https://www.faz.net/-gwz-u6a0

Klimadebatte in Spanien : Zeit der Gier

Unter der Dachzeile „Räuberische Bauwirtschaft“ berichtete die Zeitung „El País“ Anfang des Monats von zehn Naturparks, deren Gebiete von der Bauindustrie belagert sind oder schon angenagt wurden. Hier geht es um Eigenheime mit Bergblick, dort um eine neue Skistation, anderenorts um neunhundert Wohnungen mit Golfplatz. Besonders wüst geht es in der Region Valencia und in den andalusischen Provinzen Murcia und Almería zu, wo zahlreiche Gemeinden bereit sind, ehemals geschützten Boden zu „requalifizieren“, also in Bauland umzuwidmen, damit sich 10.000-Seelen-Dörfer in enorme Freizeit- und Feriensiedlungen mit der zwanzigfachen Einwohnerzahl verwandeln können. Umweltverträglichkeitsdebatten, wenn sie denn stattfinden, werden im Allgemeinen vor Gericht ausgefochten, wo die Waffen denkbar ungleich verteilt sind. Der gefährdete Braunbär in Kastilien und León ist auf die Initiative der Umweltschützer angewiesen. Währenddessen schwärmen Bauunternehmer und modernisierungssüchtige Provinzpolitiker vom „Wachstumspotential“ ihrer Region und verweisen auf die vielen neuen Arbeitsplätze.

Die Situation in Spanien ist nicht nur aufgrund der extrem heißen Temperaturen, des steigenden Kohlendioxidausstoßes und mangelnden Umweltbewusstseins prekär. Die Gefräßigkeit der Bau- und Tourismusbranche verschärft eine unheilvolle Tendenz: Alles drängt in die Hauptstadt oder an die Küsten, während das Landesinnere verkümmert. Große Infrastrukturmaßnahmen und architektonische Prestigeobjekte dienen gemeinhin den ohnehin schon bevorzugten Gebieten. Für diese Zweiklassentrennung benutzte der Schriftsteller Julio Llamazares kürzlich den Begriff der „zwei Spanien“, der üblicherweise für die ideologischen Gräben der Bürgerkriegszeit reserviert ist. Die reichen Regionen, so Llamazares, betrachteten die ärmeren als reine Zulieferer. Fehle es den Reichen an Wasser, sollten die anderen es gefälligst zur Verfügung stellen. Die Reichen pochten auf Solidarität, wenn sie ihnen gelegen komme, hätten das Solidaritätsmodell der autonomen Regionen aber längst ausgehöhlt. Im heutigen Spanien regiere der nackte Egoismus.

Rechnung ohne den Klimawandel

Um überhaupt etwas vom Kuchen abzubekommen, verscherbeln Gemeinden ihre schöne Aussicht, die gute Landluft oder die himmlische Ruhe, mit denen es dann allerdings rasch vorbei ist. Die Vervielfachung der Wohnhäuser zieht breitere Straßen, neue Autobahnen und noch mehr versiegelte Flächen nach sich. Laut einer Verträglichkeitsstudie gab es in Spanien im Jahr 2004 dreiundzwanzig Millionen Privathäuser beziehungsweise -wohnungen, von denen nur 15,5 Millionen als Erstwohnsitz dienten. Rund 5,3 Millionen, mehr als ein Drittel, waren Zweitwohnung oder Zweithaus. Die gut zwei Millionen Immobilien, die in dieser Rechnung fehlen, standen leer.

Dass es sträflich naiv ist, die Rechnung dabei ohne den Klimawandel zu machen, wird irgendwann zu spüren sein. Auf die spanische Tourismus- und Dienstleistungskultur kommt jedenfalls einiges zu. Alles, was das Land zu bieten hat, muss neu berechnet und justiert werden. Im vergangenen Winter etwa machten die spanischen Wintersportorte herbe Verluste, weil bis Anfang Februar kaum Schnee fiel - Vorbote einer Zeit, da es auch mit Kunstschnee nicht mehr zu schaffen ist und Bergwandern die bessere Idee sein könnte.

Der grüne Rasen ist das Problem

Wie gefährlich das Leben in den heißeren Gegenden werden kann, hat der Sommer 2006 gezeigt. Die Wasserreservoirs meldeten historische Tiefststände. In Andalusien und der Extremadura starben Menschen an Dehydrierung. Waldbrände, die Plage jedes Sommers, rafften viele Hektar Land hinweg. Sich auszumalen, zu den in Córdoba und Sevilla gemessenen 55 Grad Celsius kämen irgendwann in diesem Jahrhundert noch sechs Grad hinzu, überfordert die Phantasie.

Und es braucht keine alarmistischen Hochrechnungen, um zu wissen, dass es noch viel schlimmer kommen wird. Schon heute kann die Provinz Murcia den jährlichen Wasserbedarf nicht aus eigenen Ressourcen decken. Dennoch werden hier und in Almería, der heißesten Zone Spaniens, in den nächsten Jahren mehrere hunderttausend neue Wohneinheiten hingesetzt. Der Wahnsinnsplan könnte die Gegend stärker verändern, als es das ganze zwanzigste Jahrhundert geschafft hat. Gedacht als Fantasialand für Begüterte, mit Golf, Fitness und Friseur, wird sich hier in Wahrheit eine Kunstwelt aus Ziegeln und Asphalt erheben. Der grüne Rasen, der sie säumen soll, ist das Problem, über das heute noch niemand nachdenken will.

Weitere Themen

Topmeldungen

Sicherheitszone in Syrien : Kramp-Karrenbauer auf Konfrontationskurs

Die Verteidigungsministerin fordert eine internationale Schutzzone in Nordsyrien – und schließt auch den Einsatz deutscher Soldaten dabei nicht aus. Damit irritiert sie die SPD und vor allem Außenminister Maas. Die Kritik lässt nicht lange auf sich warten.

Google Pixel 4 XL im Test : Unter dem Radar

Google probiert im Pixel 4 einen neuen Sensor aus. Mit Hilfe von Radartechnologie lasst sich das Smartphone berührungslos steuern. Auch die Kamera überzeugt mit einer neuen Funktion.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.