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Leibniz-Preisträger Gerald Haug : Flucht vor dem „deutschen Paradoxon“

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Mehr Freiheiten in der Schweiz: Potsdamer Klimaforscher Gerald Haug Bild: F.A.Z./Martin Lüdecke

An diesem Dienstag bekommt der Klimawissenschaftler Gerald Haug den mit 2,5 Millionen Euro dotierten Leibniz-Preis für Spitzenforschung. Im Sommer wandert er aus, weil die Schweiz ihm mehr Freiheit bietet. Eine Ursachensuche.

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          An diesem Vorfrühlingsmorgen wirkt der Potsdamer Telegrafenberg wie ein Arkadien der Wissenschaft. Polarforscher, Klimamodellierer und Geologen treffen sich unter mächtigen Eichen, in den Untergrund sind ihre Supercomputer eingelassen. Im Sonnenschein glänzen die hellen Ziegelsteine, aus denen hier seit Ende des 19. Jahrhunderts ein Gravitationszentrum der Welterkundung entstanden ist. Auf dem Telegrafenberg hat Michelson die Konstanz der Lichtgeschwindigkeit gezeigt, Hartmann die interstellare Materie entdeckt, Helmert die Vermessung Mitteleuropas begonnen, Einstein die Sonne beobachtet. Im Gefolge dieser Größen arbeiten heute Wissenschaftler, die den Planeten Erde und sein Klimasystem verstehen wollen.

          Deutschland, ein Forscherparadies? „Hier oben herrschen sehr gute Ausgangsbedingungen für exzellente Forschung“, sagt Gerald Haug und zieht einige seiner Veröffentlichungen in führenden Journalen wie „Nature“ und „Science“ aus der Schublade. Der Achtunddreißigjährige ist ein Wissenschaftler, wie ihn sich all jene erträumen, die im nahen politischen Berlin permanent Spitzenforschung und Elitenbildung beschwören. Promotion mit siebenundzwanzig Jahren, Habilitation mit zweiunddreißig, Forschungsaufenthalte in Amerika und in der Schweiz, dann Rückkehr nach Deutschland. Seine Arbeiten zur Klimadynamik in den letzten großen Warm- und Eiszeiten wurden allesamt hoch gelobt und viel zitiert.

          Zweieinhalb Millionen für sieben Jahre Forschung

          Haugs Forschungsgegenstand liegt an diesem Vormittag ausgebreitet im Labor: ein Bohrkern, der eine Zeitreise in das Klima der Vergangenheit erlaubt. Der Paläoklimatologe untersucht solche Bohrkerne aus aller Welt auf Indikatoren früherer Temperaturen, Niederschlagswerte und Treibhausgas-Konzentrationen. So schafft er das Fundament für die Erforschung des Klimas von heute. Ohne solche historischen Vergleichsdaten könnte niemand beurteilen, ob die heutigen Messwerte ungewöhnlich sind.

          Wenn die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) morgen den Leibniz-Preis, den höchstdotierten deutschen Wissenschaftspreis, verleiht, wird Haug zu den Gerühmten zählen. Der Klimaforscher vom GeoForschungszentrum Potsdam ist einer von zehn Trägern dieser begehrten Auszeichnung. Zweieinhalb Millionen Euro stehen für jeden bereit, auszugeben über sieben Jahre für die eigene Forschung. Die DFG-Führung hat die Preissumme erst dieses Jahr um eine Million Euro aufgestockt - im Gefolge der Exzellenzdiskussion will man nicht geizen.

          Bewusst für Europa entschieden

          Doch diese Geschichte hat nur dann ein Happy End, wenn man bereit ist, vollends in europäischen Dimensionen zu denken und es nicht bedauerlich findet, wenn ein exzellenter Forscher zu dem Ergebnis kommt, dass er seine Kreativität besser in der Schweiz ausleben kann. Gute Ausgangsbedingungen sind für Forscher wie Haug nämlich nicht gut genug. Er weiß es zwar zu schätzen, dass er eine fünfunddreißigköpfige Gruppe an einem Institut der außeruniversitären Helmholtz-Zentren leitet, dass das GeoForschungszentrum materiell komfortabel ausgestattet ist und seine Lehrverpflichtungen an der Universität Potsdam sich gut mit der Forschung vereinbaren lassen.

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