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Karin Lochte im Gespräch : Natürlich kann man noch viel pessimistischer sein

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Karin Lochte: „Auch Hoffnungsszenarien in den Berichten” Bild: picture-alliance/ dpa

Diese Woche wird der Abschlussbericht des Weltklimarates veröffentlicht. Das ist eine Basis für die Klimapolitik, aber wichtige Fragen bleiben offen, meint die biologische Ozeanographin Karin Lochte.

          Diese Woche wird der Abschlussbericht des Weltklimarates veröffentlicht. Das ist eine Basis für die Klimapolitik, aber wichtige Fragen bleiben offen, meint die biologische Ozeanographin Karin Lochte.

          Der vierte Teil des vierten Weltklimaberichtes steht ins Haus und damit die Zusammenfassung von drei Arbeitsgruppen des IPCC, die ihre Einzelberichte schon im Laufe des Jahres in allen Details veröffentlicht wurden. Sind da neue Erkenntnisse zu erwarten?

          Natürlich nicht, aber es lohnt sich trotzdem, da reinzusehen. Ich will schon wissen, was in Bezug auf die Polarregionen gesagt wird und auf die Meeresgebiete. Das wird zwar nicht mehr sein als das, was schon bekannt ist. Aber es ist wichtig, wo die Betonungen im Abschlusspapier liegen.

          Was müsste denn betont werden?

          Dort stehen müssten meiner Meinung nach unbedingt die Ergebnisse zum Meeresspiegelanstieg, weil das für einige Entwicklungsländer absolut lebensnotwendig ist. Und natürlich erwarte ich mir Vorschläge des IPCC hinsichtlich der Arktis-Forschung, wo wir die stärksten Veränderungen zu erwarten haben. Wir sollten wissen, wie die Antwort der Gesellschaft aussehen sollte, um das Schlimmste zu verhindern. Wie wir etwa die Folgen des globalen Wandels abmildern und uns beispielsweise an den Küsten anpassen können.

          Das sind vorwiegend politische Fragen. Das IPCC hat als Friedensnobelpreisträger inzwischen zwar auch politische Autorität, aber ist sie als Institution der Wissenschaften, die immer noch genug mit der Klärung vieler Klimafragen zu kämpfen hat, nicht überfordert?

          Die IPCC-Berichte sind sehr gut fundiert. Sie beruhen auf ganz vielen Einzelberichten, die wissenschaftlich im Peer-Review-System abgesichert sind. Ein Angriffspunkt ist zwar immer wieder die Modellierung des künftigen Weltklimas, aber da hat es wirklich starke Verbesserungen gegeben, so dass die Unsicherheiten auch hier stark reduziert werden konnten. Die Berichte sind, soweit ich das überschauen kann, ganz nüchterne und korrekte Analysen des Zustands im Erdsystem. Der nächste Schritt ist, dass man jetzt auf Seiten der Politiker überlegt, was die Konsequenzen daraus sind. Die Entscheider müssen wissen, auf welcher Basis Entscheidungen getroffen werden.

          Die Basis ist aber durchaus widersprüchlich. Immer wieder kursieren verwirrende Mitteilungen aus durchaus einflussreichen Institutionen, wie sie in diesen Tagen etwa von der Internationalen Energieagentur gestreut werden. Da spricht man on einer weltweiten Erwärmung schon im Jahr 2030 von bis zu sechs Grad Celsius, sollten China und Indien ihren Energieverbrauch und die damit einhergehende Verbrennung fossiler Brennstoffe wie bisher fortsetzen. Sagt uns das IPCC vielleicht doch nicht die ganze Wahrheit?

          Was wirklich noch unsicher ist, ist die Frage, wie sich die Gesellschaften entwickeln werden. Wie sich der Energieverbrauch und der Kohlendioxidgehalt in der Luft entwickelt, wie sich der Lebensstil der Menschen verändert und ob es möglich sein wird, neue Technologien schnell einzuführen. All das ist momentan schwer feststellbar. Und darin liegt eine große Unsicherheit. Die Hightechstrategie der Bundesregierung zielt genau darauf ab, möglichst kohlenstoffarme Technologien für die Energieversorgung relativ schnell in die sich entwickelnden Länder zu transportieren.

          Aber auch das IPCC lässt, bevor es seine Prognosen mit dem Computer errechnet, Emissionsszenarien mit extrem pessimistischen Annahmen zu. Selbst diese Worst-Case-Szenarien lassen jedoch keine Entwicklung erkennen, wie sie jetzt die Energieagentur propagiert. Haben also vielleicht doch die recht, die sagen, das IPCC sei zu konservativ und längst vom tatsächlichen Klimawandel überholt worden?

          Natürlich kann man noch viel pessimistischer sein als das IPCC. Aber es gibt auch Hoffnungsszenarien in den Berichten. Mit den Szenarien ist es wie mit der Steuerschätzung, ein Vabanquespiel, weil sich ökonomische und gesellschaftliche Veränderungen so schlecht abschätzen lassen. Wir sollten uns einfach entschliessen, auf der Basis des momentanen Wissens Entscheidungen zu treffen.

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