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Klimawandel : Wir können zum Gewinner der Krise werden

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Connie Hedegaard, dänische Klima- unnd Energieminsterin, auf dem Pekinger Gipfel zur Klimapolitik im letzten November. Bild: AP

Die Welt steht finanziell vor einem Scherbenhaufen. Ist damit der Plan für einen neuen Klimavertrag in Gefahr? Joachim Müller-Jung im Gespräch mit der dänischen Klima- und Energieministerin Connie Hedegaard, die im Dezember die UN-Klimakonferenz leiten wird.

          Steht der Klimaschutz auf der Kippe? Da ist einerseits die Weltwirtschaftskrise, die den Klimaschutz bedroht, andererseits kommt aus Washington frischer Wind in eine ganz andere Richtung.

          Offengestanden bin ich überrascht, wie wenig wir die Krise spüren. Obwohl wir die größte Rezession seit den 1920er Jahren erleben, reden wir immer noch über die Herausforderungen für das Weltklima und die Energiezukunft. Das hätte vor drei Jahren noch niemand für möglich gehalten. Das beweist, dass die Führungskräfte das Potential erkennen, einige der ökonomischen Herauforderungen zu lösen, indem man die Energiegewinnung verändert, in erneuerbare Quellen investiert und in neue Technologien. Chinas Konjunkturpaket hat zu einem Viertel etwas mit regenerativen Energien zu tun. Ich sage ja nicht, dass Klimaschutz durch die Finanzkrise leichter wird. Aber sie wird als Chance erkannt.

          Bedarf es dazu unbedingt einer neuen internationalen Behörde, einer Agentur für erneuerbare Energien, die Sie jetzt in Bonn mit gegründet haben?

          Seit dem Umweltgipfel in Johannesburg 2002 hatten wir das Gefühl, dass die erneuerbaren Energien international heimatlos sind. Jetzt haben sie eine Heimat und schon viele neue Freunde. Es ist erstaunlich, wie viele der 75 Unterzeichnerstaaten und der Dutzenden Beobachter aus Nicht-Industrieländern kommen. Der Scheich von Abu Dhabi will sogar den Sitz der Agentur in seinem Land haben. Dort wird zurzeit eine der größten Solarproduktionen der Welt aufgebaut. Der Minister von Saudi-Arabien geht davon aus, dass sein Land in wenigen Jahrzehnten mehr Solarenergie exportieren kann als heute Erdöl. Jedes Land hat seine eigenen Gründe. China will sauberere Luft, Ägypten sieht durch den Klimawandel sein Nildelta gefährdet und will 2020 zwanzig Prozent der Energie aus erneuerbaren Quellen gewinnen, Das ist so viel wie Europa. Das hat sich in den letzten vier Jahren dramatisch verändert. Vorher hieß es, Klimaschutz ist das Problem allein der Industrieländer, sie haben es verursacht, und sie haben es zu lösen. Mittlerweile fragt sich jeder, der betroffen sein könnte, wie man kooperieren kann.

          Trägt zu Ihrer Euphorie auch Obamas Politikwende in Sachen Klima bei?

          Präsident Obama hat eine sehr starke Antrittsrede gehalten, weil er dabei geblieben ist, was er im Wahlkampf zum Klimaschutz gesagt hat. Und das, obwohl sich ja die Krise seit November nochmal verschärft hat. Ich bin absolut sicher, dass er seine Versprechen halten wird.

          Sein Stab und die amerikanische Politik bestehen aber nicht nur aus Klimaschützern. Was, wenn er doch noch gebremst wird?

          Wir haben inzwischen sehr gute Kontakte mit den Leuten in Obamas Mannschaft. Wir dürfen davon ausgehen, dass er es ernst meint, wenn er sagt, dass Amerika den Anteil an Erneuerbaren verdoppeln will. Und wenn ich jetzt sehe, was er mit den Emissionsregeln für Autos macht, indem er strengere Regelungen in den Bundesstaaten wieder zulässt, dann bin ich sehr optimistisch. Er sieht die ökonomischen Möglichkeiten auch in der Krise. Ich glaube auch, dass er persönlich ein sehr aufrichtiger Mensch ist, der es ernst meint. Das gilt auch für Außenministerin Clinton. mit der letztlich die Klimaverhandlungen geführt werden. Sie unterstützt seit Jahren die Klimaschutzagenda.

          Der Chef des Weltklimarates, Pachauri, schien vor kurzem gar nicht so begeistert von Obamas Zielsetzungen, sondern eher unzufrieden mit dessen Terminplan.

          Das war drei Wochen nach der Wahl, als Obama angekündigt hat, die Emissionen auf dem Niveau von 1990 zu stabilisieren statt sie zu reduzieren. Ich sehe das etwas anders. Wir sollten sehen, dass im letzten April noch Präsident Bush ankündigte, Amerika wolle die Emissionen erst im Jahre 2025 stabilisieren. Obama hat also drei Wochen nach seiner Wahl, mitten in der größten finanziellen Krise, die Emissionsmöglichkeiten Amerikas um 35 Jahre zurechtgestutzt. Natürlich hoffen immer noch viele, dass Washington mit Reduktionszusagen aufwarten wird. Aber wir dürfen nicht zu viel erwarten. Mitte März werden wir uns mit der Administration in Washington darüber reden.

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