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Weltklimrat IPCC : Machtprobe im Klimahaus

Da hatte man noch Spaß miteinander: Ex-IPCC-Chef Rajendra Pachauri in Paris im Jahre 2008 - als frisch gebackener Friedensnobelpreisträgger und noch vor den großen Skandalen und dem klimapolitischen Gau in Kopenhagen. Bild: AFP

Mehr Politik wagen? Der Weltklimarat soll jetzt endgültig in die Weltrettungsrolle hineinwachsen. Lösungen sind das Ziel. Auch vor politisch unpopulären Vorschlägen schreckt man dabei nicht zurück.

          Tauziehen ist, wenn zwei an einem Seil ziehen und einer im Dreck landet. Der Südkoreaner Hoesung Lee, der bisher in der zweiten Reihe saß und als Energieexperte im Hintergrund wirkte, ist zum neuen Vorsitzenden des Weltklimarates IPCC gewählt worden. Er siegte im Plenum klar über ein halbes Dutzend Kandidaten, darunter hochkarätige Wissenschaftler und gestandene IPCC-Haudegen, die gut und gerne den einst charismatischen und dann wegen Missbrauchsvorwürfen einer Angestellten zurückgetretenen Rajendra Pachauri hätten ablösen können.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Nun also soll Hoesung Lee den Karren aus dem Dreck ziehen. Und nicht nur das: Lee ist der Mann, der den Weltklimarat von seiner starken Kassandra-Rolle endgültig in einen Weltrettungsbeirat verwandeln soll. Lösungen statt Apokalypse. Das ist ganz nach dem Geschmack einer Klimaforscher-Generation, die in der Mehrheit inzwischen alle möglichen Expertisen mitbringt, nur nicht die Klimatologie. Nach der Etablierung des IPCC als zwischenstaatliches Beratungsgremium, als Zwitterwesen zwischen Wissenschaft und Politik, und der zwischenzeitlichen Vertrauenskrise – Stichwort: „Gletscher-Gate“ – steht nun ein Umbruch bevor, wie ihn die wissenschaftliche Politikberatung so noch nie erlebt hat. „Die Erstellung der IPCC-Berichte ist und bleibt ein rigoroser wissenschaftlicher Prozess“, gab Lee zwar unmittelbar nach seiner Wahl öffentlich zu Protokoll. Aber als Ökonom, der sich auch gerne auf seine Erfahrungen in der Ölindustrie bei Exxon beruft („Erfahrungen, die bei den kommenden Themen helfen werden“) kann er eins und eins zusammenzählen. Von ihm wird nicht mehr und nicht weniger als ein neues Paradigma der Politikberatung erwartet.

          Neuer IPCC-Chef: Lee Hoesung aus Südkorea.

          Wie dieses und das neue Einmaleins des IPCC aussehen könnte, war schon vor den Wahlen vergangene Woche in Dubrovnik bekannt geworden. In der Zeitschrift „Science“ veröffentlichte der Potsdamer Klimaökonom Ottmar Edenhofer – bis Dubrovnik Kovorsitzender einer der drei IPCC-Arbeitsgruppen – zusammen mit anderen Insidern einen Aufsatz, der sich politisch gewaschen hatte. Weiter wie bisher, so der Tenor, geht es auf keinen Fall. Mehr Einfluss, mehr Wirkung, das müsse das Ziel sein, „mehr politischer Praxisbezug“.

          In einem Interview, das wir auf unserer Internetseite (hier) dokumentieren, wird deutlich, um was es geht: Um eine Machtprobe der Wissenschaftler mit den Regierungsvertretern – jene weit über hundert Klimadiplomaten, die mit dem Segen der Vereinten Nationen nicht nur die große inhaltliche Linie vorgeben, sondern immer stärker offenbar auch die Regierungen vor einer allzu scharfen Kritik durch die Wissenschaftler zu schützen haben. Er wolle die Klimaforschung nicht weiter politisieren, sagt Edenhofer, der Weltklimarat müsse trotzdem mehr „entscheidungsrelevantes Wissen“ zur Verfügung stellen. „Das ist aber nur möglich, wenn einerseits die Wissenschaft unabhängig ist und andererseits die Regierungen von der Wissenschaft nicht Rechtfertigung angeblich alternativloser Entscheidungen fordern. Wir müssen besser verstehen, welche politischen Instrumente funktioniert haben, welche nicht.“

          Paris rückt näher: Im Wissenschafts- und Industriemuseum hat soeben eine Ausstellung zum Thema Weltklima begonnen.

          Das ist längst nicht mehr nur ein Knistern zwischen Wissenschaft und Politik. Die Stimmung ist schlecht. „Für manche Wissenschaftler war die Härte der Auseinandersetzungen ein Schock. Aber so ist das eben, wenn man entscheidungsrelevantes Wissen bereitstellen will – da braucht man gute Nerven und einen ruhigen Schlaf.“

          Was aber ist das: entscheidungsrelevantes Wissen? Geht es nach ihm und dem neuen IPCC-Chef: Kohlendioxidsteuern und der Aufbau eines globalen Emissionshandels sowie konkrete Weltinnenpolitik nach ökonomischen Mustern. Als Lee in Dubrovnik gefragt wurde, ob man damit nicht über die politische Mission hinausschießt, antwortete er: „Kohlenstoffsteuer ist kein Teil der politischen Diskussion, sondern kommt direkt aus den Lehrbüchern der ökonomischen Analytik. Es ist ein Externalitätsproblem.“ Anders formuliert: Wer die Atmosphäre weiter als Mülldeponie verwendet, müsse auch für die Folgekosten geradestehen. Nichts ist umsonst.

          Professor Ottmar Edenhofer

          Weichenstellungen wie diese entscheiden für Edenhofer, ob die Klimapolitik aus der Sackgasse kommt. „Wenn wir bei dem derzeitigen Klingelbeutelsystem bleiben, das lediglich freiwillige Beiträge eingesammelt, bin ich pessimistisch. Die Staaten müssen sich zu Verpflichtungen durchdringen, die auf einer konditionalen Kooperation beruhen: Ich lege etwas auf den Tisch, wenn du etwas auf den Tisch legst.“ Mehr Politik geht nicht.

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