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Klimafaktor Verkehr : Jetzt aber umsatteln!

... auf der Autobahn steht man gemeinsam Bild: IMAGO

Windmühlen und Solarpanels reichen zum Klimaschutz nicht, sollte nicht schnell der Transportsektor weltweit klimaschonend umorganisiert werden. Dekarbonisierung tut hier wirklich Not. Wo bleiben die E-Flotten, werden die Regierungen in Paris gefragt.

          Der Begriff Abgasskandal ist ja nun schon besetzt. Wenn man allerdings bedenkt, welche Folgen manipulierte Abgaswerte durch frisierte Software haben können, bis hin zu öffentlich kolportierten Fahrverboten für einzelne Automarken, könnte man ja trotzdem mal fragen: Warum eigentlich wird auf den Weltklimakonferenzen, von denen die einundzwanzigste nächste Woche in Paris beginnt, das viel größere - nämlich das globale - Abgasproblem so konsequent und nonchalant ignoriert?

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Exakt die Frage steht hinter zwei neuen Studien, die sich mit den klimaschädlichen Effekten unserer Mobilität auseinandersetzen. Eine Untersuchung, die das Europäische Parlament beim Öko-Institut in Darmstadt für die Bereiche Flug- und Schiffsverkehr hat anfertigen lassen, sowie eine Veröffentlichung in der Zeitschrift „Science“ (Bd. 350, S. 911), in der Felix Creutzig vom Mercator Forschungsinstitut MCC in Potsdam mit einem internationalen Team die Potentiale der Abgassenkung im Straßenverkehr kalkuliert hat.

          Klima und die Gesundheit belastend: der weltweite Flugverkehr wächst am schnellsten von allen Verkehrsteilnehmern.

          „Es gibt offenbar keine große Lust, darüber öffentlich darüber zu debattieren“, schreibt die Gruppe um Creutzig. Gewiss: Verkehr ist überall ein heißes politisches Eisen. Nichts wird mit den eigenen Aussichten auf Wachstum, Wohlstand und persönlicher Freiheit so direkt in Verbindung gebracht wie der Luxus, sich so weit und schnell wie gewünscht durch die Welt zu bewegen. Etwa ein Viertel der Kohlendioxidemissionen im gesamten Energiesektor stammen aus Abgasen von Motoren und Turbinen, Tendenz rasch steigend. Nehmen wir den Flug- und Schiffsverkehr: Zwischen drei und vier Prozent ist ihr Anteil an den Emissionen heute, um 2050 könnten es den Prognosen zufolge 40 Prozent sein. Weil das bisher noch überschaubar war und weil der Ausbau regenerativer Energien in anderen Sektoren noch naheliegender schien, wurden von den großen Luft- und Schifffahrtsverbänden auch nicht mehr als vage Zusagen zur Effizienzsteigerung und Abgasminderung abverlangt. In dem Bericht an das Europäische Parlament wird nun genau das verlangt: Die bisher zugesagte Stabilisierung der Emissionen bis 2020 sei zu wenig, will man unterhalb der avisierten Zwei-Grad-Erwärmung bleiben. Luft- und Schiffsverkehr müssten - Wachstum hin oder her - bis 2050 ihren Klimaschutzfahrplan massiv korrigieren: Bis 2050 sollten Flüge 41 Prozent weniger Treibhausgase produzieren, die Schifffahrt 63 Prozent weniger, gemessen an den Freisetzungen im Jahr 2005.

          Unüberhörbar die Warnung: Jeder noch so ambitionierte neue Weltklimavertrag könnte scheitern, wenn hier nichts getan wird. Dies umso mehr, als zahlreiche Klimaeffekte speziell des Flugverkehrs noch überhaupt nicht quantifizierbar sind. Der indirekte Treibhauseffekt durch die Bildung von Cirruswolken in großen Höhen etwa könnte am Ende zwei- bis fünfmal so groß sein wie die Kohlendioxidemissionen allein. Was also tun? Weniger fliegen einerseits, lautet der Rat der Experten, oder wenigstens die Emissionen durch Klimaschutziestitionen in anderen Sektoren kompensieren.

          Leicht gesagt: verzichten, das gilt erst recht im Straßenverkehr, wo Creutzig und sein Team ein Einsparpotental von gut 50 Prozent der Emissionen bis zur Jahrhundertmitte vermutet. Europa ist für die Forscher ein Beispiel, wie höhere Abgsasstandards die Effizienz der Verbrennung um zwei bis vier Prozent jährlich verbessern und damit zu einer Stabilisierung der Emissionen geführt hätten. Allerdings: Die Effizienzsteigerung bei Diesel und Benzin kommt an Grenzen, wie der Abgasskandal nun überdeutlich gemacht hat. Und: In China, Indien und Südostasien allein wird sich die Zahl der Vier- und Zweiräder beim derzeitigen Trend wohl bis 2050 verdoppeln - um Milliarden Fahrzeuge.

          Kein Grund zur Panik meinen die Klimaforscher, ganz im Sinne eines neuen positivistischen Klima-„Narrativs“ - mit neuen Schnellbahnstrecken, einem entschlossenen Radwegeausbau und dem rasanten Ausbau alternativer Fahrzeugflotten auf Basis von Elektro-, Wasserstoff- und Biosprittechnologie sei die Halbierung der Emissionen zu erreichen. Ihr Strohhalm heißt Stromspeicher: Die Batteriepreise sind rapide gesunken. Von 1000 Dollar pro Kilowattstunde im Jahr 2007 auf nun 410 Dollar und voraussichtlich unter 200 Dollar im Jahr 2030. Gelingt andererseits das Umsatteln auf Elektromobilität nicht, so heißt es auch, könnte sich der Transportsektor als Dauerstraßensperre im Kampf gegen den Klimawandel erweisen.

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