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Ist der Klimawandel bewiesen? : Im Namen der Akademie

Sind die Auswirkungen des Klimawandels beherrschbar - zumindest in Deutschland? Bild: dpa

Zwischen zwei Weltklimaberichten zeigen zwei der ehrwürdigsten Großakademien Flagge. Amerikas und Englands Gelehrte wollen mit einem neuen Populärgutachten den Klimaskeptikern Wind aus den Segeln nehmen.

          Viel wichtigeres als den Klimawandel kann es nach Überzeugung der beiden bedeutendsten Wissenschaftsakademien der Welt nicht geben in der heutigen Zeit, und: „Es ist sicherer als jemals zuvor, dass der Mensch das Klima verändert“.  Mit diesen Worten und einer Reihe weiterer Im-Namen-der-Wissenschaft-Statements gehen die amerikanische National Academy of Science und die schon 1660 gegründete Royal Society in eine gemeinsame Offensive gegen Zweifler und Verschwörungstheoretiker. Ihr Bericht „Klimawandel: Evidenz  und Ursachen“  wird in einer Zeit veröffentlicht, die von Klimagutachten nur so strotzt.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Die Veröffentlichung von drei weiteren umfangreichen Sachstandsberichten des Weltklimarates IPCC stehen in den kommenden Wochen und Monaten auf der umweltpolitischen Agenda, dazu kommen diverse Publikationen von Energie-, Gesundheits- und Biodiversitätsgremien, die alle mehr oder weniger nahtlos  an den vor wenigen Wochen veröffentlichten Sachstandsbericht der ersten IPCC-Arbeitsgruppe anschließen. Das amerikanisch-britische Akademie-Gutachten ist in der Hinsicht voll auf IPCC-Linie. Es bringt auf nichtmal drei Dutzend Seiten und in einer populärwissenschaftlichen Aufmachung die Kernpunkte des klimatologischen Status quo auf den Punkt. Es will vor allem benutzerfreundlich sein.

          Die beiden Akademiepräsidenten Ralph Cicerone aus Washington und Sir Paul Nurse aus London machen auch keinen Hehl daraus, wen sie mit ihren im populären Factsheet-Stil formulierten Klarstellungen überzeugen wollen: Das ratlose Volk und die vor allem in Nordamerika durch Lobbydruck nicht selten noch ratloseren Politiker. Umfragen insbesondere in der amerikanischen Bevölkerung haben immer gezeigt, dass eine Mehrheit noch lange nicht von den wissenschaftlichen Befunden über den dominanten Einfluss des Menschen auf das Klima überzeugt ist - anders in der Klimaforschung selbst. Unter den Experten ist die große Mehrheit der Fachleute - in einigen Studien mehr als 95 Prozent - davon überzeugt, dass Energiegewinnung, Industrie und Verkehr entscheidende Faktoren im Anstieg der globalen Jahresmitteltemperatur sind. 

          Die Mahnung prominenter Klimaautoren

          Erwärmung? Die überraschende Stagnation der Welttemperatur seit gut fünfzehn Jahren konnten die Experten der beiden Akademien natürlich nicht ignorieren. In Kapitel 10 nehmen sie Stellung dazu. Darin heißt es unter anderem: „Ein kurzes Abflauen des Erwärmungstrends an der Oberfläche hebt die Gültigkeit unseres derzeitigen Verständnisses langfristiger, durch die anthropogenen Treibhausgase verursachten  Veränderungen der Welttemperatur nicht auf.“ Zu der spannenden Frage, wie es es weiter gehen könnte mit und nach der Klimawandelpause - dem „Hiatus“ -, äußern sich die ein Dutzend Klimaforscher allerdings nicht. In Kapitel 16, wo es um die weitere Erwärmung geht, bekommt man zumindest einen Hinweis: „Sehr sicher“ sei man, dass sich die Erde in diesem Jahrhundert weiter erwärmt. Genannt werden die IPCC-Zahlen von 2,6 bis 4,8 Grad. In der Sprache der Klimaforschung ist  “sehr sicher“ allerdings  nicht gleichbedeutend mit “annähernd sicher“. Damit ist man durchaus etwa zurückhaltender als die IPCC-Arbeitsgruppe einst in ihrem Beitrag zum fünften Sachstandsbericht.

          Überhaupt fällt auf, dass man Spekulationen, wo möglich und oft publiziert, grundsätzlich vermeiden will. Alles, was über die Aussagen des jüngsten IPCC-Berichts hinausgeht, lässt man weg. Das mag daran liegen, dass der von einem Dutzend weiterer Experten begutachtete Bericht zu einem großen Teil aus Autoren besteht, die schon in früheren IPCC-Berichten eine führende Rolle gespielt haben. So sind neben den Hauptautoren Eric Wolff und Inez Fung zahlreiche prominente Klimatologen vertreten wie Susan  Solomon, Kevin Trenberth, Benjamin Santer, Tim Palmer und John Shepherd.

          Überraschende Befunde sind deshalb eher Mangelware. Es geht um eine klare Sprache. Auch dort, wo die Unsicherheiten der Klimaforschung noch groß und der Weltklimarat gelegentlich arg verklausuliert formuliert. So hat man die Frage in Kapitel 19, ob die Katastrophenszenarios eines Umkippen des Golfstroms durch die Eisschmelzen in der Arktis oder die gefährliche Ausgasung von Methan klar verneint: In diesem Jahrhundert werde das den Klimamodellen zufolge nicht geschehen. Allerdings: „Wenn die Erwärmung fortschreitet, können solche abrupten Veränderungen nicht mehr ausgeschlossen werden.“

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