https://www.faz.net/-gwz-s1a5

Katastrophenforschung : Städte am falschen Ort

  • -Aktualisiert am

Bild:

Seit Jahrzehnten nimmt die Zahl der Naturkatastrophen zu. Die Schäden werden immer schwerer. Eine wachsende Weltbevölkerung leidet unter den Folgen des eigenen Tuns.

          5 Min.

          Künftigen Generationen könnte das zwanzigste Jahrhundert einmal als die sprichwörtliche Ruhephase vor dem Sturm erscheinen. Denn die Zahl der Naturkatastrophen steigt. Daran besteht kein Zweifel mehr. Der Tsunami im Indischen Ozean, das Erdbeben in Kaschmir und vor allem der Hurrikan „Katrina“ über New Orleans waren keine Einzelfälle, sondern deutliche Bestätigungen eines bereits länger beobachteten Trends.

          Vor wenigen Tagen erst legte die „International Strategy for Disaster Reduction“ (ISDR), eine Abteilung der Vereinten Nationen, aktuelle Zahlen vor. Danach hat sich die Anzahl der jährlichen Naturkatastrophen seit 1975 auf zirka 400 vervierfacht. Eine fatale Entwicklung beobachtet auch die Münchener Rückversicherungsgesellschaft, die eine umfassende Katastrophen-Datenbank pflegt. „In den vergangenen vier Jahrzehnten hat die Häufigkeit großer Naturkatastrophen weltweit auf das Dreifache zugenommen“, sagt Peter Höppe, der Leiter der Abteilung „Georisikoforschung“ des Unternehmens.

          Zahl der Opfer gestiegen

          Mit der Häufigkeit, mit der die Urgewalten zuschlagen, ist die Zahl der Opfer gestiegen. 2005 kamen bei Naturkatastrophen etwa 92 000 Menschen ums Leben, außergewöhnlich viele im längerfristigen Vergleich. 2004 waren es sogar 245 000 (siehe auch „Banda Aceh: Tsunamis“). Noch deutlicher ist die Zunahme bei den Sachschäden. 2005 war mit Schadenssummen von über 150 Milliarden Dollar das zweitteuerste Naturkatastrophenjahr überhaupt. Nur 1995 kam es zu noch größeren Zerstörungen, als unter der japanischen Stadt Kobe die Erde bebte.

          Die Ursachen des katastrophalen Trends sind gar nicht schwer auszumachen. Einerseits spielt das schiere Wachstum der Weltbevölkerung eine Rolle. Über 6,5 Milliarden Menschen leben heute auf der Erde, mehr als jemals zuvor. Vor vierzig Jahren waren es nur halb so viele. Mehr Menschen bedeuten zwangsläufig mehr Katastrophen. Denn dazu wird ein Naturereignis erst, wenn Menschen oder ihr Besitz zu Schaden kommen. Ein Sturm über leerer Ödnis taucht in den Statistiken überhaupt nicht auf.

          Viel los in der Atmosphäre

          Warum immer mehr Katastrophen registriert werden, zeigt ein Blick auf die Art ihrer Entstehung. Eine Zunahme geologischer Katastrophen, also von Erdbeben, Tsunamis und Vulkanausbrüchen, gibt es nach Angaben des ISDR zwar auch, allerdings ist sie nicht besonders hoch. Einen steilen Anstieg verzeichnet die Organisation dagegen bei den hydrometeorologischen Ereignissen, die in der Atmosphäre ausgelöst werden. Rund 30 verheerende Überschwemmungen gab es 1970 weltweit, inzwischen sind es jährlich 130. Ähnliches ist bei den Stürmen zu beobachten. Hydrometeorologische Ereignisse, zu denen auch Erdrutsche und Dürren zählen, lösen inzwischen mehr als drei Viertel aller Naturkatastrophen aus.

          In dieses Bild passen die Beobachtungen des amerikanischen Wetterdienstes: Er registrierte im vergangenen Jahr 27 tropische Stürme über dem Atlantik, so viele wie nie zuvor. Über die Hälfte davon waren so heftig, daß sie als Hurrikane eingestuft wurden. Und nicht nur ihre Häufigkeit, auch ihre Wucht war außergewöhnlich: „Wilma“, der im Oktober die mexikanische Halbinsel Yukatan heimsuchte, war der stärkste jemals gemessene Hurrikan; „Katrina“ der sechststärkste. 2005 war damit das Hurrikan-Rekordjahr schlechthin, auch in der Schadensbilanz.

          Weitere Themen

          Pressefreiheit könnte Leben retten

          Brief aus Istanbul : Pressefreiheit könnte Leben retten

          Drohende Erdbeben, krebserregende Substanzen – der türkischen Bevölkerung werden gezielt Informationen vorenthalten. Offenbar betrachtet man es im Präsidentenpalast als Verbrechen, die Bevölkerung vor dem Tod bewahren zu wollen.

          Nobelpreisträger von 1901 bis 2019 Video-Seite öffnen

          Im Überblick : Nobelpreisträger von 1901 bis 2019

          Der Nobelpreis wurde von dem schwedischen Erfinder und Industriellen Alfred Nobel das erste mal 1901 gestiftet. Die interaktive Übersicht informiert Sie über die Preisträger aus den unterschiedlichen Kategorien.

          Topmeldungen

          Atemschutzmasken gehörten für viele Chinesen lange zum Alltag.

          Weniger Schadstoffe : China macht ernst mit der sauberen Luft

          Peking macht ernst mit der Luftreinhaltepolitik: Wenn es stimmt, was Forscher berichten, hat die Belastung mit Schadstoffen schon massiv abgenommen – und schneller als geplant.
          Präsident Erdogan erklärt sich gegenüber Journalisten.

          Krieg in Syrien : VW stellt Werk in der Türkei in Frage

          Eigentlich war die Sache in trockenen Tüchern, nahe Izmir wollte VW sein erstes türkisches Pkw-Werk errichten. Doch weil Erdogans Truppen in Nordsyrien einmarschiert sind und dort die Kurden bekämpfen, wachsen die Zweifel an der Standortentscheidung.
          Darf nicht mehr für den FC St. Pauli spielen: Cenk Sahin

          Nach umstrittenem Türkei-Post : Sahin darf nicht mehr für St. Pauli spielen

          Weil er die Vereinswerte mehrfach missachtet habe, werde Fußballprofi Cenk Sahin „zum Schutze aller Beteiligter“ freigestellt, teilt der FC St. Pauli mit. Sahin demonstrierte zuvor seine Unterstützung für die türkische Militäroffensive in Syrien.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.