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Klimaschutz : Kritik an Künasts Autowerbung

  • Aktualisiert am

Renate Künast: Die Europäer müssen schneller sein Bild: F.A.Z. - Christian Thiel

Dürfen deutsche Politiker Fahrzeuge ausländischer Hersteller empfehlen, wenn die umweltfreundlicher sind? „Leute, kauft Hybrid-Autos von Toyota“, forderte Renate Künast (Grüne). Koalition und FDP reagieren empört. Aber im Hintergrund kritisiert offenbar auch die Kanzlerin deutsche Autobauer.

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          Die Fraktionsvorsitzende der Grünen, Renate Künast, hat mit ihrer Empfehlung, Autos mit Hybridtechnologie des japanischen Herstellers Toyota zu kaufen, heftige Gegenreaktionen bei Politikern von Union, SPD und FDP ausgelöst. Mehrere Unionspolitiker, der SPD-Vorsitzende Kurt Beck, Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) und FDP-Partei- und Fraktionsvize Rainer Brüderle kritisierten Frau Künast.

          „Ich bin der Meinung, dass Deutschland als Automobilstandort nicht schlechtgeredet werden darf“, sagte der Tourismus-Beauftragte der Bundesregierung, Ernst Hinsken (CSU). Schließlich gehe es um „zigtausend Arbeitsplätze in Deutschland“.

          „Billiger Populismus“

          „Ohne Frage erwarten wir von der Autoindustrie, dass sie ihre Anstrengungen verstärkt, schadstoffarme und spritarme Antriebe zu entwickeln“, sagte der stellvertretende Vorsitzende der Unions-Fraktion Hans-Peter Friedrich (CSU). „Wenn aber eine deutsche Politikerin Werbung für ausländische Unternehmen macht, ist dies der falsche Weg.“ Auf Langstrecken sei das Hybridauto „durchaus nicht der Weisheit letzter Schluss und konventioneller deutscher Antriebstechnologie unterlegen“.

          Künast mit einem Prototypen des emissionsfreien Flugverkehrs

          Minister Tiefensee sagte: „Ein Verbraucherboykott gegen deutsche Autos ist eine billige und populistische Forderung.“ Es sei zwar vernünftig, von der Autoindustrie wesentlich mehr Engagement beim Umweltschutz zu verlangen, „aber Frau Künast schießt weit über das Ziel hinaus“.

          „Spektakuläre Effekthascherei“

          Auch der SPD-Vorsitzende Beck kritisierte Künasts Vorstoß. „Ich halte nichts von spektakulären Effekthaschereien“, sagte Beck der „Passauer Neuen Presse“. „Deutschland ist ein Automobilland, dem man mit Kaufempfehlungen für ausländische Wagen wahrlich keinen Gefallen tut.“

          Bayerns Wirtschaftsminister Erwin Huber (CSU) kritisierte: „Mit ihrem Aufruf, japanische Autos statt Pkw von deutschen Herstellern zu kaufen, leistet Frau Künast der deutschen Industrie und den Arbeitsplätzen hierzulande einen Bärendienst.“ Gerade die deutschen Autohersteller seien technologisch führend und hätten in den letzten 20 Jahren viel für geringere Schadstoffemissionen und einen effizienten Kraftstoffverbrauch getan.

          „Leute, kauft Hybrid-Autos von Toyota“

          Der FDP-Politiker Brüderle nannte es einen „unglaublichen Vorgang, wenn eine ehemalige Bundesministerin quasi zum Boykott deutscher Autos aufruft. Solche unverantwortlichen Forderungen gefährden massiv Arbeitsplätze in Deutschland.“

          Die Fraktionsvorsitzende und frühere Bundesministerin für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft Künast hatte die Deutschen ausdrücklich zum Kauf von umweltfreundlichen japanischen Autos aufgerufen. Solange die deutsche Industrie beim Klimaschutz nicht umsteuere, könne sie nur raten: „Leute, kauft Hybrid-Autos von Toyota“, sagte Künast der Zeitung „Financial Times Deutschland“. Die Hybrid-Technik sei von Bosch entwickelt worden, sagte Künast, doch die deutschen Autohersteller hätten sie ignoriert. Hybridmotoren können mit mehreren Kraftstoffen betrieben werden, beispielsweise sowohl mit Benzin als auch mit Erdgas und gelten als umweltfreundlicher.

          Allerdings stellte sie am Dienstag gegenüber „Spiegel Online“ klar, dass sie ihre Aussage nicht als Boykott-Aufruf verstanden sehen möchte. Er sei vielmehr als Appell an die deutschen Autobauer gemeint gewesen.

          Angeblich kritisierte auch Merkel die Autobauer

          Nach Künasts Einschätzung wächst auch in den Vereinigten Staaten der Druck für eine wirkungsvolle Klimapolitik. Bei den neuen Märkten für Energieeffizienz-Techniken und erneuerbare Energien gelte es für die Europäer, schnell zu sein, sagte sie dem Berliner „Tagesspiegel“. Sie erwarte, dass die Amerikaner die Europäer beim Klimaschutz bald antreiben werden. „Wenn die Amerikaner loslegen, dann richtig.“

          Anscheinend teilt auch die Bundeskanzlerin zumindest einen Teil der Kritik Künasts. Wie die „Passauer Neue Presse“ aus Teilnehmerkreisen berichtet, beklagte Angela Merkel im CDU-Präsidium, die deutschen Autokonzerne hätten wichtige technologische Entwicklungen bei Benzinverbrauch und Schadstoffausstoß versäumt. Sie seien zuletzt „nicht immer an der Spitze der Innovation“ gewesen.

          Vor kurzem hatte Merkel die Deutschen allgemein zum Spritsparen aufgerufen, zugleich aber ein generelles Tempolimit auf Autobahnen abgelehnt und beteuert, „mit aller Härte“ gegen Pläne der EU-Kommission vorzugehen, den CO2-Ausstoß von Kraftfahrzeugen zu reduzieren.

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