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+++ Klimaticker April +++ : Naturgefahren, Klimasprache, IPCC-Terror

Die Fahrt mit der Bahn fällt mal richtig ins Wasser: Überflutete Gleise bei Schönhausen in Sachsen-Anhalt in diesem Juni 2013. Bild: dpa

Was macht eigentlich die Apokalypse? Unser Glossenticker mit ernsten Nachrichten zum Klimawandel und ihren (weniger ernsten) Pointen. Ein Update mit den Kosten durch Naturgefahren, einem Titanic-Mythos und dem jüngsten IPCC-“Skandal“.

          6 Min.

          +++ 26. April. Die Kosten, die durch Naturgefahren entstehen, werden massiv unterschätzt.  Sie sind heute auf einem historischen Niveau, Tendenz: weiter steigend. Das ist kurz gesagt das Ergebnis einer Studie, die unter Federführung von Heidi Kreibich vom Deutsches GeoForschungsZentrum (GFZ) in Potsdam entstanden ist. Die indirekten Kosten würden bisher noch kaum berücksichtigt, und selbst die direkten Kosten lägen vermutlich um 50 Prozent jöher als in den offiziellen Bilanzen angegeben. In „Nature Climate Change“ formuliert die Gruppe einen neuen „Kostenabschätzungskreislauf“. Dieser soll dafür sorgen, dass Risiken schneller erkannt und ensprechend vorgesorgt werde - es geht um „das kontinuierliche Beobachten der Kosten, die mit Naturgefahren und deren Management zusammenhängen“.  Wenn etwa Fabriken wegen Hochwasser für eine gewisse Zeit geschlossen werden und Einnahmen verloren gehen, sollte das mit in das Risikomanagement einfließen. Antizipierende Bilanzrechnungen gehört also die Zukunft. Nicht erst die Naturkatastrophe, schon die Gefahr einer Katastrophe ist kostenwirksam. Der deutsche Städtetag jubelt. Firmen, die in den nächsten zehn oder zwanzig Jahren in den von Hochwasser bedrohten Gebieten stehen könnten, sollen nach seinen Vorstellungen möglichst vorab aus Bundesmitteln entschädigt werden. Sind die zu entstehenden Kosten zu hoch, muss die Gemeinde allerdings über eine Verlegung der hypotehtischen Firma in weniger hochwassergefährdete Baugebiete entschieden werden. Denn schließlich gilt:  Klimwandelprofiteuren darf es nicht geben. Auch Schlaglöcher in den Straßen dürfen nich auf Kosten des Klimafonds beseitigt werden. Die Datierung von Schlaglöchern auf den Zeitpunkt einer Naturkatastrophe müsse mit harten Strafen belegt werden. +++   

          Bild: IPCC
          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          +++ 20. April. Was der Weltklimarat meint und was er verschriftlicht,  ist nicht deckungsgleich. Wenn der IPCC zum Beipiel in der Zusammenfassung seines neuesten, fünften Weltklimaberichts formuliert, dass die Eismassen in der Arkts „sehr wahrscheinlich“ weiter schrumpfen werden und die Zahl der extrem warmen und kalten Tage im globalen Maßstab „sehr wahrscheinlich“ schon zunehmen, dann meinen die Klimaexperten eine statisch ermittelte Wahrscheinlichkeit von mehr als 90 Prozent. Die Öffentlichkeit liest das “sehr wahrscheinlich“ allerdings wie eine Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent - also interpretiert die Aussage als eher vage Prognose. Das ist kulturübergreifend so. David V. Budescu von der Fordham University in New York  hat die Kommunikation des IPCC in 24 Ländern mit 17 unterschiedlichen Sprachen die Lupe genommen und alternative Erklärweisen getestet. Fazit: Die Experten sollten ihre Mitteilungen dringend überdenken, sie sind nicht präzise genug und missverständlich. Besser verstanden werden die Botschaften, wenn zu den Formulierungen noch die entsprechende Wahrscheinlichkeit - oder die Spanne der Unsicherheit - mitgeliefert wird. In der Zeitschrift „Nature Climate Change“ schreiben Budesu und seine Kollegen, „dass die Ergebnisse mit dieser Ergänzung über alle untersuchten Gruppen hinweg besser verstanden werden, und zwar unabhängig davon, wie stark bei den Befragten das Wissen, der Glaube oder die Erfahrung mit dem Klimawandel ausgeprägt ist.“ Sehr wahrscheinlich (> 90 %) gilt das höchstens für eine schweigende Mehrheit, die „Tea Party„ und ihre Gleichgesinnten müssen sich da nicht angesprochen fühlen. Sie haben die „Uncertainty Guidance Note„ des IPCC, die die Wahrscheinlichkeitsaussagen zu interpretieren hilft, schon lange auf den Index gesetzt und mittlerweile durch eigene statistische Weisheiten ersetzt. In ihrer Skalierung kann jede Wahrscheinlichkeitsaussage des IPCC maximal einen Wert von 0,99 Prozent erreichen. Anders ausgedrückt: Von Amts wegen liegt der IPCC zu 99 Prozent falsch. Jede Zahl über eins ist nach Überzeugung der Tea Party für die Öffentlichkeit sowieso schwer zu handhaben, man sollte den Menschen das Denken nicht unnötig schwer machen. +++  

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