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Kurioser Winter : Das Wetter schlägt Purzelbaum

Der diesjährige El Niño hat das damalige Super-Christkind bereits übertroffen. Messbojen aus dem Pazifik funken seit dem Sommer erstaunliche Temperaturdaten. Sie zeigen, dass die pazifische Äquatorregion deutlich wärmer ist als üblich. Entscheidend ist dabei ein Gebiet genau in der Mitte des Stillen Ozeans, die sogenannte El-Niño-Region 3.4: Liegt die Wassertemperatur dort mindestens fünf Monate lang ein halbes Grad über dem Normalwert, hat man es definitionsgemäß mit einem El Niño zu tun.

Vor ein paar Tagen haben die Bojen einen um 2,8 Grad wärmeren Pazifik gemessen - absoluter Rekord. Damit ist der aktuelle El Niño der stärkste seit Beginn der Messungen im Jahr 1950. In typischen Darstellungen solcher Messdaten erinnert El Niño an eine gigantische rote Wurst, die vor Südamerika regelrecht aufplatzt.

Vage Theorien

Wie, wann und warum sich das Wetterphänomen im Pazifik bildet, darüber gibt es nur vage Theorien. Normalerweise strebt die planetare Umwälzpumpe hier mit all ihren Elementen Richtung Westen. So schiebt der kalte Humboldtstrom einen gigantischen Warmwasserberg von der Küste Südamerikas nach Südostasien; der Passatwind weht von Osten und bewirkt, dass der Pazifik vor der indonesischen Küste mit 29 Grad zur Badewanne wird, während es vor Südamerika bloß 24 Grad auf demselben Breitengrad sind. Zugleich ist es dort vergleichsweise trocken, und der Meeresspiegel liegt um bis zu dreißig Zentimeter niedriger, weil das kältere Wasser ein geringeres Volumen hat.

Bei einem El Niño bricht diese Zirkulation völlig zusammen und kehrt sich um. Das passiert etwa alle zwei bis sieben Jahre. Der Wind dreht dann von Ost auf West, so dass das warme Wasser an die südamerikanische Küste schwappt. In Südostasien dagegen zieht sich das Meer zurück. Daraufhin wird es dort kühler und trockener.

Videografik : Das Klima-Phänomen El Niño

Welche Folgen das hat, kann man jetzt im gesamten Westpazifik riechen. Durch den tiefer liegenden Meeresspiegel fallen Korallenriffe trocken und sterben ab. Auf Samoa haben die Einheimischen einen speziellen Begriff für diese verwesenden Massen: Taimasa, das stinkende Riff. Der Verlust einzigartiger Lebensräume ist allerdings nicht das größte Problem.

Brandbeschleuniger in Indonesien

Seit einigen Monaten ereignet sich in Südostasien eine der größten ökologischen Katastrophen der jüngsten Geschichte, ohne dass die Welt entsprechend reagieren würde: Indonesien brennt in weiten Teilen. Unternehmer haben den Regenwald in Brand gesetzt, um Boden für Palmölplantagen zu gewinnen. El Niño wirkt da geradezu als Brandbeschleuniger, weil er Dürre mit sich bringt. Mittlerweile sind zwar viele der Brände wieder gelöscht, dennoch leiden die Menschen dort unter Atemwegserkrankungen und vielleicht auch bald an Hunger.

China ist ebenfalls stark von der Trockenheit betroffen. Seit Wochen liegt eine dichte Smogglocke über den Millionenstädten an der Ostküste. In Peking und Schanghai ist die Luft zum Schneiden; veraltete Heizungen und Kraftwerke sind wahre Dreckschleudern, und es fehlt der Wind, der die Schwaden fortträgt.

Andernorts hingegen kann man sich über zu wenig Wind nicht beschweren. Anfang November verwüstete der Zyklon Chapala das Bürgerkriegsland Jemen. Es war der zweitstärkste Wirbelsturm, der jemals am Arabischen Meer gesichtet wurde. Wahrscheinlicher Auslöser: El Niño. Noch stärker verlief die Wirbelsturmsaison im Ostpazifik.Hawaii war im Herbst von tropischen Zyklonen umzingelt, sagt der Ozeanograf Axel Timmermann von der University of Hawaii in Honolulu. Das Wasser sei so warm gewesen, dass eine natürliche Bremse der Wirbelstürme nicht mehr funktionierte.

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