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+++ Klimaticker August +++ : IPCC-Leaks, Klimaprognose, Ozonlochhitze

„Eine schwierige Übung”: IPCC-Chef Rajendra Pachauri Bild: REUTERS

Was macht eigentlich die Apokalypse? Unser Glossenticker mit ernsten Nachrichten zum Klimawandel und ihren (weniger ernsten) Pointen. Ein Update mit neuen Geheiminformationen des IPCC und einem Manifest der Klimaforschung.

          +++23. August. Der Weltklimarat IPCC hat nach Teil 1 seines fünften Sachstandsberichts offenbar auch Teil 3 erfolgreich  vor der offiziellen Veröffentlichung in den Medien lanciert. Neben der New York Times und der Washington Post ist jetzt das australische ABC’s Radio National Breakfast im Besitz von Kopien eines geheimen IPCC-Entwurfs. „Australien sollte seine Emissionsreduktionsziele bis 2020 verdreifachen“, so soll es in dem Bericht heißen. Während sich Spiegel Online stellvertretend für deutsche Enthüllungsmedien verärgert zeigt, von der Liste der zwischenstaatlich geförderten Leakage-Kanäle des IPCC gestrichen worden zu sein und heimische Klimaforscher an die Front schickt, um Blitz und Donner über den geheimbündlerischen IPCC in der Schweiz abzuladen, gehen die australischen Radiokollegen vorsichtiger mit ihren geliebten Verrätern um. Sie nennen den Klimarat erst gar nicht beim Namen und sprechen von einer „independent Climate Change Authority“. Damit hat das ABC Radio seine Chance nicht endgültig verspielt, noch in die Endauswahl für langfristige Medienpartnerschaften reinzurutschen. Deutsche Medien sind nach der jüngsten Beschwerdeposse aus Hamburg ausgeschieden. Sichere Quellen des IPCC lassen uns wissen: Wiedergutmachung ausgeschlossen. Auch die üblichen Apokalypsenserien oder eine Katharsis mit Auszügen aus den geheimen Weltrettungsplänen des IPCC werden nicht mehr akzeptiert. +++  

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          +++ 22. August. Dass die mittlere Erdtemperatur seit Ende der neunziger Jahre nicht weiter ansteigt wie früher prognostiziert, ist nun etwas weniger mysteriös. Es liegt nicht etwa an einem schwächelnden Treibhauseffekt, wie gelegentlich kolportiert wird, sondern hat ganz offensichtlich natürliche Ursachen. Und die liegen zu einem großen Teil im Pazifischen Ozean. Vier deutsche Meeresforscher des Geomar-Forschungszentrums in Kiel und des Alfred-Wegener-Instituts in Bremerhaven haben  den relativ abrupten Klimaumschwung im Pazifik  nach dem Jahreswechsel 1989/99 und  auch den in den Meerestemperaturen ablesbaren Klimasprung 1976/77 erfolgreich mit dem „Kiel Climate Model“ rekonstruiert. Die Wissenschaftler nennen das „historische Vorhersagen“. Das betrifft vor allem die Meerestemperaturänderungen, Winde und Luftdruckverhältnisse. In Dekaden-Abständen kommt es im Zuge der Pazifischen Dekadischen Oszillation (PDO) zu relativ schnellen Änderungen. In den siebziger Jahren gab es etwa eine recht abrupte Erwärmung der Meeresoberflächentemepraturen, die dann lange anhalten und die Erdtemperatur spürbar beeinflussen. Ende der neunziger Jahre kam es zu einer Abkühlung. Hervorgerufen werden diese langfristigen Schwankungen offenbar durch ein dynamisches Zusammenspiel von Ozean und Atmosphäre, das zwar im Detail noch nciht verstanden ist. Aber wie die Meeresforscher im „Journal of Climate“ berichten, hat man nun mit dem Modell die Möglichkeit, den Zeitpunkt des Übergangs in die wechselnden Klimaphasen zu erfassen und damit die Klimatendenz hin zu wärmeren oder kälteren Jahren vorherzusagen. Momentan befinden wir uns noch in einer negativen PDO-Phase. Leider nur etwa ein Jahr vor dem nächsten Umschwung könnte die nächste Phase vorhergesagt werden, sagt Mojib Latif, einer der Autoren, „dann jedoch ist die Vorhersage für mehrere Jahre valide“. Es wird also spannend. Ob die nächste Wärmeperiode noch rechtzeitig vor den entscheidenden Verhandlungen für einen neuen Weltklimavertrag 2015 eintreffen  und den bockigen Polen, Tschechen und Mittelamerikanern einheizen wird, ist noch nicht entschieden. Eine supranationale Kriegsflotte unter dem Kommando eines hochseetauglichen Klimaforschers soll schon bald in den Pazifik aufbrechen, um die Strömungsverhältnisse im Wasser zugunsten einer PDO-Phasenänderung zu beeinflussen. Von Potsdam bis Brüssel wartet man ungeduldig auf die Stellausschreibung für den Kapitänsposten.+++  

          Temperaturanomalien während der positiven (warmen) und der negativen (kalten) Phase der Pazifisch-Dekadischen-Oszillation.

          +++ 14. August. Der Klimawandel könnte „ein Blütendesaster„ zur Folge haben. So wird in der Ankündigung der Zeitschrift „Natur Communications“ formuliert, was japanische Umweltforscher von der Hiokkaido University in Sapporo im selben Heft veröffentlicht haben. Am Beipiel einer wilden Verwandten des bekannten Laborunkrauts Arabidposis  haben Akiko Satake und seine Kollegen untersucht, wie die genetischen Netzwerke auf Temperaturerhöhungen reagieren. Entsprechende Versuche wurden in den japanischen Gärten von Hyogo and Hakodate vorgenommen. Die Forscher konzentrierten sich dabei auf die Aktivität von temperatur- und lichtempfindlichen Genen wie jenem für das Protein „Flowering Locus C“, die schon länger als Taktgeber für den Blühzyklus bekannt sind. Die Dynamik dieses Systems wurde anschließend in einem vereinfachten Computermodell simuliert. Die im Experiment und Computermodell ermittelten Kurven mit den Genaktivitätsmustern stimmten ganz ordentlich überein. Nach ihrem Modell hört Arabidopsis halleri ab einer Temperatursteigerung von 4,5 bis 5,3 Grad zu blühen. Und weiter schreiben Die Forscher: „Angesichts des konservativen Aufbaus der Gennetzwerke, die das Blühen regulieren, können die Ergebnisse auch auf andere Blütenpflanzen übertragen werden.“ In Holland knallen deshalb schon die  Sektkorken. Die Blumen aus ihren Treibhäusern werden schon seit Jahren auf den Ernstfall vorbereitet. Locker können Sie zehn Grad mehr wegstecken. Und wenn das Unkraut dann von allein verschwindet, was bei den aktuellen Klimavorhersagen möglicherweise schon im zweiten Drittel des Jahrhunderts zu erwarten ist, könnten zig Milliarden Euro für den Pestizideinsatz gespart und die Tulpen schon inflationsbereinigt für 19 Cent je Strauß über den Tisch gehen. +++

          Auf dem Höhepunkt des Tulpenwahns wurde für eine Zwiebel umgerechnet 87.000 Euro gezahlt

          +++ 11. August. Grönlands mächtigen Eisschilden wird auch von unten eingeheizt. Erdwärme lässt die Gletscher schmelzen. Allerdings nicht gleichmäßig. Der Grund: Die Erdkruste unter dem Eis schwankt in der Dicke und Zusammensetzung extrem stark. An manchen Stellen ist sie nur 70 bis 80 Kilometer stark, ein Drittel der für Gesteinsformaitonen dieses Alters üblichen Dicke. Was das für die Eisschilde bedeutet, haben Forscher des Geoforschungszentrums Potsdam (GFZ) zusammen mit russischen und finnischen Kollegen zu ermitteln versucht. Derzeit verliert Grönland durch das Schmelzen der Gletscher an der Oberfläche rund 227 Milliarden Tonnen Eis jährlich - macht ein Beitrag von ungefähr 0,7 Millimeter zum aktuellen globalen Meeresspiegelanstieg von gut 3 Millimeter pro Jahr. In ihrem thermomechanischen Modell, das mit einem Eis-Klimamodell gekoppelt wurde, haben Alexey Petrunin  und sein Team von der „IceGeoHeat“-Initiative berechnet, dass sich die Wärmeproduktion über Grönland gemittelt im Bereich von 0,4 Mikrowatt pro Kubikmeter abspielt. Das ist marginal gegen die Energiezufuhr an der Oberfläche. In Zentralgrönland, so berichten die Geoforscher in „Nature Geoscience“,  sind es pro Quadratmeter Boden maximal ein tausendstel der Strahlungsenergie, die der Erde im Schnitt von oben zugeführt wird. Trotzdem darf, so mahnt das Potsdamer Geoforschungszentrum,  „der Effekt bei der Modellierung des Eisschildes im Klimageschehen nicht vernachlässigt werden“. Es gilt die alte Wikinger-Weisheit: Auch Kleinvieh macht viel Mist, über den man stolpern kann. +++  

          NEEM-Camp in Grönland.

          +++ 8. August. Windige Überraschung über der Südhalbkugel: Das Ozonloch über der Antarktis, das sich schon jetzt jetzt im südlichen im Frühjahr für ein paar Wochen ankündigt, trägt zur Erderwärmung bei. Das wollen jedenfalls Forscher des Lamont-Doherty Earth Observatory an der New Yorker  Columbia University zusammen mit der Nasa herausgefunden haben. Im Weltklimabericht war bisher von einem minimalen Kühleffekt des Ozonlochs von rund 0,05 Watt pro Quadratmeter die Rede. Kevin Grise und sein Team haben sich die Satellitendaten noch einmal genauer angesehen und finden, dass das Ozonloch zu einer Erwärmung von netto 0,2 Watt beiträgt. Ursache ist ein indirekter Effekt: Grise hat nämlich beobachtet, dass in den Phasen der großen Ozonverluste der Jetstream mit seinen Starkwinden in der oberen Atmosphäre polwärts wandert. Die Folge: Auch die höheren Wolkenschicten werden für ein paar Wochen südwärts verlagert. Damit wird weniger Licht von Wolken reflektiert, Strahlung erreicht verstärkt den Erdboden, berichten die Forscher in den Geophysical Research Letters. Da die mittlere Strahlungsenergie etwa 175 Watt pro Quadratmeter beträgt, kann die Zusatzenergie von plus 0,2 Watt unter den wolkenfreien Regionen keine gewaltige Wirkung haben. Grise: „Unklar ist, ob das Signal detektiert werden kann und welche Größenordnung das hätte.“ Trotzdem ist er sicher: „Die Wirkung von Wolken hat potentiell praktische Konsequenzen, das Klima der Südhemisphäre und die globale Erwärmung vorherzusagen.“ Die erste praktische Konsequenz ist füpr Grise, die Anträge für neue Modellierungsprojekte schnellstens einzureichen. Denn wie alle Ozonforscher wurde er zuletzt von der Nachricht aufgeschreckt, dass sich das Ozonloch offenbar schneller schließen könnte (als erhofft). +++

          Das Ozonloch über der Antarktis im Rekordjahr 2006.

          +++ 5. August. „Die Menschheit ist der wichtigste Faktor für den globalen Klimawandel der vergangenen 50 Jahre.“ So steht es in der neuen, revidierten Stellungnahme der Amerikanischen Geophysikalischen Gesellschaft AGU, der immerhin 62.000 Mitglieder in 144 Ländern angehören. Und so eindeutig hatte die Fachgesellschaft die anthropogene Erwärmung bisher auch noch nicht formuliert. Ein 15köpfiges Spezialistengremium aus der  Forschervereinigung, dem auch Peter Lemke vom Bremerhavener Alfred-Wegener-Institut angehört,  hat diese vierte Überarbeitung der ersten Stellungnahme seit Dezember 2003 in Washington vorgelegt - und zwar schon kurz nach der jüngsten planmäßigen Revision im Februar 2012. Die jüngste Abkühlung in einigen Regionen sei nicht ungewöhnlich und „kann  die Wirklichkeit des menschengemachten Klmawandels nicht infrage stellen“. Zu Problemen mit  Klimaprognosen heißt es: „Obwohl es sehr wohl  Unsicherheiten gibt, wo und welche Veränderungen genau eintroffen werden, gibt es keinerlei Unsicherheiten, die die Folgen des Klimwandels belanglos erscheinen lassen.“ Warum die Verschärfung einiger Formulierungen und die Aktualisierung von Erkenntnissen in dem Text nötig geworden sind, soll ein anderer Satz aus dem vom AGU-Board verabschiedeten Dokument zeigen: „Eine schnelle Reaktion der Gesellschaft auf den globalen Klimawandel könnte die negativen Auswirkungen abmildern.“ Die AGU schließt sich damit quasi der offiziellen amerikanischen Politik an, einen stärkeren Fokus auf die Anpassung zu richten. Im Weißen Haus war man erleichtert, dass sich die internationale Gemeinschaft der Klimaforscher nun endlich so geschlossen hinter die offizielle amerikanische Klima-Meinung gestellt hat. Vor allem wird es als gutes Zeichen gewertet, dass auch europäische Forscher Einsicht zeigen. Jetzt gelte es, auf dem bevorstehenden Weltklimagipfel in Warschau die europäischen Staaten von der amerikanischen Rettung des weltweiten Klimas zu überzeugen.+++  

          Eisscholle in der Arktis.

          +++ 4. August. Neue Minusdaten aus der Arktis: Die Rückstrahlung des Lichts durch die Eisflächen - Albedo genannt - hat in den Sommermonaten der vergangenen 28 Jahren sukzessive abgenommen. Das haben Forscher am Finnish Meteorological Institute in Helsinki nach Auswertung nach Auswertung von Satellitendaten festgestellt. Besonders deutlich ist der Rückgang in den jeweiligen August-Monaten. Zur Zeit registriert man in der Arktis zwar wieder eine überdurchschnittliche Sommer-Eisschmelze beobachtet, aber von den Rekordminuswerten der letzten Jahre ist man noch weit entfernt. Die Albedo-Abnahme verändert den irdischen Strahlungshaushalt und spiegelt den Forschern zufolge zum einen den deutlichen Rückgang der Eismassen auf den Meeren wider, zum anderen reflektieren aber offenbar auch die Polareisflächen selbst nicht mehr so stark. Dies zeigt, dass unter den jeweils abgeschmolzenen helleren Neuschnee- und Eisauflagen ältere und dunklere Alteisschichten zum Vorschein kommen.  Wie die finnischen Wissenschaftler in „Nature Climate Change“ schreiben, „ist  zwar die Möglichkeit einer Beschleunigung der Albedo-Rückgänge seit Mitte der neunziger Jahre erkennbar, aber wegen der Jahr-zu-Jahr-Schwankungen kann noch kein klarer Trend festgestellt werden“.  Geht die Entwicklung trotzdem weiter wie bisher, muss wohl damit gerechnet werden, dass in hundert Jahren alles Licht, das die Arktis erreicht, von den eisfreien Wassermassen verschluckt wird. Die Mitsommernächte, die bisher Millionen Touristen etwa nach Skandinavien gelockt haben,  werden zu einem unkalkulierbaren Risiko, insbesondere für die Schiffahrt. Lichtfallen über dem Meer sollen aufgestellt und die Schiffahrswege  sicherer gemacht werden. +++

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