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Klimawandel : Die Techno-Kreationisten an der Klimafront

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Ein alter Traum

In einer Studie in den "Proceedings" der amerikanischen Nationalen Akademie der Wissenschaften (Bd. 105, S. 7664) wurden unlängst vor allem die Auswirkungen auf den globalen Wasserhaushalt als riskant eingestuft. Die globalen Niederschlagsmengen würden um bis zu zwei Prozent reduziert - mancherorts träten stark erhöhte, anderswo bis zur Dürre verringerte Niederschlagswerte auf. Es ist vor allem die kurzwellige Sonnenstrahlung, die die Erdoberfläche erwärmt und somit Verdunstung und Niederschläge antreibt. Ein verstärkter Treibhauseffekt vergrößert aber lediglich den Anteil der in der Atmosphäre "gefangener Strahlungsanteil. Dadurch erhitzt sich vor allem die Troposphäre, weniger die Erdoberfläche, es würde nicht zwangsläufig mehr Wasser verdunsten.

Klima und Wetter technisch zu beherrschen ist kein neuer Traum. Am Anfang stand der Versuch, künstliche Wolken zu erzeugen, indem man Kondensationskeime wie Silberiodid injizierte. Im August will China auf diese Weise eine olympische Eröffnungsfeier bei strahlendem Sonnenschein garantieren. Doch auf dem Weg von der Maßnahme zum erhofften Effekt haben die Eingriffe von Ingenieuren häufig ganze Ökosysteme verändert. Als Russland Flüsse, die ins Nordmeer mündeten, in die kasachische Steppe umleitete, um dort Baumwolle zu ernten, wurde das Nordmeer messbar salziger und setzte folglich weniger Eis an. Auch Staudammprojekte belegen in klassischer Regelmäßigkeit: Zu kurz gedacht wurde schon häufig.

Versenkter Kohlenstoff, gedüngte Meere

Neben der "Impfung" der Atmosphäre das Augenmerk der Forscher vor allem den Möglichkeiten, Kohlendioxid aus dem Klimasystem zu beseitigen. Ein Ansatz ist etwa die Düngung der Meere in Regionen, wo bisher wenig Phytoplankton gedeiht. Mit Eisen oder Harnstoff soll die Algenblüte angetrieben werden und damit die photosynthetische Nutzung von Kohlendioxid. Einen Dämpfer für dieses Verfahren, das bestens geeignet schien für den internationalen Emmissionshandel, gab es auf der Biodiversitätskonferenz der Vereinten Nationen vor wenigen Wochen. Dort wurde ein Moratorium für die Ozeandüngung vereinbart, bis die Effekte besser bekannt seien. Noch sei nicht klar, wieviel Plankton wirklich zum Meeresgrund absinken und wieviel in die Nahrungskette gelangen würde.

Auch Methoden zum Versenken von Kohlenstoff stecken noch in den Kinderschuhen. Bisher können nur einige Millionen Tonnen pro Jahr auf diese Weise beseitigt werden - bei Kosten von vierzig bis hundert Euro je Tonne Kohlendioxid. Nötig wären aber jährlich Milliarden Tonnen, wie der schwedische Forscher Anders Hansson in seiner Forschungsarbeit an der Linköpping-Universität herausgefunden hat. Frühere Kohlelagerstätten in Deutschland mit einer Kapazität von wenig mehr als zwei Milliarden Tonnen wären demnach schnell erschöpft. Die Lagerung in flüssiger Form in der Tiefsee indes wird von der Bundesregierung aus ökologischen Gründen rundheraus abgelehnt.

„Manhattan-Projekt“ für das Klima?

Die Europäische Union wird die Forschung zu Abscheidung, Transport und Endlagerung von Kohlendioxid (CCS) in den Jahren von 2007 bis 2013 mit knapp fünfhundert Millionen Euro fördern. In einem Sachstandsbericht für die Bundesregierung kommen das Bundesumweltministerium und das Forschungsministerium allerdings zu dem Schluss, dass die bisherige CCS-Technik noch längst nicht einsatzfähig sei. Auch Anders Hansson stellt lapidar fest: "In ihrem ganzen Ausmaß existiert diese Technik bisher nur in der Vorstellung der Entwickler. Man ist viel zu optimistisch" . Die Europäische Union und mit ihr die Bundesregierung meinen, in fünfzehn Jahren alles Kohlendioxid direkt an der Quelle dem Wechselspiel mit der Atmosphäre entziehen zu können. "Ein unnötiger Umweg auf dem Weg zu erneuerbaren Energien", sagt Hansson - allerdings politisch opportun für Regierungen weltweit, die den Neubau von Kohlekraftwerken forcieren und Zeit gewinnen wollen, bis noch kräftiger an der Emissionsschraube gedreht werden kann.

Mit ihren visionären Vorschlägen zum Geo-Engineering suchen die Forscher derzeit nach einer großen Lösung - und stolpern unterwegs über viele kleinen Lösungen. Dennoch entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass die Befürworter solcher Ansätze bisweilen ein weltweites "Manhattan-Projekt für das Klima" einfordern.

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