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Klimadebatte in Spanien : Zeit der Gier

Trockenes Flussbett in der Provinz Aragon Bild: picture-alliance / dpa

Plünderung ist das Prinzip: Spaniens Wirtschaft boomt, doch das Land verprasst seine Zukunft und schert sich nicht um den Klimawandel. Vor allem für die heißeren Gegenden ist die Entwicklung fatal.

          Dass sich die Spanier nach einer jüngst veröffentlichten Umfrage unter allen Europäern die größten Sorgen über den Klimawandel machen, ist zunächst nichts weiter als Zahlenwerk. Und wen sollte es wundern? Spanien liegt im Süden. Sieben von zehn Spaniern, so heißt es, seien über Erderwärmung, Dürregefahr, Ansteigen des Meeresspiegels, Abschmelzen der Polarkappen und so weiter „sehr besorgt“. Im europäischen Besorgtheitsranking folgen dahinter Zypern, Malta, Griechenland, Portugal, Rumänien und Italien. Wie gesagt, der Süden. Finnland hat vorerst keine Wüstensommer zu befürchten.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Doch bei der Frage, was aus der Sorge folgt, sieht es für die Spanier aus mehreren Gründen düster aus. Der erste und offensichtlichste ist, dass sie sich wenig für Ökologie und Klimaforschung interessieren, in Umweltfragen weit hinterherhinken und schlecht auf Normen zu sprechen sind, die ihren Bewegungsspielraum einengen. Ein „ökologisches Gewissen“ gab es in Spanien noch nie, und grüne Politik existiert auf nationaler Ebene nicht.

          Furchterregender Bauboom

          Zwar mahnen Werbespots im Sommer treuherzig zum Wassersparen, doch als Umweltministerin Cristina Narbona im Februar die beunruhigenden Erkenntnisse der Klimastudie der Vereinten Nationen durch spanische Untersuchungen ergänzte, die auf einen Temperaturanstieg zwischen vier und sieben Grad Celsius bis zum Ende des Jahrhunderts und damit auf eine iberische Klimakatastrophe hinauslaufen, berührte das die Öffentlichkeit wenig. Leitartikler und Meinungsmacher beschäftigten sich lieber mit wichtigeren Themen als Hitzschlag, Missernten, Versteppung, neuen Parasiten oder Wanderungen von Menschen und Vögeln. Während der Streit um die Terrorgruppe Eta in den letzten drei Monaten ein halbes Dutzend Großdemonstrationen hervorgerufen hat, mobilisiert der Klimaschutz niemanden.

          Das wahre Problem könnte sein, dass das märchenhafte spanische Wirtschaftswachstum der vergangenen Jahre unmittelbar an die konsequente Plünderung des Landes und seiner Ressourcen - Boden, Wasser, Licht - gebunden ist. Der grassierende Bauboom hat so furchterregende Ausmaße angenommen, dass in Spanien jährlich mehr Wohnungen und Häuser gebaut werden als in Deutschland, Frankreich und England zusammen. Ein Teil der frisch hochgezogenen Agglomerationen ist illegal. Nicht nur die sprichwörtlich verschandelte andalusische Küste, auch die Speckgürtel der Großstädte präsentieren Spukbilder entfesselter Bauaktivität, die oft unmittelbare Folge von Begünstigung, geheimen Absprachen und Schmiergeldern ist. Viel steht auf dem Spiel: In den letzten zehn Jahren sind die spanischen Immobilienpreise um mehr als 150 Prozent gestiegen. Zu den großen Gewinnern gehören Bauunternehmer, Immobilienmakler und Investoren. Auch die ausländische Nachfrage nach Wohnungen in Spanien, ob zum Eigenbedarf oder als Spekulationsobjekt, ist ungebrochen.

          Äußerste Schamlosigkeit

          Allein zwischen Anfang 2005 und Mitte 2006 hat die spanische Umweltpolizei (Seprona) im ganzen Land - Katalonien und das Baskenland ausgenommen - fast dreizehntausend illegale Baumaßnahmen entdeckt. Die Delikte reichen von schlichter Annexion öffentlichen Baugrunds über unerlaubten Umbau und nicht genehmigte Zäune bis zum wilden Bauen in Naturschutzgebieten. Ein Großteil der Sünder ist übrigens in der Baubranche tätig und geht mit äußerster Schamlosigkeit vor. Brunnen werden gebohrt, wo es nottut, kommunale Stromleitungen einfach angezapft. Die Chancen, dass die illegale Landnahme nachträglich für legal erklärt wird, stehen gut.

          Im vergangenen Oktober etwa beschloss die sozialistische Kommunalregierung von Chiclana de Frontera (Provinz Cádiz), fünfzehntausend unrechtmäßig gebaute Häuser oder Wohnungen, die in den letzten drei Jahrzehnten entstanden sind, für rechtmäßig zu erklären. Nach und nach sollen sich die Bewohner registrieren lassen und reguläre Stromversorgung erhalten. Statt also die Erfüllung der Normen zu erzwingen und Übertretungen konsequent zu ahnden, holt die Gemeinde die Übeltäter unter den riesigen Schirm einer bedeutungslos gewordenen Gesetzgebung zurück. Legal ist, was passt.

          Schwärmen von den vielen Arbeitsplätzen

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