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Klimaskeptiker : Die letzten Fortschrittsgläubigen

Alles nur Hysterie verblendeter Fortschrittsfeinde? Die Klimaspektiker bilden eine seltsame ideologische Allianz Bild: picture-alliance/ dpa

Sie halten sich für Ritter in Frontstellung, die wider den Stachel des politisch Korrekten löcken: Viele Klimaskeptiker sind ehemalige Klassenkämpfer, die sich ideologisch neu eingekleidet haben. Industriezuschüsse nehmen sie gern.

          Als George W. Bush 2002 die „Achse des Bösen“ erfand, da gehörte zu den nicht ganz, aber ziemlich Bösen auch schon das Klimaschutzabkommen von Kyoto. Seitdem gibt es eine mehr oder weniger obskure Allianz von Leuten, die an Bushs Programm auch unter Obama festhalten. Zu ihnen gehören in Deutschland vor allem, aber nicht ausschließlich die Blogger der „Achse des Guten“. Sie haben die Anliegen der amerikanischen Neocons weiterhin auf ihre Fahnen geschrieben: Ziemlich rabiater Antiislamismus steht neben zahlreichen klimaskeptischen Einlassungen.

          Lorenz Jäger

          Redakteur im Feuilleton.

          Klimaskeptiker gibt es in vielen Versionen. Einmal findet ein Klimawandel nicht statt, ein anderes Mal ist er nicht so dramatisch wie von Umweltschützern behauptet, oder die Erderwärmung wird am Ende gute Effekte für uns alle haben (vor allem für den Sport, wie ein britischer Tory-Parlamentarier ernsthaft erklärte), oder, ein anderes Mal: Es gibt kein Menschenrecht auf einen stabilen Meeresspiegel. Einig sind sie sich nur darin, dass es sich bei den Zielen der Konferenz in Kopenhagen um, so Michael Miersch im Magazin „Cicero“, „Klima-Hysterie“ handelt, wie auch Wolfram Weimer, Chefredakteur des „Cicero“, von der Klimadiskussion glaubt, dass sie „viel zu hysterisch ist“. Umweltschutz wird mit dem Kampfbegriff „Ökologismus“ als Gedanke verblendeter Fortschrittsfeinde verächtlich gemacht.

          Thomas Deichmann vom Magazin „Novo“ sieht „Apokalypsenprofis“ und „Misanthropen“ am Werk, „Wanderprediger des Weltuntergangs“. Selten erscheint ein Artikel der Skeptiker, in dem nicht die Opponenten als naive „Gutmenschen“ abgetan würden. Und die Skeptiker sehen sich als mutige Ritter, die wider den Stachel des „politisch Korrekten“ löcken.

          Entsorgte Ideologien

          Man taucht, wenn man sich in den Netzwerken der Klimaskeptiker einmal umsieht, in eine seltsame Welt ein. Es ist die Welt der alten und der gewendeten Ideologie. Auch Benny Peiser, einer der bekannteren Skeptiker, ist von Haus aus kein Klimaforscher, sondern Kulturwissenschaftler. Er unterrichtet an der Fakultät für Sport- und Trainingswissenschaften der John-Moores-Universität in Liverpool. „Katastrophismus“ ist sein Arbeitsgebiet, also die Ideen, die sich Menschen über drohende Katastrophen machen. Peiser hält sie für übertrieben. Er leitet die Global Warming Policy Foundation und ist häufiger Autor der „Achse des Guten“. Spenden einschlägiger Unternehmen, deren Produkte mit dem Klimawandel in Beziehung gebracht werden können, will Peisers Stiftung nach eigener Aussage nicht annehmen. In diesem Punkt unterscheidet er sich von seinen Mitstreitern.

          In Großbritannien ist das Magazin „Spiked“ das bekannteste Sprachrohr dieser Richtung. Auch Peiser schreibt hier. Hervorgegangen ist „Spiked“ aus dem Magazin „Living Marxism“, und dieses wiederum war das Organ einer trotzkistischen Splittergruppe namens „Revolutionary Communist Party“. Der Haupttheoretiker, Chefideologe oder Guru ist damals wie heute Frank Furedi, ein gebürtiger Ungar. Vom alten Marxismus übrig geblieben sind der Industrialismus als Heilslehre und ein unbedingter Fortschrittsglaube. Den Klassenkampf hat man wie ein Nessushemd abgeworfen.

          Dem Fortschritt und der Industrie verpflichtet

          An die Stelle des Proletariats traten neue Freunde: „Spiked“ wird nach eigenen Angaben finanziell unterstützt unter anderem von IBM, O2, der Society of Chemical Industry, dem Finanznachrichtendienst Bloomberg, von Schweppes und Cadbury. Martin Durkin, der zu „Living Marxism“ gehörte, produzierte für „Channel 4“ eine Sendung über die Erderwärmung – über ihre Tendenz muss man nicht lange rätseln. Auch Furedis Frau Ann schreibt bei „Spiked“, auch sie gehört zum industriefreundlichen Institute of Ideas, der Denkfabrik, die die Ex-Trotzkisten aufgebaut haben. Vor allem aber ist Ann Furedi Chefin des British Pregnancy Advisory Service (BPAS), des nach eigenen Angaben bedeutendsten Anbieters von Abtreibungen im Vereinigten Königreich. „Spiked“ hat in dieser Frage eine ultraliberale „Pro choice“-Position eingenommen. Der BPAS zählt fünfzigtausend Kundinnen pro Jahr, allerdings nicht nur für Abtreibungen, sondern ebenso für Sterilisierungen. Der technische Fortschritt soll überall sein Werk ungehindert vollziehen.

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