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+++ Klimaticker Oktober +++ : Klimaschäden, Bäumchenspiel, Alternativ-Klimabibel

Etwa 4000 Menschen leben auf der Insel Quirimba weit im Norden Moçambiques. Bild: David Klaubert

Was macht eigentlich die Apokalypse? Unser Glossenticker mit ernsten Nachrichten zum Klimawandel und ihren (weniger ernsten) Pointen. Ein Update mit einer UN-Umfrage, der Spieltheorie im Treibhauspoker und dem NIPCC-Klimabericht.

          7 Min.

          +++ 25. Oktober. Was auch immer in den gefährdeten Ländern bereits getan wird, um steigenden Meerespegeln, Dürren, Küsteneroision, Ernteausfällen und Überschwemmungen zu begegnen, es ist offenichtlich nicht einmal annähernd genug. Zwischen 72 und 96 Prozent der insgesamt 3269 Menschen, die man in Afrika und Asien befragt hat, geben an, dass sie trotz lokaler Klimaschutzmaßnahmen die Auswirkungen des Klimawandels zu spüren bekommen. Die „Verluste und Schäden“ in neun Entwicklungsländern (Bangladesch, Bhutan, Burkina Faso, Äthiopien, Gambia, Kenia, Micronesien, Mosambique and Nepal) wurden von Bonner Mitarbeitern der Vereinten Nationen um Koko  Warner und Kees van der Geest zur Vorbereitung des bevorstehenden Klimagipfels in Warschau erhoben und in einem Sonderheft des „International Journal of Climate Change“ präsentiert. Beispiel Kosrae, eine der aktivsten Inseln Mikronesiens: Obwohl dort schon fleißig Dämme gebaut  und Küstenlinien aufgeschüttet werden,  Vegetation angefpanzt und Häuser verlegt werden, fühlen sich immer noch vierzig Prozent machtlos und tun nichts gegen Sturmflutschäden. Der Grund: Zu teuer, sagen die meisten, und nutzlos. Viele haben bereits die Erfahrung gemacht, dass die getroffenen Schutzmaßnahmen von der nächsten Flut fortgespült werden. Sogar die Plünderung einer historischen Stadtmauer, deren große Steinbrocken man zum Sützen  von Dämmen verwendet hat, hat offenbar nicht viel gebracht. „Am stärksten gefährdet sind offenbar die Lebensmittelerzeugung und die Unterkünfte an den Küsten“, schreiben die Autoren in ihrem Aufsatz. Die Vereinten Nationen haben bereits reagiert. Zur Belohnung für die Auskunftsbereitschaft haben sie den Tausenden Befragten einen Flug in der Businessklasse nach Warschau spendiert. Dort sollen die Männer und Frauen in Trachten auftreten und die Teilnehmer des Klimagipfels mit traditionellen Tänzen für ihre Sache gewinnen. Das Klingelbeutelverbot für Diplomaten wird für sie vorläufig außer Kraft gesetzt. +++

          Kraftfahrzeuge Bild: dpa
          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          +++ 20. Oktober. Gruppendruck ist schädlich und die Verantwortung für kommende Generationen ein schlechtes Argument, wenn es darum geht,  die Menschen alle zusammen für verschärften Klimaschutz zu gewinnen. Das ist kein Auszug aus dem neuen Programm der Liberalen, sondern Ergebnis von Evolutionsforschung. Eine Gruppe von Umweltforschern  aus New York und Spieltheoretikern um Manfred Milinski vom Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie hat Studenten 40 Euro ausgehändigt, um als Gruppe von jeweils sechs Anlegern zusammen in eine klimaschonende Zukunft zu investieren. Wenn sie es schafften, mindestens 120 Euro für den Klimaschutz zusammen zu legen, sollten sie wählen können: entweder am nächsten Tag 45 Euro an Rendite zurück erhalten, sieben Wochen später oder der Profit sollte in die Anpflanzung von Eichenbäumen fließen, was sich also erst für spätere Generationen später auszahlen sollte. Einzelne Spieler steuerten zwar etwas in den Pool für kommende Generationen bei, aber es war zu wenig: Keine einzige Gruppe sammelte genug Geld fürs Bäumchenpflanzen. „Übertragen auf die internationalen Klimaverhandlungen ist das eine ernüchternde Bilanz“, schreiben die Forscher in „Nature Climate Change“, denn:  „Was es nun braucht, ist ein kurzfristig wirkender Anreiz zur Kooperation, sei es eine Bestrafung, eine Belohnung oder ein Reputationsgewinn“. Das ist eine schöne Auswahl. Auf der nächsten Generalversammlung der Völkergemeinschaft in New York darf jeder Staatschef sein Kreuzchen machen, wie er es denn gerne hätte. Obama wird sich sicher für amerikanische Drohnen rund um den Globus entscheiden und das als Belohnung (Zugewinn an Sicherheit durch Klimaschutz) verkaufen, Kanzlerin Merkel wird anbieten, in jedem kooperationsbereiten Land zehn Verkaufsfilialen deutscher Luxuswagenanbieter pro Quadratkilometer bauen zu lassen. Das ist was fürs Auge, aber nicht nur. Über jeder Filiale prangt der Leitspruch deutscher Klimaethik: Erst kommt das Kohlendioxid, dann die Moral. +++ 

          Alternativ-Klimabibel
          Alternativ-Klimabibel : Bild: NIPCC

          +++ 14. Oktober. Trotz weiterer Kohlendioxid-Emissionen ist in den kommenden Jahrzehnten mit einer Abkühlung des Weltklimas zu rechnen. Das prophezeit  das  „Non-Governmental Panel on Climat Change“, ein 2003 von dem amerikanischen Klimaskeptiker Fred Singer initiierten Zirkel, der seinen neuen Band „Climate Change Reconsidered II. Physical Science“ veröffentlicht hat. Ursache für die globale Kältewelle soll die nachlassende Sonnenaktivität sein; zudem sei Kohlendioxid nur ein „mildes“ Treibhausgas, dessen Wirkung bei  steigender Konzentration nachlasse. Der Bericht wurde vom ultrakonservativen Heartland Institute veröffentlicht, das vergangenes Jahr nach einer Plakataktion in finanzielle Nöte geraten war, in der Menschen, die sich vor dem Klimawandel fürchten, in eine Reihe mit dem Unabomber gestellt worden waren. Das NIPCC soll in jeder Hinsicht eine Alternative zum Weltklimarat IPCC darstellen und gilt als sozial ambitioniert. Anstelle von Klimaforschern mit offenkundigen Eigeneinteressen wie beim IPCC kommen beim NIPCC großteils pensionierte und damit „unabhängige“ Autoren und Gutachter zum Zug, die sorgfältig die wissenschaftliche Literatur nach wertvollen Ergebnissen durchsuchen und die Daten „objektiv ohne eigene Agenda analysieren und interpretieren“. Auch ein deutscher Autor ist dabei: Sebastian Lüning, Geologe, bis vergangenes Jahr angestellt beim Öl- und Gasunternehmen RWE Dea. Seine Unabhängigkeit hat er durch diverse Film- und Buchprojekte bewiesen.Was die menschliche Schuld am Klimawandel angeht, die das IPCC kürzlich zu mehr als 95 Prozent sicher eingestuft hat, sagt das NIPCC in seiner 25seitigen „Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger“ beispielsweise: „Es gibt keine enge Korrelation zwischen der Temperatur-Variation der letzten 150 Jahre und mit dem Menschen in Verbindung stehenden CO2-Emissionen. Der parallele Verlauf von Temperatur und CO2 zwischen etwa 1980 und 2000 könnte Zufall sein und enthält nicht unbedingt Kausalität.“ So viel sprachliche Sanftmut und Spekulationsfreude wünscht man sich auch beim IPCC. Beim Weltklimarat will man deshalb künftig auch nach reiferen Frauen und Männern Ausschau halten, die beim Schreiben des offiziellen Klimaberichts den Kopf frei haben von komplexen Analysen, die sich nicht von Politikern stressen lassen und sich nur ihrem eigenen Glauben und Gewissen verpflichtet fühlen. +++

          Bild: Tourism Australia

          +++ 6. Oktober. Auch Ökosysteme haben so etwas wie eine Schwarmintelligenz. Biologen haben schon länger Indizien dafür gesammt, dass die Stabilität natürlicher Lebensräume von der Vielfalt  der Arten abhängt. Jetzt sind die Meteorologen um Martin Claussen vom Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg bei der Modellierung der Sahara-Austrockung vor mehr als 4000 Jahren gestoßen. Die Forscher haben sich die Sedimente des Yoa-Sees im Tschad vorgenommen und ein Computermodell entwickelt, das den Wasserbedarf einzelner Pflanzengruppen berücksichtigt und so die Interaktion zwischen Niederschlägen und Vegetation simuliert. Ergebnis: Anders als von vielen Forschern gedacht, kam es beim Übergang von einer grünen zu einer Wüsten-Sahara nicht zu einem rapiden Zusammenbruch des Lebensraums. Vielmehr fluktuierte die Flora in größeren Abständen, und der Übergang zu einer Haltrockenflora  war eher allmählich - was nicht zuletzt an der Vielfalt der Vegetation seinerzeit lag. Schon der Verlust einer einzelnen wichtigen Pflanzenart kann aber nach diesem Modell dazu führen, dass das Biotop bei moderat wechselnden Klimaverhältnissen abrupt zusammenbricht, wie die Forscher in „Nature Geoscience“ berichten. Jedes Blatt wird also gebraucht, wenn der Klimawandel zuschlägt. Für den Naturschutz bietet sich damit eine große Zukunft bei der Hege heikler Biotope. Wenn möglich sollten jedes Frühjahr die jungen, keimenden Gewächse mit GPS-Chips ausgestattet und vor dem Wildfraß mit Chilipulver von Demeter geschützt werden.+++  

          +++ 3. Oktober. Koalabären droht der Hitzekollaps. Wie schon im Jahr 2009,  als schätzungsweise ein Viertel der Koalas in den nordaustralischen Wäldern einer ungewöhnlich starken Hitzewelle zum Opfer fielen, so könnte die niedlichen Eukalyptusesser das Unglück bald schon regelmäßig ereilen. Das prophezeien Forscher der University of Sydney. Matthew Crother und seine Kollegen haben in North South Wales drei Jahre lang vierzig mit GPS-Sendern ausgestattete Koalas beobachtet. Wie sie in der Zeitschrift „Ecography“  schreiben, haben sich die Koalas während ihrer zwanzigstündigen Schlafphase am Tag Baumarten mit besonders dichten Kronen ausgesucht, die ihnen möglichst viel Schatten spenden sollen. Nachts fressen sie in den Eukalyptusbäumen. „Wenn die Hitzewellen wie vorausgesagt zunehmen, braucht man zum Schutz der Koalas mehr von diesen Bäumen“, so die Forscher. Bis die neuen Bäume die erforderliche Höhe und das großzügige Blattwerk ausgebildet haben, wird die Bevölkerung aufgerufen, leerstehende Dachgeschosswohnungen für Koalafamilien frei zu räumen und ausgemusterte Sonnenschirme bei den zuständigen Forstverwaltungen abzugeben. +++

          +++ 1. Oktober. Der Weltklimarat IPCC hat vier Tage nach der kurzen „Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger“  seinen mehr als tausendseitigen 5. Sachstandsbericht AR5 der Arbeitsgruppe 1 (“The physical science basis“)  veröffentlicht. Es handelt sich um eine vorläufige Version. Bis zum Januar 2014 sollen noch Fehler gemeldet und beseitigt werden können. Die dreizehn Kapitel des Klimaberichts spiegeln das naturwissenschaftliche Verständnis des Klimawandels und enthalten das aktuelle Klimawissen (Stand: 390,5 ppm CO2). Die ersten drei Kapitel über die gesammelten Beobachtungen in der Atmosphäre, den Ozeanen und der Kryosphäre enthalten die Rekordmenge von insgesamt 261 mal „likely“ -  Likely, zu deutsch: wahrscheinlich, ist der zentrale Begriff in dem Report. Mit ihm wird die verfügbare Evidenz umschrieben. Jeder wissenschaftliche Befund hat einen Grad an Wahrscheinlichkeit, das geht los bei „extremely likely“ für eine Wahrscheinlichkeit von 95 bis 100 Prozent (darüber liegt nur noch das seltene “virtually certain“)  bis hinab zu „exceptionally unlikley“ mit einer Wahrscheinlichkeit unter 1 Prozent. Leider hat es der IPCC nicht mehr rechtzeitig geschafft, eine interaktive Version des Weltklimaberichts ins Netz zu stellen. Viele Fans hatten gehofft, der Rat werde seinen angekündigten Reformeifer dazu verwenden, den Klimabericht mit „Like“-Buttons am Ende jeder Teilanalyse auszustatten. Bis zum Endbericht im Januar könnte das noch gelingen. Ein „Unlike“-Button ist allerdings extremley unlikely.. Der Klimarat,  so war aus zuverlässigen Quellen zu hören,  erwartet nicht mehr und nicht weniger als 100 Prozent Zustimmung zu seinem Bericht. +++ 

          Mehr Fördergeld für weniger Kohlendioxid-Emissionen
          Mehr Fördergeld für weniger Kohlendioxid-Emissionen : Bild: Daniel Pilar

          +++ 1. Oktober. Das schwedische Möbelhaus Ikea will den Ausstieg aus der Kohlenstoffwirtschaft und die Transformation in eine dekarbonisierte Konsumwelt erleichtern. Alle britischen Filialen werden in den kommenden zehn Monaten beginnen,  Solapanels zu verkaufen. Für umgerechnet 6.800 Euro bekommt der Käufer beispielsweise 18 Panels für ein 3,36-Kilowatt-System. Für einen durchschnittlichen Haushalt soll sich dank der Subventionen und der gesunkenen Preise das eigene Solardach je nach Standort in sieben Jahren amortisieren. Das Pilotprogramm in einer der Londoner Filialen war erfolgreich, im Schnitt wurde seit Juli fast jeden Tag eine Anlage verkauft. “Die Zeit ist reif“, sagte Ikea-Manager Steve Howard der Nachrichtenagentur AP. Den Anlagen liegt eine illustrierte Gebrauchsanweisung bei, damit die britischen Bürger wissen, wo sie die Sonne am Himmel finden können. Von einer Installation vor dem nächsten Frühjahr wird abgeraten. +++

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