https://www.faz.net/-gx8-7ts5y

+++ Klimaticker September +++ : Klimagipfel, Schneckenskandal, Treibhausspitze

Zehntausende gingen allein in New York am Wochenende für den „Klimamarsch“ auf den Straßen. Bild: dpa

Was macht eigentlich die Apokalypse? Unser Glossenticker mit ernsten Nachrichten zum Klimawandel und ihren (weniger ernsten) Pointen. Ein Update zum UN-Klimagipfel in New York, dem vermeintlichen Aussterben einer Landschnecke und dem Rekordanstieg der Treibhausgase.

          5 Min.

          +++ 22. September. Kurz vor dem Klimagipfel der Vereinten Nationen in New York ist von einem Wendepunkt im Klimaschutz weit und breit nicht zu sehen. Die weltweiten Kohlendioxid-Emissionen werden in diesem Jahr wohl erstmals die Schwelle von 40 Milliarden Tonnen überschreiten. Gegenüber 2013 bedeutet das ein Zuwachs von knapp 2,5 Prozent. Damit wird ein langjähriger Trend fortgeschrieben und die Emissionen des Jahres 1990, das Referenzjahr für das Kyoto-Protokoll (das bislang einzige völkerrechtlich verbindliche Klimaschutzabkommen) um 65 Prozent überschritten. In einer gemeinsamen Sonderausgabe von „Nature Climate Change“ und „Nature Geoscience“ schreibt Pierre Friedlingstein von der Universität Exeter, dass die Welt auf die Hälfte der fossilen Brennstoffe, die noch ungenutzt unter der Erde liegen,  verzichten muss, wenn die von der Klimapolitik ihre derzeit diskutierten Klimaziele erreicht werden sollen. An erster Stelle soll die Atmosphäre nicht über zwei Grad erwärmt werden. Um dieses Ziel mit einer Wahrscheinlichkeit von 66 Prozent zu erreichen, dürften höchstens noch 1200 Millarden Tonnen Kohlendioxid in die Luft gepustet werden. Geht es allerdings so weiter wie bisher, wäre auch diese Schwelle in spätestens dreißig Jahren überschritten. Frielingstein ist da allerdings viel pessimistischer als der Weltklimarat IPCC. Energiesparen und neue, weniger kohlenstoffintensive Techniken würden viel langsamer eingeführt als es sich der IPCC ausgerechnet hat. Frielingstein: „Eine Umkehr ist dringend nötig.“ Solche Aussagen bewirken klimapolitisch zwar keine Wunder, aber sie werden gehört. In New York kam es gestern nachmittag zu einem Verkehrschaos, weil Tausende Delegierte auf dem Weg zum Klimagipfel plötzlich in Manhattan kehrt gemacht und zurück zum Flughafen gefahren sind. Nur das gute Zureden von UN-Chef Ban Ki-Moons am Vorabend hat verhindert, dass Obama morgen vor leeren Stuhlreihen spricht.+++

          Gehäuse der Aldabra-Schnecke.
          Gehäuse der Aldabra-Schnecke. : Bild: Justin Gerlach
          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          20. September. Eine gebänderte, kleine Landschnecke von den Seychellen bringt die Royal Society in London und die gesamte Klimafolgenforschung in Schwulitäten. Sie ist nämlich nicht, wie in einem Paper von Justin Gerlach im Jahre 2007 in einem der königlichen Journale vermeldet, wegen zunehmender  Trockenheit ausgestorben. Vielmehr wurden Exemplare der zwei Zentimeter kleinen Aldabra-Schnecke (Rhachistia aldabrae) Ende August diesen Jahres auf Malabar, der zweitgrößten Insel des Atolls, gefunden. Das angebliche Verschwinden der Aladbra-Schnecke war auch für den IPCC ein wichtiges Indiz für die klimatischen Veränderungen, die schon Tausende Arten auf die Rote Liste und Dutzende, ja Hunderte Arten bereits heute zum Aussterben gebracht haben sollen. Die zoologische Wiederentdeckung wäre von der britischen Presse allerdings wohl kaum zum Skandal hochstilisiert worden, wenn sich die zuständige Redaktion mit den Gutachtern der Royal Society nicht geweigert hätten, die Veröffentlichung Gerlachs zurückzunehmen oder einen Widerruf der Aussterbe-Meldung zu drucken. Die beiden entscheidenden Gutachter der „Biology Letters“ waren nämlich auch jene, die seinerzeit Gerlachs Paper ins Blatt gebacht hatten. Die Weltnaturschutzunion IUCN, Sachwalter der Roten Liste, sieht die in der Feldforschung keineswegs unübliche Wiederentdeckung extrem seltener Art als „zweite Chance für die Schnecke“. Im dichten Gestrüpp kann auch schon mal etwas übersehen werden. Jetzt geht es darum, die letzten und vorletzten Exemplare konsequent vor dem Zugriff ehrgeiziger Biologen, Wildlife-Fotografen und der chinesischen Schneckenmafia zu schützen. Deshalb wird die Insel evakuiert und eine Bewässerungsanlage fürs kleine Schneckenvolk installiert. Öffentliches Geld dafür gibt es genug. Das Aldabra-Atoll ist seit 1932 Weltnaturschutzerbe.+++     

          Die Erholung vom „Ozonloch“ in der oberen Atmosphäre über dem Südpol erkennt man nur bei genauerem Hinsehen - durch die fehlenden Violettöne und die etwas blasseren Blautöne in der aktuellen Ozonkarte. Je dunkler die Farbe, desto weniger Ozon in der Stratosphäre. Links die Ozonkonzentrationen am 7. September 2000, rechts am 7. September 2014.
          Die Erholung vom „Ozonloch“ in der oberen Atmosphäre über dem Südpol erkennt man nur bei genauerem Hinsehen - durch die fehlenden Violettöne und die etwas blasseren Blautöne in der aktuellen Ozonkarte. Je dunkler die Farbe, desto weniger Ozon in der Stratosphäre. Links die Ozonkonzentrationen am 7. September 2000, rechts am 7. September 2014. : Bild: Nasa

          +++ 10. September Jedes Jahr zwei Millionen weniger Hautkrebs-Neuerkrankungen, und das noch mindestens 15 Jahre lang, das ist die Hochrechnung, die Unep-Direktor Achim Steiner bei der Vorstellung eines neuen UN-Berichts zur Entwicklung der Ozonschicht vorgelegt hat. Die durch Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW) ausgelösten Verluste in der Ozonschicht, die eigentlich Mensch und Tier vor den schädlichsten UV-Strahlen der Sonne schützt, sind seit anderthalb Jahrzehnten rückläufig. Bis 2030 könnten die Ozonkonzentrationen der achtziger Jahre wieder erreicht werden. Zurückzuführen ist das dem gemeinsamen Bericht von Unep und der Weltmeteorologiebehörde  zufolge auf den völkerrechtlich verbindlichen FCKW-Produktionsstop, der mit der Verabschiedung des Montrealer Protokolls im Jahre 1987  vereinbart worden war. Steiner, der als Leiter des Umweltprogramms der Vereinten Nationen vor ein paar Monaten wieder gewählt wurde, hat zu den Ökoveteranenfeiern in Nairobi und Genf auch je eine Delegation von Kaiserpinguinen aus der Antarktis empfangen. Besonders bei der Unep in Nairobi hat man sich darüber gefreut. Dort wurden die stattlichen Abgesandten vom Südpol mit einem Freudenfeuer und Grillfest empfangen. Beim Rückflug am nächsten Morgen blieb der eine oder andere Sitz in der Pinguinen-Sondermaschine unbesetzt. +++

          Die zehn größten Kohlendioxid-Emittenten
          Die zehn größten Kohlendioxid-Emittenten : Bild: F.A.Z.

          +++ 9.  September. Der Gehalt der Luft an Treibhausgasen hat einen neuen historischen Höchstwert erreicht. Mit mehr als 400 ppm (Anteile pro Million Luftmoleküle) Kohlendioxid wurde 2013 die Konzentration der vorindustriellen Zeit um 142 Prozent überschritten. Methan, das zweitwichtigste Treibhausgas, liegt sogar 253 Prozent über den Werten des achtzehnten Jahrhunderts, Stickstoffoxide um 121 Prozent darüber. So ist es in dem jüngsten Bericht  der Weltmeteorologiebehörde WMO  nachzulesen. Der Anstieg zwischen 2012 und 2013 war größer als in jedem Jahr davor seit 1984. Besonders prekär wird es für die Weltmeere. Die Aufnahme des Kohlendioxids ins Meerwasser führt zu einer sukzessiven Versauerung durch die Anhäufung von Kohlensäure. Kalkschalen bildende Tiere und Plankton seien von der Versauerung besonders bedroht, die Kalkbildung werde bereits massiv gestört: “Der Säuregehalt hat den höchsten Stand seit 300 Millionen Jahren erreicht“, heisst es in dem WMO-Report. Die letzten Augenzeugen aus jener Erdpoche wurden von den Atmosphärenforschern zu einem Erfahrungsaustausch aus dem Wasser gefischt. Auch Deutschland kann die Katastrophe wohl nicht mehr verhindern. Das Thünen-Institut in Braunschweig meldete zwar einen Tag vor der Bekanntgabe der WMO, dass in den deutschen Wäldern mittlerweile gut 300 Millionen Tonnen Kohlenstoff mehr als noch 1990 in Form von Holz, Totholz  und Humus abgespeichert da liegen, aber das ist für die Meeresbewohner natürlich kein Trost. Das Mindestete, was sie erwarten dürfen, ist Gleichberechtigung. Die Meeresschnecken plädieren deshalb für ein supranationales Kalkungsprogramm, das sich schon im Kampf der Forstleute gegen den sauren Regen bewährt hatte. Die Staaten müssten mit allen Mitteln gegen die Versauerung der Ozeane einschreiten. Seekrankheit ist unter Androhung einer Strafe verboten. Wer künftig dennoch seinen sauren Mageninhalt ins Meer entleert, muss mit einem empfindlichen Bußgeld rechnen. +++

          Wappentier: dieses Exemplar heißt Denali und ist bereits 16 Jahre alt. Im „Six Flags Discovery Kingdom“ im kalifornischen Vallejo ist er die patriotische Hauptattraktion
          Wappentier: dieses Exemplar heißt Denali und ist bereits 16 Jahre alt. Im „Six Flags Discovery Kingdom“ im kalifornischen Vallejo ist er die patriotische Hauptattraktion : Bild: Reuters

          +++ 8. September. Die amerikanische National Audubon Society, einer der weltweit größten Vogelschutzverbände der Welt, rechnet mit  dramatischen Veränderungen in der nordamerikansichen Vogelfauna. 314 Vogelarten, also knapp die Hälfte der etwa 650 amerikanischen Spezies, sei durch den Klimawandel in ihrem Bestand bedroht. Bis 2050 dürfte ein Fünftel der Arten in ihren heutigen Verbreitungsgebieten um mehr als die Hälfte schrumpfen. Der Trompetenschwan, Basstölpel und Fichtenspecht könnten ganz verschwinden. Auch der amerikanische Wappenvogel, der Weisskopfseeadler, ist bedroht: Bis 2080 dürfte er drei Viertel seiner Brutgebiete verlieren, heisst es in dem „Klimabericht“. Und noch einem anderen Staatsvogel droht das Aus: Der Baltimoretrupial - Baltimore oriole - dürfte auf lange Sicht im Bundesstaat Maryland künftig keine Heimstatt mehr finden. Mit dem aus dem Italienischen stammenden Staatsmotto „fatti maschi, parole femmine„ (sinngemäß: starke Heldentaten, sanfte Parolen) lässt sich da kaum noch etwas machen. Deshalb will Maryland nach der Abschaffung der Todesstrafe im vorigen Jahr auch im Vogelschutz ein Exempel statuieren und jede Verkehrsinsel im Land mit Bäumen bepflanzen, in die jeweils ein kunstvoll geflochtenes Kugelnest mit einem Stars-and-Stripes-Banner auf der Baumkrone eingerichtet wird. +++ 

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Armin Laschet, der neue Parteivorsitzende einer gespaltenen CDU.

          Neuer CDU-Vorsitzender : Mit Laschet auf Nummer Sicher

          So eindeutig Armin Laschet sich gegen Friedrich Merz durchsetzen konnte, so gespalten bleibt die Partei. Laschet wird die Kanzlerkandidatur ansteuern. Die Entscheidung darüber fällt in den Landtagswahlen.

          Panne bei CDU-Parteitag : „Das Mikro stand auf Grün“

          Hans-Werner Adams war der heimliche Star des CDU-Parteitags – obwohl er gar nichts gesagt hat. Im Interview spricht der CDU-Delegierte über Probleme mit der Technik, Fassbier – und seine Meinung zum Ausgang der Wahl zum Vorsitzenden.

          Nach Niederlage : Merz will Wirtschaftsminister werden

          Die Wahl um den CDU-Parteivorsitz hat Friedrich Merz verloren. Dem Sieger Armin Laschet hat er nun angeboten, als Wirtschaftsminister in die Bundesregierung einzutreten – und zwar in die jetzige. Die Kanzlerin will ihr Kabinett allerdings nicht umbilden.
          Der Feind, gegen den neue Verdachtstheorien in Politik und Gesellschaft immer militanter agitieren, ohne ihn erkennen zu wollen, ist die Komplexität der Lage selbst.

          Verdachtstheorien : Das Komplott war die Geschichte selbst

          Schon in den sechziger Jahren riefen die politischen Ereignisse bei vielen Zeitgenossen tiefes Misstrauen hervor. Was verrät die Konjunktur von Verschwörungstheorien über die geistige Situation der Zeit?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.