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+++ Klimaticker Februar +++ : Küstenlinien, Stichlingsherz, Magmaschleudern

Aktiv: Der Vulkan Grimsvötn unter dem Vatnajokull-Gletscher im Südosten Islands. Bild: REUTERS

Was macht eigentlich die Apokalypse? Unser Glossenticker mit ernsten Nachrichten zum Klimawandel und ihren (weniger ernsten) Pointen. Ein Update zu den Verschiebungen der Küstenlinien, über anpassungsfreudige Nordsee-Fische und sensible Vulkane.

          3 Min.

          +++ 4. Februar. Über das internationale Seerecht muss neu nachgedacht werden. Was wird etwa aus der 200-Meilen-Zone vor der Küste jedes Küstenlandes, fragen Experten in dem Bericht „Klimawandel: Was er für die Sicherheit bedeutet“, wenn der Meeresspiegel wie vorausgesagt immer schneller ansteigt? Die sogenannte „Ausschließliche Wirtschaftszone“ (AWZ), in dem der jeweils angrenzende Küstenstaat begrenzt souveräne Rechte und Hoheitsbefugnisse wahrnehmen kann, wird durch die Küstenlinie festgelegt, und sie vergrößert sich durch die Verschiebung derselben ins Landesinnere nach Angaben der Fachleute der Cambridge University und der Internetseite „klimafakten.de“ im Laufe der Zeit immer weiter.  Der Anstieg des Wassers wird damit zu einem veritablen Sichereitsproblem. In den Worten der Autoren liest sich das so: „Die Folgen des Klimawandels können die Fähigkeit globaler und regionaler Sicherheitssysteme zu friedlichen Konfliktlösungen überfordern.“  In der Tat stellt sich die Frage nach den aquatischen Kompetenzen der Militärs, Wasserpolizei und Grenzschützer ganz neu. Die Ausstattung der Bundeswehr gibt das heute schon nicht her, wie man weiß. Schwimmwesten sind Mangelware, erst Recht Patrouillenboote. Beim ersten Morgenappell nach Bekanntwerden der Sicherheitslücke haben 80 Prozent der Sicherheitskräfte ihre Schwimmwesten nicht gefunden, bei 90 Prozent der anderen eiligst umgehängten  Westen waren die Ventile vom letzten Besäufnis zerkaut und mit Latrinenparolen beschmiert. Beispiel gefällig? „Lieber saufen bis zum abwinken als winken bis zum absaufen“.+++

          Dreistacheliger Stichling
          Dreistacheliger Stichling : Bild: Tina Wagner, AWI
          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          +++ 3. Februar. Die Mütter spielen möglicherweise eine herausragende Wolle, wenn es um die Anpassung an die globale Erwärmung geht. Jedenfalls lässt sich das beim Dreistachligen Stichling aus der Nordsee vermuten.  Zwei Forscher vom Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Bremerhaven,  Lisa Shama und Mathias Wegner, haben das in einem mehrmonatigen Laborversuch herausgefunden. Die Frage war: Kommen die kleinen Fische aus dem Wattenmeer mit einer Erwärmung von 17 auf 21 Grad Wassertemperatur klar oder nicht? Die Antwort lautet: Die von Hause aus extrem anpassungsfähigen Fische können das durchaus schaffen, aber dafür braucht es unbedingt die Weibchen. Die Forscher haben nämlich herausgefunden, dass durch die Verpaarung unterschiedlicher Fischfamilien aus Aquarien mit 17 beziehungsweise 21 Grad Wassertemperatur vor allem jene Jungfische gut gediehen, die bei den gleichen Wassertemperaturen wie die Mütter gehalten wurden. Die Temperaturerfahrungen der Väter waren sekundär. Die Biologen sind auch den Ursachen auf die Spur gekommen, wie in ihrem Bericht in der Zeitschrift „Functional Ecology“ nachzulesen ist. Demnach wird die Schlüsselinformation über die Mitochondrien in den Eizellen weitergegeben. Der Energiestoffwechsel in den Mitochondrien ist also entscheidend.  Die Weibchen geben dem Nachwuchs gewissermaßen an die jeweiligen Umweltbedingungen trainierte Zellkraftwerke mit. Felix Mark und Anneli Strobel vom AWI haben daraufhin gezeigt, dass die Mitochondrien in den Herzmuskelzellen der am besten angepassten Tiere tatsächlich effizienter arbeiten. Die Mütter, teilten die Forscher mit, „stimmen den Nachwuchs auf den Klimawandel ein“. Das ist durchaus lehrreich. Aber auch fragwürdig. Wie soll denn künftig in Schwangerenkursen noch vermittelt werden, wozu Väter gebraucht werden, wenn die Natur uns lehrt, dass die Antwort für die wahren Überlebensfragen allein bei den Müttern liegt? Ein gefährlicher Rückfall in dunkle, antiemanzipatorische Zeiten droht. +++ 

          Der untergegangene Koloss: Die Reste der Fähre „Sewol“ vor Südkoreas Küste
          Der untergegangene Koloss: Die Reste der Fähre „Sewol“ vor Südkoreas Küste : Bild: REUTERS

          +++ 1. Februar. Das Abschmelzen der Eispanzer hat auch für  Vulkanlandschaften unangenehme Folgen. Auf Island hat sich die Erdkruste über den Vulkanen stellenweise um 35 Millimeter pro Jahr angehoben. Die Eisschmelze sorgt offenbar dafür, dass sich der Druck auf den Boden und damit die Fluidität des darunter liegenden Magmas verändert. Die Wahrscheinlichkeit von Vulkanausbrüchen steigt. Die Wissenschaftler haben über Jahre auf dem Vulkangestein 62 GPS-Empfänger installiert und auf die Art das Anheben des Bodens vermessen. Wie die Forscher um Kathleen Compton von der University of Arizona in „Geophysical Research Letters“ schreiben, ist noch nicht endgültig klar, ob das ein Späteffekt der Schmelze nach der letzten Eiszeit ist oder auf den Klimawandel der jüngsten dreißig Jahre zurück geht. Auffallend jedenfalls ist das beschleunigte Anheben der vergangenen Jahre, das einhergeht mit dem beschleunigten Schmelzen der jeweiligen Gletscher. „Es hat uns überrascht, wie gut die Übereinstimmungen sind“, schreibt Teamleiterin Compton. Auch die Geoingenieure sind von der Nachricht auf dem kalten Fuß erwischt worden. Alle haben sie sich schon im Weltraum umgesehen, um Sonnenschutzschirme zu entwerfen, die den Globus vor einem Teil der wärmenden Strahlen schützen könnten, sie waren auch schon in ausrangierten Ölkavernen tief unter der Erde, aber noch keiner hat sich überlegt, welche Spannbettücher stabil genug sein könnten, die Erdkruste über den feuerspeienden Vulkanen vor dem Bersten zu bewahren. +++ 

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