https://www.faz.net/-gx8-7hfpv

+++ Klimaticker September +++ : Ökoschwamm, Supergras, Nordpolarloch

Stadtwald Bild: Bergmann, Wonge

Was macht eigentlich die Apokalypse? Unser Glossenticker mit ernsten Nachrichten zum Klimawandel und ihren (weniger ernsten) Pointen. Ein Update mit dem Waldwunder, mit Gerüchten um den Weltklimarat IPCC und dem ominösen Eiszuwachs in der Arktis.

          4 Min.

          +++ 25. September. Lücke weiter geschlossen. Während der Weltklimarat IPCC noch bis Freitag auf seiner Vollversammlung in Stockholm daran arbeitet, der Klimapolitik mit möglichst konkreten Zahlen und wissenschaftlichen Fakten auf die Sprünge zu helfen, sorgen Sozioökologen aus dem Forststaat Österreich für mehr Klarheit im Kohlenstoffhaushalt des Planeten. Es geht um rund 2,5 Milliarden Tonnen Kohlenstoff. Das ist etwa ein Drittel der Kohlenstoffmenge, die jedes Jahr weltweit durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe in die Luft geblasen wird. Die 2,5 Milliarden Tonnen verschwinden aus der Atmosphäre, ohne dass bisher zweifelsfrei geklärt werden konnte, wohin genau. Die Wälder in den höheren Breiten gelten seit längerem als ein Kandidat fürdie heimliche Kohlenstoffspeicherung. Jetzt hat Karls-Heinz Erb vom Wiener Institut für Soziale Ökologie die sehr umfangreichen Daten der österreichischen Forstverwaltungen ausgewertet, Computermodelle damit gefüttert und herausgefunden: Jawohl, 30 bis 40 Prozent dieser residual sink seien auf die veränderte Bewirtschaftung der Wälder zurückzuführen. Schon vor der Mitte des vergangenen Jahrhunderts hat sich die veränderte Waldbewirtschaftung und damit der der Nährstoffhaushalt  entscheidend verändert. Früher wurde nicht nur mehr Holz, sondern auch viel Spreu und Holzmaterial aus den Wäldern heraus geschafft und landete in den Viehställen. Diese Art der Waldnutzung „hat nicht zuletzt aufgrund der Verfügbarkeit von Fossilenergie an Bedeutung verloren“, wie die internationale Forschergruppe um Erb in „Nature Climate Change“ berichtet. Seitdem die Kühe wochenweise abwechselnd  mit hochwertigem Superbenzin und Diesel gefüttert werden, hat sich  die Milchleistung drastisch erhöht und das Interesse an der Waldstreu ist sukzessive zurück gegangen. Leider werden fossile Energieträger immer knapper und unbeliebter. Die  österreichischen Sozioökologen plädieren deshalb dafür, aus dem Horn der Rinder Biodiesel herzustellen und die festen Reststoffe flächendeckend über die nährstoffhungrigen Wälder abzuwerfen, notfalls per Hubschrauber.+++   

          Das „Supergras“ Brachiaria.
          Das „Supergras“ Brachiaria. : Bild: CIAT
          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          +++ 15. September. Das tropische „Supergras“ Brachiaria hat in Feldversuchen bewiesen, was es kann: Es reduziert radikal die Emission von Stickstoffoxiden, insbesondere Lachgas, das aus Ackerböden strömt. Darüber berichteten mehrere Forschergruppen des International Center for Tropical Agriculture (CIAT) auf einem Treffen in Sydney. Wird Brachiaria in der Fruchtfolge etwa mit Mais angebaut, spart der Landwirt ohne große Ernteeinbußen die Hälfte des Stickstoffdüngers. Etwa ein Drittel der Treibhausgasemissionen aus der Landwirtschaft gehen auf die Stickoxidproduktion zurück. Brachiaria, ein Süßgras mit afrikanischer Abstammung, ist inzwischen auch in Mittel- und Südamerika dank deutscher Entwicklungszusammenarbeit verbreitet. Es zeichnet sich in den Wurzeln durch einen Mechanismus aus, der dafür sorgt, dass der Stickstoff im Boden gebunden und nicht so schnell durch Mikroben freigesetzt wird. CIAT-Wissenschaftler haben inzwischen in Kolumbien und Nicaragua neue Hybridsorten entwickelt, die die Stickstoffverbindungen bis zu viermal so effizient wie bisher im Boden binden. „70 Prozent der 150 Millionen Tonnen Stickstoffdünger, die heute in der Landwirtschaft verwendet werden, gehen vor allem durch Lachgas-Leckagen verloren“, klagt das CIAT. Das sei ein Elend. Das tropische Supergras soll deshalb verstärkt auch in den reichen Ländern der gemäßigten Breiten vertrieben werden. Öffentliche Rasenflächen sollen nur noch mit Brachiaria bepflanzt werden dürfen. Die globale Erwärmung könnte den Anbau erleichtern. Dann wäre zwar dank Brachiaria weniger Lachgas in der Luft, aber die Menschen hätten trotzdem mehr zu lachen. +++ 

          Weitere Themen

          Wie Kunststoffe die Umwelt belasten Video-Seite öffnen

          Videografik : Wie Kunststoffe die Umwelt belasten

          Der Bundestag befasst sich abschließend mit einem Verbot leichter Plastiktüten. Mit der Neuregelung des Verpackungsgesetzes will die Bundesregierung den Verbrauch der Tüten weiter reduzieren. Denn Kunststoffe belasten die Umwelt schwer.

          Topmeldungen

          Diego Maradona : Die Schönheit des Spiels

          Keiner verkörperte den Fußball wie Diego Maradona – und das nicht trotz, sondern vielleicht gerade wegen seiner vielen Schwächen. Eine Würdigung dieser Jahrhundertfigur des Sports.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.