvorteile von Erdgas weitgehend ausgeglichen, wenn Methan bei der Nutzung von Erdgas in die Atmosphäre gelangt.

          Eine Forschergruppe um Adam Brandt von der Stanford University in Palo Alto hat jetzt mehr als zweihundert Studien der vergangenen zwanzig Jahre analysiert, in denen jene Quellen untersucht und quantifiziert wurden, aus denen Methan in die Atmosphäre über Nordamerika gelangt. Brandt und seine Kollegen haben die Ergebnisse der einzelnen Studien anschließend verglichen mit einem von der amerikanischen Umweltbehörde EPA veröffentlichten Index über die Menge an Methan im sogenannten Treibhausgasinventar Nordamerikas. Sie kommen zu dem Schluss, dass die tatsächliche Menge an Methan um bis zu 75 Prozent höher liegt, als im EPA-Inventar angegeben.

          Kein Grund für Beschränkungen

          Nach Ansicht der Forscher um Brandt gibt es dafür mehrere Ursachen. So beruhen die Schätzungen der Umweltbehörde über die Menge an Methan, die in Leckagen, bei der Förderung und dem Transport freigesetzt wird, nicht auf unabhängigen Messungen. Vielmehr stammen sie aus Angaben der Industrie, die nur in wenigen Fällen von der EPA überprüft werden konnten. Zu den Leckagen gehören sowohl undichte Ventile und Pipelines wie auch das unvollständige Abfackeln von Erdgas. Jenes Gas fällt bei der Erdölförderung als Nebenprodukt an und wird vor allem auf kleineren Ölfeldern nicht eigens weiterverwendet. In das EPA-Inventar gehen aber auch keine natürlichen Quellen von Methan ein. Beispielsweise tritt das Gas in natürlich vorkommenden Asphaltseen oder Teergruben aus, wie den La Brea Tar Pits in Los Angeles. Ebenso entsteht Methan, wenn pflanzliche Biomasse in Mooren und Feuchtgebieten vermodert.Obwohl die Leckagen von Methan in Nordamerika erheblich unterschätzt werden, sehen Brandt und seine Kollegen keinen wirklichen Grund, den Gebrauch von Erdgas zu verringern.

          Vielmehr ließe sich die tatsächliche Umweltbilanz des fossilen Energieträgers deutlich verbessern, wenn die Leckagen abgedichtet und überschüssiges Methan genutzt und nicht mehr abgefackelt würde.

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