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Klimawandel : "Dieser Winter ist ein Alarmsignal"

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Sturmschäden werden die Rückversicherer wohl auch in Zukunft Milliarden kosten Bild: ddp

Stürme wie „Kyrill“ kosten Rückversicherer Milliarden. Die Kosten des Klimaschutzes wären deutlich niedriger, meint Peter Höppe, Leiter der Georisikoforschung der Münchner Rück, im Gespräch mit der F.A.Z.

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          Stürme über Deutschland und frühlingshafte Temperaturen statt Schnee in den Skigebieten - der milde Winter rückt die Angst vor den Folgen des Klimawandels wieder ins Bewusstsein. Die Münchner Rück, den zweitgrößten Rückversicherer der Welt, haben Sturmschäden in den vergangenen Jahren Milliarden gekostet. Ein Intervie mit Peter Höppe, Leiter der Georisikoforschung der Münchner Rück über teure Orkane.

          Herr Höppe, ist der milde Winter Zufall oder Grund zur Sorge?

          Was wir zurzeit erleben, ist ein weiteres klares Indiz dafür, dass sich unser Klima verändert. Dieser Winter ist ein Alarmsignal. Er schlägt bisher alle Rekorde seit Beginn der Wetteraufzeichnung in Deutschland im Jahr 1856. Schon der Herbst war extrem warm. Und auch wenn man den gesamten Jahresverlauf heranzieht, sind die Zeichen sehr ernst zu nehmen: Weltweit fallen die zehn wärmsten Jahre seit 1856 in den Zeitraum von 1995 bis 2006.

          Wird das also so weitergehen?

          Ja. Der britische Wetterdienst hat kürzlich prognostiziert, dass 2007 das bislang wärmste Jahr überhaupt werden wird. Es wird natürlich auch in Zukunft in Deutschland noch so schneereiche Winter geben wie den des vergangenen Jahres, aber die werden immer seltener. Es gibt Prognosen, die wir für valide halten, dass in Süddeutschland die Winter langfristig im Schnitt um 4 bis 5 Grad wärmer werden. Das heißt, ein Winter wie derzeit wird Ende des Jahrhunderts vermutlich der Normalfall sein.

          Wie wahrscheinlich ist es, dass der Winter dieses Jahr doch noch einbricht?

          Das kann man nicht ausschließen, aber solche drastischen Wetterumschwünge sind eher selten. Es gibt bei so ausgeprägten Wetterlagen wie jetzt eine Tendenz zur Beharrung.

          Welche Folgen hat der milde Winter?

          Ein besorgniserregender Effekt ist, dass die Gefahr von Winterstürmen steigt. Wir hatten ja vergangene Woche in Deutschland bereits das Sturmtief "Franz", das zum Glück keine allzu katastrophalen Schäden angerichtet hat. Der jüngste Orkan "Kyrill" vom Donnerstag ist dagegen eindeutig als ein schwererer Sturm einzuschätzen, auch wenn wir noch keine Zahlen haben.

          Warum diese Häufung?

          Wenn das Wetter so mild ist und kein Schnee bis nach Russland hinein liegt, kann sich kein kontinentales Kältehoch bilden, das Stürme abhalten würde. Die Tiefausläufer können deshalb vom Nordatlantik ungehemmt über das europäische Festland ziehen.

          Bekommen wir in Europa demnächst auch milliardenschwere Hurrikan-Schäden wie in Nordamerika?

          Hurrikane sind tropische Wirbelstürme. Dafür braucht es höhere Wassertemperaturen, wie es sie bei uns auch in Zukunft nicht geben wird. Aber 2005 erreichte mit "Vince" erstmals ein Hurrikan, der in den Tropen entstanden war, auch Spanien und Portugal. Das ist eine ernste Warnung auch für Europa.

          Welche Folgen haben die milden Winter für die Versicherungen?

          Einerseits gibt es keine teuren Schäden durch Schneedruck. Letzten Winter lagen die versicherten Schäden durch den starken Schneefall allein in Österreich bei rund 300 Millionen Euro. Andererseits wächst eben die Wahrscheinlichkeit starker Winterstürme, die große Schäden anrichten können. Die Daten zeigen, dass in milden Wintern die Sturmtätigkeit tendenziell höher ist, auch wenn nicht jeder warme Winter schwere Stürme gebracht hat.

          Was muss für den Klimaschutz getan werden?

          Wir können den Klimawandel nicht mehr stoppen, nur noch eindämmen. Wenn in Europa die Durchschnittstemperaturen langfristig nicht stärker als um 2 Grad steigen, können vermutlich zumindest die schlimmsten Katastrophen-Szenarien vermieden werden.

          Was ist dafür notwendig?

          Der Ausstoß von Treibhausgasen, vor allem CO2, muss sehr viel ehrgeiziger gesenkt werden, als es im Kyoto-Protokoll, dem bisher wichtigsten internationalen Klimaschutzabkommen, festgeschrieben ist. Das Kyoto-Protokoll sieht bis 2012 eine Reduktion des weltweiten CO2-Ausstoßes gegenüber 1990 um 5 Prozent vor. Ich schließe mich Forderungen anderer Experten an: Bis 2020 ist ein Rückgang um mindestens 20 Prozent und eine Halbierung bis zur Mitte des Jahrhunderts nötig. Das ist aber das mindeste, ich bezweifle, dass dies reichen wird.

          Würgt aber mehr Klimaschutz nicht die Wirtschaft ab und ist deshalb nicht durchsetzbar?

          Wie viele Klimaforscher sind auch wir überzeugt, dass die Kosten des Klimaschutzes bedeutend niedriger sind als die Kosten durch die Folgen des Klimawandels. Im Übrigen gibt es erhebliche Wachstumspotentiale durch den damit verbundenen Ausbau neuer Technologien.

          Dennoch befürchtet etwa die deutsche Stahlindustrie Wettbewerbsnachteile.

          Deutschland will seine CO2-Emissionen bis 2012 um 21 Prozent und damit im europäischen Vergleich überdurchschnittlich senken. Wir sind aber nicht mehr unbedingt der Musterknabe in Sachen Klimaschutz. Großbritannien hat seit 1990 sehr eindrucksvolle Fortschritte erzielt - obwohl die britische Wirtschaft in diesem Zeitraum dynamisch gewachsen ist. Deutschland sollte weiter Vorreiter sein und damit Maßstäbe setzen.

          Das Gespräch führte Marcus Theurer.

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