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Eisheilige : Nie wieder kalte Sophie?

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Keine feste Kalenderbindung

Aber selbst in den Jahren davor wiesen die Eisheiligen keine feste Kalenderbindung auf. Es war also nicht so, dass jedes Jahr pünktlich zu Sankt Mamerti eisige Polarluft an die Deutsche Bucht strömte und dann Richtung Süden über Deutschland hinwegrauschte. Die Nordwetterlage trat im fraglichen Zeitraum nur etwas häufiger auf, führte Polarluft gegen die Alpen und löste damit die Spätfröste aus. Das muss allerdings nicht jedes Jahr der Fall gewesen sein.

Damals zählten die Eisheiligen zu den Witterungsregeln im Jahresverlauf, die auch auch „Singularitäten“ genannt werden, nach denen zu bestimmten Tagen im Jahr tatsächlich typische Wetterlagen vorherrschen. Andere Regelfälle, die noch heute zutreffen, sind der Altweibersommer und das Weihnachtstauwetter. So stellt sich in Mitteleuropa Ende September mit hoher Wahrscheinlichkeit noch einmal schönes, sommerliches Wetter ein, während es ausgerechnet zu Weihnachten häufig taut, nachdem es zur Adventszeit bereits winterlich gewesen ist.

Der übergeordnete jahreszeitliche Taktgeber

Wie hoch allerdings die Trefferquote sein muss, um von einer Regel zu sprechen, ist unter Wissenschaftlern umstritten. Der 1997 verstorbene Bonner Klimaforscher Hermann Flohn beispielsweise definierte eine Witterungsregel vergleichsweise streng als Ereignis, das an dem betreffenden Tag mindestens in zwei von drei Jahren auftritt.

Warum die Atmosphäre regelmäßig in typische Muster verfällt, ist noch nicht vollständig verstanden. „Es muss einen Auslöser dafür geben, und offenbar muss er mit dem Jahresgang im Zusammenhang stehen“, sagt Peter Bissolli. Das Wetter mag von Tag zu Tag ein Chaos sein, aber offensichtlich gehorcht es dabei auch einem übergeordneten jahreszeitlichen Taktgeber.

Dabei handelt es sich vermutlich um Wellen in der Atmosphäre, die sich in bestimmten Perioden von West nach Ost bewegen. Entlang dieser Wellen windet sich in großer Höhe ein starker Wind, der Jetstream, um die Erde. Liegt die Welle nun in vielen Jahren zu einer ganz bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort, kann das zu einer Witterungsregel führen. Klimatologen vermuten, dass diese Wellen ihrerseits von komplexen Vorgängen in der Stratosphäre beeinflusst werden.

Klimawandel oder Kalenderverschiebung?

Es gibt aber auch Klimatologen, die das Konzept der Witterungsregeln generell anzweifeln. Sie vermuten eher, dass Singularitäten rein zufällig auftreten und statistisch künstlich erzeugt werden. Dem widersprechen der Deutsche Wetterdienst und Meteo Schweiz. DWD-Experte Bissolli ist überzeugt, dass die Singularitäten einen handfesten meteorologisch-physikalischen Hintergrund haben. Anders lasse sich deren statistische Signifikanz nicht erklären, sagt er.

Dabei bleibt offen, ob der Klimawandel die alten Regeln nun ganz über den Haufen wirft oder sie lediglich im Kalender verschiebt. Im Falle der Eisheiligen kann man inzwischen davon ausgehen, dass sie ganz obsolet geworden sind. Von allen vier Jahreszeiten hat sich der Frühling seit den neunziger Jahren am stärksten erwärmt. Die Pflanzen blühen immer früher, in diesem Jahr wurden neuerlich phänologische Rekorde gebrochen: Die Apfelbäume im Südwesten Deutschlands standen bereits Ende März in voller Blüte, so früh wie nie. Und der April war der viertwärmste, der je gemessen wurde. Von typischem Aprilwetter keine Spur, wie bereits 2007, 2009 und 2011 war es beinahe sommerlich.

Für den Gärtner macht das die Planung nicht einfacher. Kann er empfindliche Pflanzen nun früher nach draußen bringen? Kann er Gurken und Basilikum schon im April säen? Rein statistisch spricht wenig dagegen. „Ein gewisses Restrisiko bleibt natürlich“, sagt Peter Bissolli. Helfen kann ein Blick auf die Vorgeschichte des jeweiligen Frühjahrs. Lungert, wie im vergangenen Jahr, sehr lange eisige Kaltluft über Skandinavien herum, sind kühle Rückfälle eher wahrscheinlich. Dann sollte man wie gehabt warten. Wer ganz auf Nummer Sicher gehen möchte, geduldet sich sogar bis zur berühmten Schafskälte im Juni. Diese Wetterregel immerhin funktioniert noch recht gut.

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