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Klimadebatte in Spanien : Zeit der Gier

Trockenes Flussbett in der Provinz Aragon Bild: picture-alliance / dpa

Plünderung ist das Prinzip: Spaniens Wirtschaft boomt, doch das Land verprasst seine Zukunft und schert sich nicht um den Klimawandel. Vor allem für die heißeren Gegenden ist die Entwicklung fatal.

          5 Min.

          Dass sich die Spanier nach einer jüngst veröffentlichten Umfrage unter allen Europäern die größten Sorgen über den Klimawandel machen, ist zunächst nichts weiter als Zahlenwerk. Und wen sollte es wundern? Spanien liegt im Süden. Sieben von zehn Spaniern, so heißt es, seien über Erderwärmung, Dürregefahr, Ansteigen des Meeresspiegels, Abschmelzen der Polarkappen und so weiter „sehr besorgt“. Im europäischen Besorgtheitsranking folgen dahinter Zypern, Malta, Griechenland, Portugal, Rumänien und Italien. Wie gesagt, der Süden. Finnland hat vorerst keine Wüstensommer zu befürchten.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Doch bei der Frage, was aus der Sorge folgt, sieht es für die Spanier aus mehreren Gründen düster aus. Der erste und offensichtlichste ist, dass sie sich wenig für Ökologie und Klimaforschung interessieren, in Umweltfragen weit hinterherhinken und schlecht auf Normen zu sprechen sind, die ihren Bewegungsspielraum einengen. Ein „ökologisches Gewissen“ gab es in Spanien noch nie, und grüne Politik existiert auf nationaler Ebene nicht.

          Furchterregender Bauboom

          Zwar mahnen Werbespots im Sommer treuherzig zum Wassersparen, doch als Umweltministerin Cristina Narbona im Februar die beunruhigenden Erkenntnisse der Klimastudie der Vereinten Nationen durch spanische Untersuchungen ergänzte, die auf einen Temperaturanstieg zwischen vier und sieben Grad Celsius bis zum Ende des Jahrhunderts und damit auf eine iberische Klimakatastrophe hinauslaufen, berührte das die Öffentlichkeit wenig. Leitartikler und Meinungsmacher beschäftigten sich lieber mit wichtigeren Themen als Hitzschlag, Missernten, Versteppung, neuen Parasiten oder Wanderungen von Menschen und Vögeln. Während der Streit um die Terrorgruppe Eta in den letzten drei Monaten ein halbes Dutzend Großdemonstrationen hervorgerufen hat, mobilisiert der Klimaschutz niemanden.

          Das wahre Problem könnte sein, dass das märchenhafte spanische Wirtschaftswachstum der vergangenen Jahre unmittelbar an die konsequente Plünderung des Landes und seiner Ressourcen - Boden, Wasser, Licht - gebunden ist. Der grassierende Bauboom hat so furchterregende Ausmaße angenommen, dass in Spanien jährlich mehr Wohnungen und Häuser gebaut werden als in Deutschland, Frankreich und England zusammen. Ein Teil der frisch hochgezogenen Agglomerationen ist illegal. Nicht nur die sprichwörtlich verschandelte andalusische Küste, auch die Speckgürtel der Großstädte präsentieren Spukbilder entfesselter Bauaktivität, die oft unmittelbare Folge von Begünstigung, geheimen Absprachen und Schmiergeldern ist. Viel steht auf dem Spiel: In den letzten zehn Jahren sind die spanischen Immobilienpreise um mehr als 150 Prozent gestiegen. Zu den großen Gewinnern gehören Bauunternehmer, Immobilienmakler und Investoren. Auch die ausländische Nachfrage nach Wohnungen in Spanien, ob zum Eigenbedarf oder als Spekulationsobjekt, ist ungebrochen.

          Äußerste Schamlosigkeit

          Allein zwischen Anfang 2005 und Mitte 2006 hat die spanische Umweltpolizei (Seprona) im ganzen Land - Katalonien und das Baskenland ausgenommen - fast dreizehntausend illegale Baumaßnahmen entdeckt. Die Delikte reichen von schlichter Annexion öffentlichen Baugrunds über unerlaubten Umbau und nicht genehmigte Zäune bis zum wilden Bauen in Naturschutzgebieten. Ein Großteil der Sünder ist übrigens in der Baubranche tätig und geht mit äußerster Schamlosigkeit vor. Brunnen werden gebohrt, wo es nottut, kommunale Stromleitungen einfach angezapft. Die Chancen, dass die illegale Landnahme nachträglich für legal erklärt wird, stehen gut.

          Im vergangenen Oktober etwa beschloss die sozialistische Kommunalregierung von Chiclana de Frontera (Provinz Cádiz), fünfzehntausend unrechtmäßig gebaute Häuser oder Wohnungen, die in den letzten drei Jahrzehnten entstanden sind, für rechtmäßig zu erklären. Nach und nach sollen sich die Bewohner registrieren lassen und reguläre Stromversorgung erhalten. Statt also die Erfüllung der Normen zu erzwingen und Übertretungen konsequent zu ahnden, holt die Gemeinde die Übeltäter unter den riesigen Schirm einer bedeutungslos gewordenen Gesetzgebung zurück. Legal ist, was passt.

          Schwärmen von den vielen Arbeitsplätzen

          Unter der Dachzeile „Räuberische Bauwirtschaft“ berichtete die Zeitung „El País“ Anfang des Monats von zehn Naturparks, deren Gebiete von der Bauindustrie belagert sind oder schon angenagt wurden. Hier geht es um Eigenheime mit Bergblick, dort um eine neue Skistation, anderenorts um neunhundert Wohnungen mit Golfplatz. Besonders wüst geht es in der Region Valencia und in den andalusischen Provinzen Murcia und Almería zu, wo zahlreiche Gemeinden bereit sind, ehemals geschützten Boden zu „requalifizieren“, also in Bauland umzuwidmen, damit sich 10.000-Seelen-Dörfer in enorme Freizeit- und Feriensiedlungen mit der zwanzigfachen Einwohnerzahl verwandeln können. Umweltverträglichkeitsdebatten, wenn sie denn stattfinden, werden im Allgemeinen vor Gericht ausgefochten, wo die Waffen denkbar ungleich verteilt sind. Der gefährdete Braunbär in Kastilien und León ist auf die Initiative der Umweltschützer angewiesen. Währenddessen schwärmen Bauunternehmer und modernisierungssüchtige Provinzpolitiker vom „Wachstumspotential“ ihrer Region und verweisen auf die vielen neuen Arbeitsplätze.

          Die Situation in Spanien ist nicht nur aufgrund der extrem heißen Temperaturen, des steigenden Kohlendioxidausstoßes und mangelnden Umweltbewusstseins prekär. Die Gefräßigkeit der Bau- und Tourismusbranche verschärft eine unheilvolle Tendenz: Alles drängt in die Hauptstadt oder an die Küsten, während das Landesinnere verkümmert. Große Infrastrukturmaßnahmen und architektonische Prestigeobjekte dienen gemeinhin den ohnehin schon bevorzugten Gebieten. Für diese Zweiklassentrennung benutzte der Schriftsteller Julio Llamazares kürzlich den Begriff der „zwei Spanien“, der üblicherweise für die ideologischen Gräben der Bürgerkriegszeit reserviert ist. Die reichen Regionen, so Llamazares, betrachteten die ärmeren als reine Zulieferer. Fehle es den Reichen an Wasser, sollten die anderen es gefälligst zur Verfügung stellen. Die Reichen pochten auf Solidarität, wenn sie ihnen gelegen komme, hätten das Solidaritätsmodell der autonomen Regionen aber längst ausgehöhlt. Im heutigen Spanien regiere der nackte Egoismus.

          Rechnung ohne den Klimawandel

          Um überhaupt etwas vom Kuchen abzubekommen, verscherbeln Gemeinden ihre schöne Aussicht, die gute Landluft oder die himmlische Ruhe, mit denen es dann allerdings rasch vorbei ist. Die Vervielfachung der Wohnhäuser zieht breitere Straßen, neue Autobahnen und noch mehr versiegelte Flächen nach sich. Laut einer Verträglichkeitsstudie gab es in Spanien im Jahr 2004 dreiundzwanzig Millionen Privathäuser beziehungsweise -wohnungen, von denen nur 15,5 Millionen als Erstwohnsitz dienten. Rund 5,3 Millionen, mehr als ein Drittel, waren Zweitwohnung oder Zweithaus. Die gut zwei Millionen Immobilien, die in dieser Rechnung fehlen, standen leer.

          Dass es sträflich naiv ist, die Rechnung dabei ohne den Klimawandel zu machen, wird irgendwann zu spüren sein. Auf die spanische Tourismus- und Dienstleistungskultur kommt jedenfalls einiges zu. Alles, was das Land zu bieten hat, muss neu berechnet und justiert werden. Im vergangenen Winter etwa machten die spanischen Wintersportorte herbe Verluste, weil bis Anfang Februar kaum Schnee fiel - Vorbote einer Zeit, da es auch mit Kunstschnee nicht mehr zu schaffen ist und Bergwandern die bessere Idee sein könnte.

          Der grüne Rasen ist das Problem

          Wie gefährlich das Leben in den heißeren Gegenden werden kann, hat der Sommer 2006 gezeigt. Die Wasserreservoirs meldeten historische Tiefststände. In Andalusien und der Extremadura starben Menschen an Dehydrierung. Waldbrände, die Plage jedes Sommers, rafften viele Hektar Land hinweg. Sich auszumalen, zu den in Córdoba und Sevilla gemessenen 55 Grad Celsius kämen irgendwann in diesem Jahrhundert noch sechs Grad hinzu, überfordert die Phantasie.

          Und es braucht keine alarmistischen Hochrechnungen, um zu wissen, dass es noch viel schlimmer kommen wird. Schon heute kann die Provinz Murcia den jährlichen Wasserbedarf nicht aus eigenen Ressourcen decken. Dennoch werden hier und in Almería, der heißesten Zone Spaniens, in den nächsten Jahren mehrere hunderttausend neue Wohneinheiten hingesetzt. Der Wahnsinnsplan könnte die Gegend stärker verändern, als es das ganze zwanzigste Jahrhundert geschafft hat. Gedacht als Fantasialand für Begüterte, mit Golf, Fitness und Friseur, wird sich hier in Wahrheit eine Kunstwelt aus Ziegeln und Asphalt erheben. Der grüne Rasen, der sie säumen soll, ist das Problem, über das heute noch niemand nachdenken will.

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