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+++ Klimaticker August +++ : Meeresasylanten, Dauerdürre, Reptilienbrut

Manta Bild: Picture-Alliance

Was macht eigentlich die Apokalypse? Unser Glossenticker mit ernsten Nachrichten zum Klimawandel und ihren (weniger ernsten) Pointen. Ein Update zur Flüchtlingswelle im Meer, einer neuen Klimafreundschaft, zum Reptiliensterben und einer traurigen Gletscherbilanz

          7 Min.

          +++ 31. August. Die schnelle Erwärmung wird die Ozeane keineswegs nur belasten, sie dürfte in dem einen oder anderen Meer sogar die biologische Vielfalt anfachen und dort, wo heute Artenarmut herrscht, für eine unverhoffte Vielfalt sorgen. Darauf weisen Paläobiologen um Wolfgang Kießling von der Universität Erlangen-Nürnberg in der Zeitschrift „Nature Climate Change“ hin. Zugrunde liegen dieser Einschätzung Klimawandel-Simulationen mit einem Computermodell, das die Temperaturtoleranz von mehr als 13.000 Meeresarten - vom Einzeller bis zum Säugetier - berücksichtigt. „Eine schnell voranschreitende Klimaerwärmung wird es vielen Arten erleichtern, sich in neuen Gebieten auszubreiten. Fehlen dann noch ihre gewöhnlichen Rivalen oder Jäger, kann es dazu kommen, dass die neu angesiedelten Arten die heimischen Arten verdrängen“, erklärt Kießling. Dadurch könnten allerdings auch ökologisch einmalige Regionen aussterben und die Meere in ihrer Artenzusammensetzung immer ähnlicher werden, warnen die Forscher. Nach dem schlimmsten Erwärmungsszenario ist demnach sogar mit einem massiven Verlust der Artenvielfalt in Äquatornähe zu rechnen. Im Grunde rollt die biologische Flüchtlingswelle allerdings längst schon. Im Nationalparkbüro für das Wattenmeer bereitet man sich auf die Ankunft der ersten Schwärme von bis zu neun Meter langen und drei Tonnen schweren Mantarochen vor. Weil die Wattwürmer nicht nachkommen, die Küste schnell genug aufzutürmen, um den Mantas eine annehmbare Wassertiefe zur Verfügung zu stellen, rollen jetzt die Bagger an. Kein Manta soll auf sein Grundrecht auf Asyl verzichten müssen. Die Kanzlerin hat für die Bewältigung der Flüchtlingskrise am Vormittag die richtigen Worte gefunden: „Eine nationale Aufgabe, die jeden angeht". +++

          Plattform von Petrobras im Campos Bassin
          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          +++ 21. August. Die Vision einer „klimaneutralen Welt“ ist  nach dem Dafürhalten von Bundesumweltministerin Barbara Hendricks ein Stück näher gerückt. Grund ist die gemeinsame Klimaschutzerklärung der Regierungschefinnen von Brasilien und Deutschland. „Erstmals bekennen sich ein Industriestaat und ein Schwellenland gemeinsam zum ehrgeizigen Ziel der Dekarbonisierung der Weltwirtschaft im Laufe des Jahrhunderts“, schwärmt Hendricks.

          Die Schutzgebiete im Amazonas würden um 60 Millionen Hektar ausgeweitet, illegale Rodungen bekämpft und neue Wälder auf 12 Millionen Hektar aufgeforstet. Bis zum Ende des Jahrhunderts sollen keine fossilen Brennstoffe mehr zur Energieversorgung eingesetzt werden. Das Bundesumweltministerium wird 32,4 Millionen Euro für „„Neuvorhaben“ im Klimaschutz an Brasilien überweisen. „Ein Wendepunkt“, jubelt Hendricks. Die Ministerin fühlt sich in ihrer Rolle als Idealisitin immer wohler. Der brasilianische Staatskonzern Petrobas dagegen findet das nur peinlich. Wie soll man die zwei Milliarden Euro, die man durch die größte Korruptionsaffäre der Geschichte eingebüßt hat,mit solchen Peanuts-Beträgen in einer angemessen Zeit wieder einfahren? +++

          Eidechsen-Brut

          +++ 20. August. Kalifornien, einer der acht produktivsten Wirtschaftsräume der Erde, ist auf dem Weg in eine Dauerdürre. Dieses düstere Szenario beschreiben Forscher des Lamont-Doherty Earth Observatory an der New Yorker Columbia University. Sie haben alle verfügbaren Messwerte über Temperatur, Niederschlag, Feuchtigkeit, Winde und weitere meteorologische Daten seit 1901 ausgewertet. Ihr Fazit: Es regnet nicht sehr viel weniger, dennoch verliert die Erde immer mehr Wasser. Die Erwärmung um im Mittel rund 2,5 Grad in dieser Zeit hat die Wasservorräte in vielen Böden  - trotz starker kurzfristiger Wetterschwankungen - sukzessive geschmälert. Wie sie in den „Geophysical Reserch Letters“ berichten, dürfte ihren Schätzungen zufolge ein Anteil von 8 bis 27 Prozent der Austrockung - am wahrscheinlichsten etwa 20 Prozent - auf die globale Erwärmung zurückzuführen sein. „Selbst wenn es künftig mehr regnen sollte, die stärkere Verdunstung überwiegt.“ Gegolft wird deshalb in Kalifornien vorübergehend auf Kunstrasen. Die beiden Verbände Nord- und Südkaliforniens, von denen jeder mindestens 150.000 Mitglieder sowie jeweils mehr als 1300 Golfplätze zählt, erwägen in einem nächsten Schritt, die Grüns zu überdachen und geschlossene Biosphären-Kuppeln zu errichten, in denen der Wasserkreislauf geschlossen und die Golfbälle aus kompostierbaren Hanffasern  bestehen müssen. Gekifft wird nur außerhalb der Kuppeln. +++

          Die natürlichen Ressourcen schwinden.

          +++ 18. August. Bei 43,33 Grad liegt die Schmerzgrenze für Eidechsen. Wenn die Temperatur im Nest der Reptilien auch nur für kurze Zeit höher steigt, ist die Brut ausgelöscht. In den Vereinigten Staaten beispielsweise bedeutet das, dass die Gebiete, in denen Eidechsen hitzebedingt keinen Nachwuchs zeugen können, von heute drei Prozent zum Ende des Jahrhunderts auf 48 Prozent anwächst. Das schreiben Michael Angiletta und seine Kollegen vond er Arizona State Univsersity in den „Proceedings of the Royal Society B“. Eidechsengraben Nester und legen sämtliche Eier an einer Stelle ab. Die zwei Monate bis zum Schlüpfen ist der Nachwuchs den äußeren Bedingungen ausgeliefert. Angiletta: „Selbst wenn die Weibchen etwas tiefer graben, könnte es geschehen, dass die Maximaltemperatur während einer Hitzewelle kurzzeitig überschritten wird. Graben sie noch tiefer, könnte es sein, dass die frisch geschlüpften Eidechsen nicht schnell genug an die Luft kommen.“ Genau so dürfte es schwangeren Frauen auch gehen. Schlimmer noch. Wo soll der Fötus denn hinkriechen, wenn sich die Frau gutgäubig der globalen Erwärmung  aussetzt? Die gynäkologischen Fachgesellschaften haben fatalerweise noch kein Wort darüber verloren, dass wir künftig zu 100 Prozent Risikoschwangerschaften haben werden. So jedenfalls wird das nichts mit der gewünschten Erhöhung der Geburtenrate. +++

          Gewusst wie: Frischlinge kann man zu Haustieren umerziehen. Auch das lernt man im neuen Buch von Thomas Macho. Doch Vorsicht: Der Autor unkt auch von unserem Gefressenwerden.

          +++ 12. August. Heute ist „Welterschöpfungstag“. Sämtliche natürlichen Ressourcen für dieses Jahr sind ab heute aufgebraucht. Darauf weist die Umweltstiftung WWF unter Berufung auf das „Gobal Footprint Network“ hin. Ab heute lebt die Menschheit bis zum Jahresende bei der Natur auf Pump. Ausschlaggebend für die Bestimmung des „Overshootday“ ist das Votum Dutzender Umweltinitiativen, Organisationen und Körperschaften, die in einem globalen Netzwerk zusammen arbeiten.  In diesem Jahr rückt er im Vergleich zu den Vorjahren einige Tage nach vorn, wie der WWF mitteilte. Grundlage für die Berechnungen ist der sogenannte ökologische Fußabdruck. Als Eselsbrücke kann man sich merken: Je größer die Füsse, desto kleiner das Hirn. Und desto schmutziger die Geschäfte. Jeder Bewohner der Vereinigten Arabischen Emirate zum Beipiel hat mehr als zehn Hektar große ölgetränkte Füße, der Durchschnittsdeutsche hat bloß halb so große Füße. Damit kommt er auf dem grünen Parkett zwar immer noch oft genug ins Stolpern, aber immerhin sorgt die politische Spitze mit offiziellen Waschungen fürs Fußvolk und Aktionstagen wie den Energiewendeeinheitstag dafür, dass die kokelnden Füsse nicht mehr so bestialisch stinken. +++

          Gletscherkollaps auch in Patagonien, hier der Perito-Moreno-Gletscher im Süden Argentiniens.

          +++ 12. August.  Die Zunahme der Wildschweinpopulationen in Europa lässt sich statistisch in direkten Zusammenhang zum Klimwandel bringen. Wie das Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie (FIWI) der Vetmeduni Vienna in der Zeitschrift „PlosOne“ vorrrechnet, hat der Vergleich von Temperatur- und Niederschlagsdaten mit den Jagdstatistiken aus zwölf europäischen Ländern ergeben: „Die Wildschweinpopulationen wachsen seit den achtziger Jahren exponentiell, weil die milden Winter immer häufiger werden.“ Darin unterscheiden sich Wildschweine deutlich von uns Menschen. Wir nutzen die milden Winter bis zum heutigen Tag noch immer nicht sinnvoll, die Geburtenraten im Land sind zuletzt immer weiter gefallen. Das könnte, wie sich leicht aus den Forschungsergebnissen ableiten lässt, an der Ernährung liegen;  Wildschweine haben sich viel früher auf klimwandelfreundliche vegane Ernähung - Bucheckern und Eicheln - festgelegt. Zum anderen könnte die Größe eine Rolle spielen: Die Thermoregulation kleiner Tiere sei vorteilhafter bei Erwärmung, schreiben die Autoren, das Verhältnis von Körperoberfläche zu Körpervolumen günstiger. Wildschweine werden also offenbar tendenziell kleiner, während der Durschnittsdeutsche in den letzten hundert Jahren um 15 Zentimeter zugelegt hat. +++

          Das Weiße Haus in Washington, eingehüllt von den Abgasen des nahe gelegenen Kohlekraftwerks.

          +++ 3. August. Das Abschmelzen der Gletscher beschleunigt sich immer schneller. Weltweit gesehen verlieren sie „mehr Eis als jemals zuvor“, und zwar mehr oder weniger homogen über den Globus verteilt, berichtet der World Glacier Monitoring Service (WGMS) mit Sitz in Zürich. In einer neuen Analyse, die in ihrer Datenfülle und dem untersuchten Zeitraum deutlich über den Weltklimabericht des IPCC hinaus geht, kommt die internationale Forschergruppe des WGMS um Michael Zemp zu dem Schluß, dass zwar weiterhin Lücken und damit Unsicherheiten in der Datenererhebung bestehen, dass allerdings das „langfristige Zurückschmelzen der Gletscherzungen ein globales Phänomen“ so gut wie sicher sei. Vereinzelte Zuwächse seien stark regional bedingt und langfristig auch nicht stabil. Systematische Gletscherermessungen gibt es seit 1894, einige historische Aufzeichnungen reichen allerdings auch bis ins 16. Jahrhundert zurück. Ungefähr 47.000 Beobachtungen von 2300 Gletschern wurden ausgewertet. Die größten Eismassen wurden im vergangenen halben Jahrhundert auf Grönland gemessen. Um einen halben bis einen Meter nehmen die Gletscher im Schnitt an Eisdicke mittlerweile ab. Rund 500 Milliarden Tonnen Schmelzwasser fließen damit jedes Jahr in die Weltmeere, der entsprechende Pegelanstieg beträgt im Mittel 1,37 Millimeter weltweit pro Jahr. In den siebziger Jahren waren es noch 150 Millarden Tonnnen Gletscherwasser, in den neunziger Jahren 390 Milliarden Tonnen. Warum die jüngsten Studien, die sich auf Satellitenmessungen berufen, knapp 37 Prozent geringere Eisverluste ermittelt haben, muss den Glaziologen zufolge noch genau ermittelt werden. Alles in allem sei aber klar: „Der weltweite Rückzug der Gletscher ist eines der stärksten Symbole für den globalen Klimawandel“. Die Nasa hat für so etwas natürlich einen Riecher. Deshalb schwärmt sie neuerdings von zerklüfteten Gletschern aus Stickstoffeis auf dem Zwergplaneten Pluto. Keiner darf sich wundern, wenn sie uns in ein paar Jahren einen Exoplaneten in zweitausend Lichtjahren Entfernung schmackhaft machen will, der rundum vereist ist und einer zweiten „Schneeballerde“ bis aufs Haar gleicht. Wir erinnern uns: Mit den großen Eiszeiten fing alles an. Das Nasa-Management macht sich zukunftsfest. +++

          +++ 2. August. Mag sich Amerikas Präsident Obama klimapolitisch jetzt auch noch so ins Zeug legen vor dem Weltklimagipfel, China ist das Flaggschiff der Regenerativen-Großmächte. Jedenfalls in den Augen der Vereinten Nationen. Das Umweltprogramm Unep hat in seiner Reihe der „Erfolgsgeschichten der grünen Ökonomie“ eine bemerkenswerte Lobeshymne auf das Reich der Mitte veröffentlicht und per Twitter verbreitet. Darin wird Chinas Inititiativen als „ein Beispiel für ein von der Politik zielstrebig forciertes Wachstum der regenrativen Energiequellen„ bezeichnet, das Jobs, Vermögen und Einkünfte für eine karbonfreie Zukunft produziere. Basis der chinesischen Daten: Ende 2009. Das ist, klimapolitisch betrachtet, eine Ewigkeit her. Inzwischen gibt es längst ein offizielles Regierungspapier aus China an das Klimasekretariat, das aktuelle Zahlen enthält. Die Gefahr dabei: Die Lobesarie wäre dann wohl noch etwas greller ausgefallen. Beim amerikanischen Präsidenten kommt so was nie gut an, ob mit oder ohne dessen neu erwachte Klima-Großmachtambitionen. +++  

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