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Kimawandel : Mit Phantomschmerz in den Klimakollaps

Bild: F.A.Z.

Wird der Golfstrom eines Tages ausbleiben oder nicht? Das Horrorszenario ist nicht neu. Selbst Hollywood hat sich schon damit beschäftigt. Forscher glauben zwar nicht an eine neue Eiszeit, aber das Gerücht lebt auch in der Politik munter weiter.

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          Wird er nun, oder wird er nicht? Stockt der Golfstrom oder stockt er nicht? Für ganze zehn Tage, es war im November vor zwei Jahren, schien das Katastrophenszenario, das schon seit zwei Jahrzehnten die Gemüter bewegt, Wirklichkeit zu werden. Auf dem 25. Breitengrad Nord, dreitausend Meter unter der Oberfläche des Nordatlantiks, kam der Tiefenstrom zum Erliegen. Der große kalte Strom, der vom Norden kommend mit den Wassermassen des Golfstroms gespeist wird, stockte im westlichen Teil des Ozeans völlig unverhofft. Zehn Tage lang. Eine drei Grad kalte Wasserschicht war um siebenhundert Meter abgesackt, blockierte den Fluß des Tiefenstroms über dem Meeresboden.

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Es war nicht die erste Schrecksekunde, die Harry Bryden von der University of Southhampton mit seinen Mitarbeitern des „Rapid climate change array“ - kurz Rapid - erlebte. Die Monate davor schon hatte das Team einige Male den Atem angehalten, als man mit dem Schiff auf dem 25. Breitengrad zwischen Teneriffa und der amerikanischen Küste unterwegs war, um Messungen der Meeresströme vorzunehmen und die mittlerweile 25 Meßbojen zu verankern, die das wissenschaftliche Rückgrad von Rapid bilden. Um dreißig Prozent, berichtete Bryden ein Jahr später in der Zeitschrift „Nature“, habe sich der warme Atlantikstrom und der Golfstrom an der Oberfläche zwischen 1992 und 2004 verlangsamt. Ein Wert, der alle Vorhersagen übertraf, ja sogar die schrecklichsten unter den Katastrophenszenarien.

          Apokalyptischer Endpunkt der Erderwörmung

          Sollte die Wärmeheizung Europas, die der Nordhalbkugel soviel Energie wie eine halbe Million großer Kraftwerke zuführt, tatsächlich erlahmen? Seitdem der amerikanische Ozeanograph Wallace Broecker vom Lamont-Doherty Earth Observatory der Columbia University vor zwanzig Jahren die These vom kollabierenden Golfstrom etabliert hatte, hat dieses „Eiszeit“-Szenario berühmt-berüchtigte Popularisierungen erfahren. Der Kinothriller „The Day after Tomorrow“ war in dieser Hinsicht die Spitze der Bewegung.

          Vorher gab es dazu einen Bericht des Pentagons mit dem Titel „Das Undenkbare denken“, und auch Ex-Präsidentschaftskandidat Al Gore pflegte bei seinen Ansprachen im Kongress und zuletzt in seinem Kinofilm „Eine unbequeme Wahrheit“ diesen apokalyptischen Endpunkt der globalen Klimaerwärmung plakativ hervorzuheben. Zu einer Zeit allerdings, als sich die Vorstellung vom abrupten Kälteschock über Europa unter Klimaexperten längst gewandelt hatte. Zwar war bis vor wenigen Jahren immer noch von Klimamodellen zu lesen, die den Zusammenbruch des Golfstroms als mögliches Szenario behandelten, aber als realistisch galt dieses nicht mehr - zumindest nicht, wenn man die gängigen Klimaprognosen für die nächsten hundert Jahre betrachtet.

          Es könnte sich stauen

          Entscheidende Voraussetzung für das Versiegen des Golfstroms wäre ein gewaltiger Zufluss an Süßwasser, der nach den Vorstellungen der Klimaforscher zu großen Teilen von den abschmelzenden Eispanzern Grönlands kommen sollte. Mindestens ein Sechstel der grönlandischen Gletschermassen müßte in kurzer Zeit ins Meer fließen, so hatte man ausgerechnet, damit die Umwälzpumpe im Nordatlantik zum Erliegen kommt. Die gewaltige Umwälzpumpe, die die Sogwirkung auf die Oberflächenströme des subtropischen Atlantiks weiter südlich ausübt, das sind vor allem die Labrador-See und die Grönland-See am Rande des Nordpolarmeeres (siehe Kasten). Hier kühlt das aus Süden mit dem Golfstrom zufließende warme Wasser stark ab und sinkt in die Tiefe, wo es das große „globale Förderband“ der Meeresströmungen antreibt.

          Das Absinken an diesen beiden Orten steht und fällt aber nicht nur mit der Temperatur des Wassers - kaltes Wasser ist dichter und sinkt ab -, sondern auch mit dem Salzgehalt. Fließt Süßwasser aus den schmelzenden Gletschern in großen Mengen zu, wird das Oberflächenwasser verdünnt, es sinkt wesentlich langsamer ab oder bleibt gar in den obersten Meeresschichten hängen. Es könnte sich regelrecht stauen. In Simulationen von Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung kam es in einigen nördlichen Regionen zu einem lokalen Meeresspiegelanstieg um bis zu einem Meter.

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