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Klimagipfel : Zwei Grad sind nicht genug

  • -Aktualisiert am

Nach dem Vortrag ist vor dem Vortrag: auf dem Kopenhagener Klimagipfel Bild: Daniel Pilar

Bhutan stellt seinen Glücksrat vor, Tuvalu droht mit Abreise, China macht Weltpolitik, und die reichen Länder machen schlapp: Eindrücke von fünf Tagen auf dem Kopenhagener Klimagipfel.

          Der Vertreter der Eingeborenen des Amazonasbeckens trägt seine Gesichtsbemalung, den Perlenschmuck und die schmale, schwarzrote Federkrone, als er sich in der Tür zum Tagungsraum irrt. Plötzlich steht er in einer Gruppe von kahlgeschorenen Offiziellen des Himalaja-Königreichs Bhutan in kompliziert gewickelten Seidengewändern, Kniestrümpfen und kleinen schwarzen Slippern. Erschrocken verlässt der Amerikaner den Raum im Rückwärtsgang.

          Es sind wirklich alle gekommen nach Kopenhagen, von den Gipfeln, aus den Tälern, von den Inseln und aus den Wüsten. Nicht nur die Regierungen: Auch Wissenschaftler, die Ansagen machen, und Nichtregierungsorganisationen, die das Tempo vorgeben. Gegenüber den Büros der Bundesrepublik Deutschland residiert, ebenso groß, der World Wild Fund. Ihr Panda blickt auf unser Neuschwansteinposter, auf Augenhöhe. Aus Science-Fiction-Filmen kennt man solche Szenen: dass sich die ganze Menschheit zusammentut, um einen Meteoriten oder den Angriff einer Ufoflotte abzuwehren. In Kopenhagen ist es jetzt soweit: Alle sind da, mit ihren Sorgen.

          Mit Vorschlaghämmern

          Da ist Ugyen Wangda aus Bhutan. Er zeigt die Bilder von zwei Gletscherseen, dem Thorthorni und dem Baphstreng Tro. Der eine liegt etwas höher; es trennt sie eine natürliche Fels- und Eismauer, die einst über 70 Meter maß. Heute ist sie nur noch 22 Meter hoch. Der höher gelegene See wird sich bald in den tiefer gelegenen See ergießen, der dann überlaufen wird ins Tal. Dort liegen ein Wasserkraftwerk, Dörfer und ein Heiligtum, die erste Hauptstadt des Königreichs. Alles würde versinken. Wie verhindert man die Katastrophe?

          Der kleine Inselstaat Tuvalu hat viele Sympathisanten

          Man müsste das Becken des oberen Sees so erweitern, dass der Wasserspiegel nicht steigt. Aber Felsen über zwei Meter Höhe könnten nicht mit dem Vorschlaghammer zerkleinert werden, erklärt uns Herr Wangda. Und es werde dauern: Geröll werde in Körben abtransportiert, große Brocken mit Seilen bewegt, alles per Muskelkraft, wie beim Bau der Pyramiden von Giseh. Und: Buthan hat über zweihundert solcher Gletscherseen, die das Leben in den Tälern bedrohen.

          Der Tiger weit oben

          Dafür hat Bhutan keine Industrie. Sie haben auch ihren Wald noch nicht verkauft. Sechzig Prozent des Königreichs, so befiehlt es die Verfassung, müssen von Wäldern bedeckt sein. Im Moment sind es siebzig Prozent. Dieses bitterarme Land könnte zehn Prozent seines Holzbestandes schlagen und verkaufen. Oder auch nicht, davon würde dann die ganze Welt profitieren, denn Wälder binden Treibhausgase.

          In Kopenhagen geht es unter anderem auch um die Frage, wie viel Geld Bhutan dafür bekommen soll und von wem. Sie würden sich gerne "Micro hydro power houses" bauen, Mühlen zur Stromerzeugung. Doch das sei kompliziert, stöhnt Minister Daho Nado Rinchen, allein der Papierkram. Und wird das nicht immer so weitergehen mit dem Klimawandel? "Wir haben zum ersten Mal einen Tiger in fünftausend Meter Höhe gesehen. Niemand hielt das für möglich, aber wir haben ihn gesehen. Ich meine, wie hoch soll das arme Tier noch klettern müssen?"

          Eine Wissenschaftlerin der Universität Stanford steht auf: Schön und gut sei der Plan mit den dezentralen Wasserkraftwerken, aber habt ihr ("you guys") auch eine Genderanalyse vorgenommen? Kurzes Tuscheln auf dem Podium. Der junge Energiefachmann in wallender Robe mit dem schönen Vornamen Karma nickt: "Ja Madam, haben wir. Umweltfreundliche Stromversorgung ist gerade für Frauen und Kinder eine große Verbesserung. Unsere Genderanalyse fiel daher positiv aus."

          Vorlagen für den Glücksrat

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