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Kohlendioxid : Eine Gruft für Treibhausgase

  • -Aktualisiert am

Das Brandenburger Bohrloch Bild: ddp

Europas erstes Kohlendioxid-Speicherprojekt auf dem Festland: Forscher untersuchen in Brandenburg die Möglichkeit, jenes Kohlendioxid im Erdboden zu versenken, das von der Industrie in die Luft geblasen wird.

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          Spätestens mit diesem ungewöhnlich warmen Winter, der viele zum Nachdenken über die Erderwärmung einlädt, ist die öffentliche Aufmerksamkeit für treibhausgasreduzierende Umwelttechnologien sprunghaft in die Höhe geschossen. Das war nun auch in Ketzin zu spüren, einem kleinen Ort in Brandenburg, wo unter klammkalten Regengüssen, trügerischen Kurzsonnenscheinen, jähen Windstößen und großem öffentlichem Interesse feierlich die operative Phase eines Forschungsprojekts eingeweiht wurde, das mittelfristig Abhilfe schaffen soll.

          Im flachen brandenburgischen Land, zwischen schmutzig-grünen Winterwiesen und aufgeschütteten Erdhügeln, untersucht das Geoforschungszentrum Potsdam (GFZ) unter dem Projektnamen „CO2 Sink“ die Möglichkeit, jenes Kohlendioxid zuerst abzuscheiden und dann im Erdboden zu versenken, das von der Industrie bis jetzt in großen Mengen in die Luft geblasen wird.

          Achthundert Meter tiefe Bohrungen

          Die Forschung in Ketzin gilt dem zweiten Schritt dieser als Kohlendioxidsequestrierung bekannten Technologie. Am Dienstag wurde der Startschuss für drei etwa achthundert Meter tiefe Bohrungen gegeben. Zwei Bohrungen werden Messzwecken dienen, die dritte ist die sogenannte Injektionsbohrung, durch die das gasförmige Kohlendioxid in eine poröse und mit salzhaltigem Wasser gefüllte Schilfsandsteinsteinschicht gepumpt werden soll. Hier sollte das Gas aufgrund der Bindungseigenschaften des Gesteins sowie der natürlichen Versiegelung durch darüberliegende Deckschichten dauerhaft gespeichert werden.

          Schwarz auf weiß

          Im Rahmen des Forschungsprojekts sollen in den nächsten zwei Jahren sechzigtausend Tonnen reines Kohlendioxid in diesen Versuchsspeicher gepumpt werden. Das entspricht etwa einem Prozent dessen, was die Gesteinsschicht voraussichtlich aufnehmen könnte. Erforscht werden sollen Langzeitrisiken und mögliche Leckagen an die Oberfläche. Gefährlich für die Umwelt wäre ein Entweichen des Kohlendioxids in diesem Stadium noch nicht, es würde allerdings den Sinn der ganzen teuren und aufwendigen Technik zunichte machen, wenn das mühsam abgetrennte Kohlendioxid wieder in der Luft endete.

          Zunächst nur wissenschaftliche Grundlagenforschung

          Verfahren der Sequestrierung wie diese Art der Kohlendioxid-Speicherung sind nicht nur teuer und aufwendig, es handelt sich überdies auch nur um eine mittelfristige Brückentechnologie, die nach Ansicht der Experten eine endgültige Abkehr von den fossilen Energieträgern nicht ersetzt. Selbst wenn man alle theoretisch verfügbaren weltweiten unterirdischen Kohlendioxidspeicher sinnvoll nutzen könnte, wären diese Speicher wohl nach spätestens hundert Jahren voll.

          Bis man technisch so weit ist, wird es allerdings noch dauern. Wie Rolf Emmermann, Vorstandsvorsitzender des Geoforschungszentrums Potsdam, darlegte, geht es in Ketzin zunächst nur um die wissenschaftliche Grundlagenforschung. Selbst im Erfolgsfall wäre die Technik frühestens im Jahre 2015 kommerziell nutzbar. Das Ergebnis der Forschung sei aber noch gänzlich offen, wie Emmermann ebenfalls mehrfach betonte. Dass von politischer Seite ebenso wie von den Industriepartnern die Erwartungen aber trotzdem schon sehr hoch sind, ließ sich allerdings etwa aus der Ansprache des brandenburgischen Staatssekretäres Wolfgang Krüger deutlich heraushören.

          „Emissionsfreie Zukunft“

          Krüger schien aus brandenburgischer Perspektive die Technik als Garant für ein längerfristiges Verbleiben bei den heimischen Braunkohlekraftwerken zu verstehen und sprach von einer „emissionsfreien Zukunft“ für die Kohle. Solche Hoffnungen werden von den Umweltverbänden harsch kritisiert.

          Der Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland bezeichnet die Kohlendioxidspeicherung als Ablenkung vom eigentlichen Ziel, moderne regenerative Energiequellen zu entwickeln. Dagegen argumentieren die Potsdamer Geoforscher, dass gerade die Entwicklungs- und Schwellenländer Kohle so lange nutzen werden, wie sie zur Verfügung steht. Und es ist noch viel Kohle da, auch in Brandenburg.

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