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Im Gespräch: Klimaforscher Schellnhuber : „Ich glaube nicht an den Masterplan für die Welt“

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Sie als Erdsystemforscher sind doch der Prototyp des holistischen Denkers.

Ja, ich liebe es, systemanalytisch vorzugehen; immerhin beschäftige ich mich seit 35 Jahren mit komplexen Systemen. Aber das ist gerade kein windelweiches Geschäft, wo man sich in beliebiger Ganzheitlichkeit ergeht, sondern eine mathematisch unglaublich anspruchsvolle Kiste mit knallharten Ergebnissen zu gewissen Systemaspekten. Entsprechend tiefenscharf und spezifisch muss der SDG-Prozess angelegt sein, wenn er bei konkreten Problemen im großen, weiten System Erde Fortschritte erzielen soll. Darüber hinaus verspreche ich mir, wie gesagt, einiges von den Diskussionen über neue Umweltorganisationen.

Was denn? Dass eine charismatische Persönlichkeit an der Spitze der Umweltpolitik, ein Hochkommissar, der Nachhaltigkeitspolitik endlich das Gesicht gibt, das ihr bisher fehlt?

Das wäre in der Tat eine wichtige politische Geste und würde die Sichtbarkeit erhöhen. Aber am Schluss zählt doch, ob wichtige Staaten bereit sind, die Weichen auf Nachhaltigkeit zu stellen. Bei der Energiewende weg vom konventionellen System etwa müssen ein paar Staaten sich zur konsequenten Dekarbonisierung bekennen. So wie Dänemark jetzt beschlossen hat, in vierzig Jahren komplett auf die kohlenstoffbasierte Energiegewinnung zu verzichten. Das sitzt.

Das sind nationale Einzelinitiativen. Zeigt die schwache Vorlage dieser Konferenz nicht, dass der Appell der Wissenschaften an globales Handeln inzwischen verpufft?

Die Forschung wird immerhin ernster genommen denn je. Als Wissenschaftler können wir unsere Einsichten diesmal sogar direkt ins Zentrum hineintragen und unsere Botschaft im offiziellen Segment des Gipfels übermitteln. Unmittelbar vor Rio+20 wird es einen „Nobel Dialogue“ geben mit etwa zehn Nobelpreisträgern und weltweit führenden Experten für Nachhaltigkeit. Dieser Kreis ist aus der „Nobel Cause“-Initiative entstanden, die wir 2007 in Potsdam ins Leben gerufen haben. Um der Wissenschaft eine unüberhörbare Stimme von höchster Glaubwürdigkeit zu geben. Diese Stimme wird in Rio 2012 durch ein Memorandum sprechen, das den runden Tischen der Regierungschefs und Minister durch Botschafter aus unserem Kreis vorgestellt werden soll. Damit entsteht eine neue Qualität des Diskurses zwischen Forschern und Entscheidungsträgern.

Es gibt viele Initiativen, auch im kulturellen Bereich, die Sie in Ihren ökologischen Zielen unterstützen. Damit kann man jeweils kein großes Rad drehen. Glauben Sie trotzdem, dass viele davon wenigstens erreichen können, das falsche Rad anzuhalten?

Warum nicht? Wichtig ist jenseits schneller Erfolge, dass man den Humus bewahrt, einen Urgrund, auf dem die richtigen Ideen gedeihen können. Dazu tragen Veranstaltungen wie Rio+20 durchaus bei. Irgendwann wird dann wieder ein großer Baum Wurzeln schlagen. Das geschieht meist nicht auf solchen Veranstaltungen, sondern auf nationalen Terrains - wenn etwa Deutschland eine tollkühne Energiewende durchführt oder vielleicht wenn der nächste Fünfjahresplan in China geschrieben wird. Ich glaube nicht so recht an den großen Masterplan für die Welt. Aber historische Zufälligkeiten können vitale Pflanzen hervorbringen - wenn diese fruchtbaren Boden vorfinden, kräftige Stützpfosten und Netze gegen Wildverbiss.

Herr Schellnhuber, ich bedanke mich für das Gespräch.

Die Fragen stellte Joachim Müller-Jung.

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