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Klimawandel : Wir schaffen das!

  • -Aktualisiert am

Greenpeace-Aktion vor dem Klimagipfel in Berlin. Bild: dpa

Alarmistische Bußpredigten von Klimaforschern will keiner mehr hören. Was wir jetzt brauchen, das sind keine Maximalforderungen zur Abwendung der Erderwärmung sondern eine realistische Politik der kleinen Schritte.

          Jetzt ist auch der November nicht mehr das, was er einmal war. Statt grauer Tage und schlechter Laune hat sich der Herbstmonat die meiste Zeit wie ein unterbelichteter Sommer präsentiert. Die Menschen wandern auf schneebefreiten Bergen, sie sitzen im Biergarten, sie essen Eis. Und das Schönste: Sie sind richtig gut drauf. Wenn das der Klimawandel ist, dann bitte her damit. 

          Ob aus der Warmphase auch ein Rekordmonat werden wird, ist allerdings noch nicht sicher. Denn im letzten Drittel hat der November dann doch noch sein wahres Gesicht gezeigt. Über Nacht stürzten die Temperaturen in Gefrierpunktnähe. Es war wieder einmal jener schnelle Wechsel zwischen warm und kalt, von dem die Klimaforscher annehmen, dass er unser künftiges Wetter beherrschen wird. Alles soll extrem werden, nichts ist mehr normal. Auch das gehört also zu diesem November 2015: Man kann nicht mehr über das Wetter reden, ohne an den Klimawandel zu denken. Und man kann nicht mehr einfach die Wärme genießen, ohne dass sich das schlechte Gewissen meldet. 

          Ist er es jetzt – oder ist er es nicht? Versteckt er sich in einem spätherbstlichen Gänseblümchen auf einer oberbayerischen Wiese oder in einem Super-Hurrikan vor der mexikanischen Küste? 

          Antworten darauf sind schwierig. Es gelingt den Forschern noch immer nicht, ein einzelnes Wetterereignis eindeutig dem Klimawandel zuzuordnen, dafür sind die Abläufe in der Atmosphäre einfach zu komplex. Sie bezeichnen das als Detection- und Attribution-Problem. Sie versuchen also zu trennen zwischen den ganz normalen Launen der Natur – und dem Einfluss des Menschen. 

          Es ist das Chaos

          Wenn es früher einmal einen Sturm gab, war das die Natur. In manchen Jahren stürmte es eben häufiger und stärker als in anderen Jahren. Das war normal, und daran hat sich bis heute nichts geändert – das Wetter ist eben Schwankungen unterworfen. Doch erst wenn man die natürliche Schwankungsbreite auch wirklich kennt, wird die vom Menschen verursachte Klimaänderung erkennbar. Tauchen irgendwann plötzlich immer heftigere Stürme auf, ist das nicht mehr normal. Dann ist der Mensch am Werk. 

          Hinzukommt, dass die Klimaforscher im Chaos forschen. Die Atmosphäre gehorcht keinen linearen Gleichungen. In diesem Durcheinander im Einzelfall menschlichen und natürlichen Anteil zu unterscheiden, ist in etwa so einfach wie durch das Baden in einem Schwimmbecken herauszufinden, wie viel kaltes und warmes Wasser eingelassen wurde. 

          Das Prinzip Angst

          Diese Unsicherheit führt dazu, dass wir den Klimawandel nicht direkt erleben. Wir können ihn nicht spüren, wir können ihn nicht anfassen, er schleicht sich zwar in unser Leben, aber wir merken es nicht. Wir haben höchstens eine dunkle Ahnung. Wissenschaftler sprechen von Wahrscheinlichkeiten. 

          Auf unseren Umgang mit der Erderwärmung, der sich daraus ergibt, haben viele Klimaforscher in der Vergangenheit mit drastischer Rhetorik reagiert. Da wurde vor unkontrollierbaren Folgen gewarnt, Katastrophenszenarien entwickelt und allenthalben schlechtes Gewissen verbreitet. Die Erzählung vom Klimawandel folgte bisher dem Prinzip Angst: Je unheilvoller man die Folgen beschrieb, desto mehr Aufmerksamkeit war einem sicher. Schließlich sollte uns die Botschaft endlich erreichen und aufrütteln: Nur wenn wir uns selbst beherrschen, bleibt auch der Klimawandel beherrschbar. 

          Eine neue Klimaerzählung

          Dieser Kommunikationstil führte allerdings keineswegs dazu, dass das Problem behoben wurde. Im Gegenteil. Um rund vierzig Prozent sind die Treibhausgasemissionen in den letzten 25 Jahren gestiegen. Und das liegt eben auch daran: Alarmismus rettet die Welt nicht, er ermüdet sie. Egal, wie wichtig oder dringend ein Problem ist: Ein Wissenschaftler sollte keine Angst verbreiten. Das ist nicht seine Aufgabe. 

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