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Im Gespräch: Klimaforscher Schellnhuber : „Ich glaube nicht an den Masterplan für die Welt“

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Hans Joachim Schellnhuber - Der deutsche Klimaforscher stellt sich in Potsdam den Fragen von Joachim Müller-Jung Bild: Andreas Pein

Der Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber ist Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. Im Interview spricht er über falsche Erwartungen an den Klimagipfel in Rio de Janeiro - und die Sackgassen auf dem Weg zu nachhaltiger Politik.

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          Herr Schellnhuber, die Bundeskanzlerin will nicht nach Rio fliegen. Dabei könnte sie dort mit ihrer Energiewende mächtig Punkte sammeln und Überzeugungsarbeit für eine ökologische Nachhaltigkeit leisten. Hat sie das Thema schon abgehakt?

          Erst vor wenigen Wochen im Mai hat sich die Bundeskanzlerin die Mühe gemacht, zwischen zwei wichtigen Landtagswahlen die Eröffnungsrede für das Jubiläumssymposion des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen zu halten. Sie hat darin nichts zurückgenommen im Hinblick auf unsere Nachhaltigkeitsverantwortung für künftige Generationen - da war kein falscher Unterton in dieser Rede. Und die Idee, einem internationalen Fachpublikum die deutsche Energiewende zu erläutern, stieß auf große Begeisterung. Alle glauben, wenn es einer schaffen wird, dann Deutschland. Der Chef des World Resources Institute in Washington hält ,The Energiewende’ sogar für das größte Nachhaltigkeitsexperiment aller Zeiten.

          Aber spürt man als Klimaforscher nicht, dass man von anderen Themen verdrängt wird?

          Frau Merkel hat gesagt: „Hören Sie nicht auf, uns Politikern auf den Wecker zu fallen.“ Das ist eine klare Ansage: Die Rolle der Klimaforschung bleibt weiterhin, die Problemfakten auf den Tisch zu knallen und Optionen für geeignete Lösungswege zu identifizieren. Die Rolle der Politik ist es dann, den Bürgerwillen zu mobilisieren, um wissensbasierte Entscheidungen umzusetzen. Wir Forscher erfüllen gewissermaßen die Aufgabe planetarischer Ratingagenturen - nicht sehr beliebt, aber verdammt notwendig.

          Bringt so ein zweiter Erdgipfel dann in dieser Situation überhaupt etwas?

          Für ein verantwortungsvolles und wirksames Management dieses klein gewordenen Planeten brauchen wir schlussendlich internationale Abkommen, aber diese hängen nicht allein am Erfolg von Rio+20 und nicht allein daran, ob Frau Merkel diesmal teilnimmt.

          Warum hat sich dann ausgerechnet der chinesische Regierungschef angekündigt?

          Nun, ein Motiv könnte sein, dass China womöglich besorgt ist, die Führungsrolle für die Entwicklungsländer zu verlieren, wie sich das auf dem Klimagipfel in Durban ja bereits angedeutet hat. Darüber hinaus nehmen die Chinesen die Nachhaltigkeitsproblematik überaus ernst - immerhin investieren sie derzeit etwa fünfmal so viel in die Windenergie wie in die Kernkraft.

          Was kann Rio+20 denn überhaupt leisten?

          Wenn man sich den fettleibigen bisherigen Entwurf des Abschlussdokuments ansieht, muss man nach neuen Elementen der Nachhaltigkeitspolitik mit der Lupe suchen. Zwei potentiell innovative Elemente gibt es allerdings. Da ist zum einen die Perspektive auf stärkere Institutionen für die Umwelt unter dem Dach der Vereinten Nationen - eine internationale Umweltorganisation statt eines fragilen Programms, ein „Council for Sustainable Development“, vielleicht sogar ein Hochkommissariat. Hier könnten wichtige Prozesse in Gang gesetzt werden. Und das sind zum anderen die angepeilten „Sustainable Development Goals“, die SDGs, also Nachhaltigkeitsziele. Was dazu bisher auf dem Tisch liegt, ist allerdings noch recht vage, eher eine Ramschliste von hehren Umwelt- und Entwicklungszielen.

          Und das will man dann als Erfolg der Ökopolitik verkaufen?

          Es werden damit, wie gesagt, zwei enorm wichtige Elemente aufgegriffen, die schon sehr lange in der Diskussion sind. Die deutsche Politik war da zu Recht sehr hartnäckig, und auch Frau Merkel hat bekräftigt, dass sie eine globale Umweltinstitution anstrebt.

          Der Begriff „Green Economy“ dominiert die Vorbereitungen für Rio+20. Das klingt wie ein grüner Etikettenschwindel, wenn man sieht, wo die Probleme der Weltwirtschaft liegen.

          Ich habe nichts gegen den Begriff einer Green Economy, wenn er uns nicht blind macht gegen die realen Rahmenbedingungen für nachhaltiges Wirtschaften. Dies lässt sich am Klimaproblem besonders gut verdeutlichen: Wenn es zum Beispiel gelingt, den Energieeinsatz pro Wertschöpfungseinheit zu mindern, dann hat man noch nicht automatisch etwas für den Planeten erreicht. Denn wir verbrauchen dann zwar verhältnismäßig weniger fossile Energieträger und sekundäre Ressourcen wie Frischwasser, aber konsumieren dafür in der Regel wieder mehr. Diesen ,Rebound Effect’ kennt jeder private Haushalt. Und die Weltbevölkerung wächst schließlich weiter. Am Ende explodieren die Treibhausgasemissionen trotz aller Effizienzgewinne. Das Gleiche gilt für die Bodenversiegelung, die Wasservergeudung und viele andere Umweltprobleme, vom Schwund der Artenvielfalt ganz zu schweigen.

          ,Green’ als Deckmäntelchen für weitere Ausbeutung?

          Fest steht, wir brauchen nicht nur relative Ziele, sondern absolute Leitplanken. Und das heißt beispielsweise nach wie vor, dass 450 ppm Kohlendioxid in der Luft das Maximum sind, wenn die Erwärmung auf zwei Grad begrenzt werden soll. Innerhalb solcher absoluten Orientierungslinien kann sich die Green Economy entfalten, wie sie will. Ich habe nichts gegen Wirtschaftswachstum, wenn es eben die planetarischen Leitplanken nicht durchbricht. Diesseits der Markierungen soll jeder nach seiner ökonomischen und sozialen Façon selig werden.

          Die Nachhaltigkeitsziele im Rio-Papier sind bisher aber von Grenzwerten weit entfernt.

          Gerade in dieser Hinsicht könnten quantitive SDGs bedeutsam werden, ja hoffentlich neue kräftige Impulse liefern.

          Wie Sie es schildern, ist die Welt alles andere als auf dem Weg in die Nachhaltigkeit. Ist sie sich denn überhaupt einig, ob das der richtige Weg ist

          In Rio vor zwanzig Jahren war sich die Welt jedenfalls weitgehend einig, sowohl was die Richtung als auch die Fahrzeuge angeht. Im Jahre 1992 erlebten wir eine diplomatische Revolution mit drei bedeutenden Konventionen und der Agenda 21; daraus resultierte eine einzigartige Aufbruchstimmung. So etwas wiederholt sich nicht so leicht. Rio+20 mag als bloßer Wirtschaftsgipfel kritisiert werden, aber auch die leicht zu missbrauchende Idee des ,Green Growth’ könnte genutzt werden, den Klimaschutz wieder auf Kurs zu bringen - wenn man das überhaupt will.

          Ist es nicht immer das gleiche, immer wieder Aufbruchstimmung, mehr nicht?

          Wir stecken in mehreren realen Sackgassen. Und weil die sehr konkreten Probleme, die in Rio 1992 ebenso konkret benannt wurden, so schwer zu lösen sind, verstecken sich nun viele unter dem ebenso weiten wie fadenscheinigen Deckmantel des ganzheitlichen Denkens. Das ist die vielleicht größe Gefahr von Rio 2012. Es hört sich ja toll an: holistische, systemische, integrierte Ansätze. Aber in der Praxis kann daraus Defokussierung werden - man hat am Ende alles im Blick, aber nichts mehr scharf. Alle Themen kommen gleichberechtigt auf den Tisch und werden gemeinsam in schönes Nachhaltigkeitspapier eingewickelt, in der Hoffnung, dass eine Kollektion von Schwierigkeiten leichter zu lösen ist als ihre einzelnen Elemente. Das mag manchmal tatsächlich der Fall sein. Doch das Klimaproblem ist das Klimaproblem. Punkt! Wenn ich etwa zugleich auch die Bodenproblematik in den Blick nehme, verstehe ich zwar viele Zusammenhänge besser, aber ich komme trotzdem nicht den entscheidenden Schritt bei der Kohlendioxidminderung voran. Die Zwei-Grad-Leitplanke impliziert nun mal den Scheitelpunkt der Treibhausgasemissionen vor 2020. Das ist eine mühsam genug errungene klare Zielmarke für die globale Nachhaltigkeitspolitik. Weil sie so schwer zu erreichen ist, ziehen manche es vor, den wichtigsten Baum vor lauter Wald zu übersehen.

          Sie als Erdsystemforscher sind doch der Prototyp des holistischen Denkers.

          Ja, ich liebe es, systemanalytisch vorzugehen; immerhin beschäftige ich mich seit 35 Jahren mit komplexen Systemen. Aber das ist gerade kein windelweiches Geschäft, wo man sich in beliebiger Ganzheitlichkeit ergeht, sondern eine mathematisch unglaublich anspruchsvolle Kiste mit knallharten Ergebnissen zu gewissen Systemaspekten. Entsprechend tiefenscharf und spezifisch muss der SDG-Prozess angelegt sein, wenn er bei konkreten Problemen im großen, weiten System Erde Fortschritte erzielen soll. Darüber hinaus verspreche ich mir, wie gesagt, einiges von den Diskussionen über neue Umweltorganisationen.

          Was denn? Dass eine charismatische Persönlichkeit an der Spitze der Umweltpolitik, ein Hochkommissar, der Nachhaltigkeitspolitik endlich das Gesicht gibt, das ihr bisher fehlt?

          Das wäre in der Tat eine wichtige politische Geste und würde die Sichtbarkeit erhöhen. Aber am Schluss zählt doch, ob wichtige Staaten bereit sind, die Weichen auf Nachhaltigkeit zu stellen. Bei der Energiewende weg vom konventionellen System etwa müssen ein paar Staaten sich zur konsequenten Dekarbonisierung bekennen. So wie Dänemark jetzt beschlossen hat, in vierzig Jahren komplett auf die kohlenstoffbasierte Energiegewinnung zu verzichten. Das sitzt.

          Das sind nationale Einzelinitiativen. Zeigt die schwache Vorlage dieser Konferenz nicht, dass der Appell der Wissenschaften an globales Handeln inzwischen verpufft?

          Die Forschung wird immerhin ernster genommen denn je. Als Wissenschaftler können wir unsere Einsichten diesmal sogar direkt ins Zentrum hineintragen und unsere Botschaft im offiziellen Segment des Gipfels übermitteln. Unmittelbar vor Rio+20 wird es einen „Nobel Dialogue“ geben mit etwa zehn Nobelpreisträgern und weltweit führenden Experten für Nachhaltigkeit. Dieser Kreis ist aus der „Nobel Cause“-Initiative entstanden, die wir 2007 in Potsdam ins Leben gerufen haben. Um der Wissenschaft eine unüberhörbare Stimme von höchster Glaubwürdigkeit zu geben. Diese Stimme wird in Rio 2012 durch ein Memorandum sprechen, das den runden Tischen der Regierungschefs und Minister durch Botschafter aus unserem Kreis vorgestellt werden soll. Damit entsteht eine neue Qualität des Diskurses zwischen Forschern und Entscheidungsträgern.

          Es gibt viele Initiativen, auch im kulturellen Bereich, die Sie in Ihren ökologischen Zielen unterstützen. Damit kann man jeweils kein großes Rad drehen. Glauben Sie trotzdem, dass viele davon wenigstens erreichen können, das falsche Rad anzuhalten?

          Warum nicht? Wichtig ist jenseits schneller Erfolge, dass man den Humus bewahrt, einen Urgrund, auf dem die richtigen Ideen gedeihen können. Dazu tragen Veranstaltungen wie Rio+20 durchaus bei. Irgendwann wird dann wieder ein großer Baum Wurzeln schlagen. Das geschieht meist nicht auf solchen Veranstaltungen, sondern auf nationalen Terrains - wenn etwa Deutschland eine tollkühne Energiewende durchführt oder vielleicht wenn der nächste Fünfjahresplan in China geschrieben wird. Ich glaube nicht so recht an den großen Masterplan für die Welt. Aber historische Zufälligkeiten können vitale Pflanzen hervorbringen - wenn diese fruchtbaren Boden vorfinden, kräftige Stützpfosten und Netze gegen Wildverbiss.

          Herr Schellnhuber, ich bedanke mich für das Gespräch.

          Die Fragen stellte Joachim Müller-Jung.

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