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Im Gespräch: Klimaforscher Schellnhuber : „Ich glaube nicht an den Masterplan für die Welt“

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Ich habe nichts gegen den Begriff einer Green Economy, wenn er uns nicht blind macht gegen die realen Rahmenbedingungen für nachhaltiges Wirtschaften. Dies lässt sich am Klimaproblem besonders gut verdeutlichen: Wenn es zum Beispiel gelingt, den Energieeinsatz pro Wertschöpfungseinheit zu mindern, dann hat man noch nicht automatisch etwas für den Planeten erreicht. Denn wir verbrauchen dann zwar verhältnismäßig weniger fossile Energieträger und sekundäre Ressourcen wie Frischwasser, aber konsumieren dafür in der Regel wieder mehr. Diesen ,Rebound Effect’ kennt jeder private Haushalt. Und die Weltbevölkerung wächst schließlich weiter. Am Ende explodieren die Treibhausgasemissionen trotz aller Effizienzgewinne. Das Gleiche gilt für die Bodenversiegelung, die Wasservergeudung und viele andere Umweltprobleme, vom Schwund der Artenvielfalt ganz zu schweigen.

,Green’ als Deckmäntelchen für weitere Ausbeutung?

Fest steht, wir brauchen nicht nur relative Ziele, sondern absolute Leitplanken. Und das heißt beispielsweise nach wie vor, dass 450 ppm Kohlendioxid in der Luft das Maximum sind, wenn die Erwärmung auf zwei Grad begrenzt werden soll. Innerhalb solcher absoluten Orientierungslinien kann sich die Green Economy entfalten, wie sie will. Ich habe nichts gegen Wirtschaftswachstum, wenn es eben die planetarischen Leitplanken nicht durchbricht. Diesseits der Markierungen soll jeder nach seiner ökonomischen und sozialen Façon selig werden.

Die Nachhaltigkeitsziele im Rio-Papier sind bisher aber von Grenzwerten weit entfernt.

Gerade in dieser Hinsicht könnten quantitive SDGs bedeutsam werden, ja hoffentlich neue kräftige Impulse liefern.

Wie Sie es schildern, ist die Welt alles andere als auf dem Weg in die Nachhaltigkeit. Ist sie sich denn überhaupt einig, ob das der richtige Weg ist

In Rio vor zwanzig Jahren war sich die Welt jedenfalls weitgehend einig, sowohl was die Richtung als auch die Fahrzeuge angeht. Im Jahre 1992 erlebten wir eine diplomatische Revolution mit drei bedeutenden Konventionen und der Agenda 21; daraus resultierte eine einzigartige Aufbruchstimmung. So etwas wiederholt sich nicht so leicht. Rio+20 mag als bloßer Wirtschaftsgipfel kritisiert werden, aber auch die leicht zu missbrauchende Idee des ,Green Growth’ könnte genutzt werden, den Klimaschutz wieder auf Kurs zu bringen - wenn man das überhaupt will.

Ist es nicht immer das gleiche, immer wieder Aufbruchstimmung, mehr nicht?

Wir stecken in mehreren realen Sackgassen. Und weil die sehr konkreten Probleme, die in Rio 1992 ebenso konkret benannt wurden, so schwer zu lösen sind, verstecken sich nun viele unter dem ebenso weiten wie fadenscheinigen Deckmantel des ganzheitlichen Denkens. Das ist die vielleicht größe Gefahr von Rio 2012. Es hört sich ja toll an: holistische, systemische, integrierte Ansätze. Aber in der Praxis kann daraus Defokussierung werden - man hat am Ende alles im Blick, aber nichts mehr scharf. Alle Themen kommen gleichberechtigt auf den Tisch und werden gemeinsam in schönes Nachhaltigkeitspapier eingewickelt, in der Hoffnung, dass eine Kollektion von Schwierigkeiten leichter zu lösen ist als ihre einzelnen Elemente. Das mag manchmal tatsächlich der Fall sein. Doch das Klimaproblem ist das Klimaproblem. Punkt! Wenn ich etwa zugleich auch die Bodenproblematik in den Blick nehme, verstehe ich zwar viele Zusammenhänge besser, aber ich komme trotzdem nicht den entscheidenden Schritt bei der Kohlendioxidminderung voran. Die Zwei-Grad-Leitplanke impliziert nun mal den Scheitelpunkt der Treibhausgasemissionen vor 2020. Das ist eine mühsam genug errungene klare Zielmarke für die globale Nachhaltigkeitspolitik. Weil sie so schwer zu erreichen ist, ziehen manche es vor, den wichtigsten Baum vor lauter Wald zu übersehen.

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