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Flüchtlinge : Auf der Flucht vor dem Klima?

  • -Aktualisiert am

Syrien wurde fünf Jahre lang von Dürre heimgesucht: Ein Staubsturm nahe Resafa, dem antiken Sergiopolis. Bild: A1Pix/Your_Photo_Today

Die globale Erwärmung soll zum syrischen Bürgerkrieg und zu den Flüchtlingsströmen beigetragen haben. Konfliktforscher zweifeln, daran. Aber es geht bei diesem Thema nicht nur um Wissenschaft.

          Alles begann mit einer Dürre. In Syrien blieb vor zehn Jahren plötzlich der Regen aus. Fünf lange Jahre fiel kaum ein Tropfen. Vor allem der Norden des Landes litt unter Wasserknappheit. Klimaforscher sagen, es war die längste und schlimmste Dürre, die jemals in Syrien registriert wurde. Sie sagen außerdem, dass für die extreme Dürre wohl der Klimawandel schuld sei. Felder verdorrten, Ernten blieben aus, Bauern hungerten und flohen in die großen Städte des Landes. Erst im Jahr 2010 besserte sich die Situation. Doch da war es schon zu spät. Aufstände begannen, ein Krieg brach aus. Millionen von Menschen flohen aus ihrem Land. Der Rest ist bekannt.

          Aber kann man diese Geschichte so erzählen? Sind die Menschen aus Syrien hauptsächlich vor dem Klimawandel geflohen? Insbesondere Syrer, die nach Europa ausgewandert sind, werden immer häufiger als Klimaflüchtlinge bezeichnet. Präsident Obama nahm den Begriff kürzlich in den Mund, John Kerry ebenfalls, Al Gore natürlich, aber auch Prinz Charles. Die Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton sieht infolge des Klimawandels sogar ein Zeitalter der Wasserkriege aufziehen.

          Die jetzt in Europa eintreffenden Klimaflüchtlinge jedenfalls sollen erst der Anfang einer der größten Wanderungen der Menschheitsgeschichte sein, heißt es. Politiker, Ökonomen, Wissenschaftler und NGOs rechnen mit Millionen von Klimageschädigten, die in den kommenden Jahren und Jahrzehnten aus ihrer Heimat fliehen werden. Die Prognosen schwanken allerdings stark. Vorsichtige Schätzungen gehen von etwa fünfzig Millionen Menschen bis zum Jahr 2050 aus. Es sind in der Literatur aber auch Zahlen von einer halben Milliarde und mehr zu finden. Nur rein formal steht eines fest: Ein Recht auf Asyl aufgrund des Klimas gibt es bislang nicht.

          Klimawissenschaftler vs. Konfliktforscher

          Zwei kontroverse Themen mit ähnlichen Problemen prallen da aufeinander. Auf der einen Seite der Klimawandel, den viele immer noch leugnen oder nicht wahrhaben wollen. Und auf der anderen Seite die Masse der Flüchtlinge, um deren Akzeptanz es schon besser stand. Entsprechend erhitzt wird diskutiert. Die große Frage ist, ob Erderwärmung und Flucht kausal zusammenhängen. Führt der Klimawandel bereits heute unmittelbar zu Konflikten, Krieg und Flucht?

          Antworten darauf sind nicht einfach. Das Deutsche Klimakonsortium, der Verband deutscher Klimainstitute, hat es vergangene Woche trotzdem versucht. Auf einer Pressekonferenz in Berlin haben Klimaforscher und Konfliktforscher allerdings eine andere Geschichte erzählt. Der Klimawandel sei lediglich ein Faktor von vielen. Nicht mehr, und nicht weniger. Das Thema sei zudem zu wenig erforscht, um eindeutige Ursachen für ein so komplexes Thema wie Migration zu benennen.

          In einer immer unübersichtlicher werdenden Welt wollen viele Menschen aber vor allem Klarheit. Sie möchten wissen, ob dieser oder jener Sturm schon in der Verantwortung des Menschen liegt, ob ein Jahrhunderthochwasser noch normal ist, und ob es solche warmen Winter wie derzeit schon immer gegeben hat.

          Dürren sind besonders schwierig zu prognostizieren

          Mit diesem Anspruch müssen Naturwissenschaftler leben. Auch wenn es ihnen schwerfällt: Dürren zum Beispiel sind noch schwieriger vorherzusagen als Hochwasser. Regionale Niederschlagsentwicklungen und -prognosen gehören zu den besonders delikaten Themen der Klimaforschung. Einfache Antworten gibt es selten. Dafür ist das System Atmosphäre zu chaotisch. Gleichwohl ist die eindeutige Trennung zwischen natürlicher Schwankung und menschlichem Einfluss eine der Kernaufgaben der Forscher.

          Aktuell ginge es darum, ob die Dürreperiode in Syrien bereits eine direkte Folge der Erderwärmung war. Aber dieser Nachweis gelingt nicht. „Wir können nicht sagen, dass der Klimawandel schuld war“, sagt Paul Becker, Meteorologe und Vizepräsident des Deutschen Wetterdiensts. Becker hat Wetterstatistiken studiert und ein globales Monitoring des Weltzentrums für Niederschlagsklimatologie analysiert. Ergebnis: Ja, weltweit nehmen die Dürren zu. Da die Messungen allerdings nur sechzig Jahre zurückreichen, ist unklar, ob das mit dem Klimawandel zusammenhänge. „Der Einfluss ist statistisch nicht signifikant nachweisbar“, lautet Beckers Fazit. Es ist eine jener unbefriedigenden Antworten, die Klimaforscher häufig geben müssen, wenn sie Einzelereignisse untersuchen. Meistens fehlen ausreichend lange Beobachtungszeiträume. Übrig bleiben blasse Wahrscheinlichkeiten.

          Mitteleuropa ist vergleichsweise fein heraus

          Dabei sind Dürren auch ohne anthropogene Verstärkung stets eines der größten Probleme menschlicher Zivilisationen gewesen. So ging das alte Reich der Ägypter wahrscheinlich nach einer Trockenperiode unter, und eine andere hat möglicherweise zum Ende der Maya beigetragen. Eine der schwersten Dürrekatastrophen führte in den Jahren 1669/70 in Indien zu schätzungsweise sechs Millionen Toten. Kein anderes Naturgeschehen bringt mehr Menschen um. Deshalb wird es von Klimaforschern auch als „silent killer“ bezeichnet. Denn anders als ein plötzlich hereinbrechender Tsunami, ein bildmächtiges Erdbeben oder ein schauriger Hurrikan fordert die Dürre nur allmählich ihre Opfer. Das macht sie so tückisch.

          In Mitteleuropa ist die Dürregefahr vergleichsweise gering. Irgendwie findet in unseren Breiten doch immer wieder ein Tief den Weg vom Atlantik auf den Kontinent. Dürren sind dort besonders häufig, wo es ausgeprägte Regen- und Trockenzeiten gibt. Bleiben die Niederschläge einmal aus, wird das Wasser schnell knapp. Der Osten Afrikas ist besonders gefährdet, aber auch der gesamte Mittelmeerraum, die Westküsten des amerikanischen Kontinents, Brasilien, Indien und Indonesien.

          Gefuchtel mit der Klima-Keule

          Im Gegensatz zur Analyse des Deutschen Wetterdiensts sind in den vergangenen Monaten allerdings Studien aufgetaucht, welche die Dürre in Syrien explizit mit dem Klimawandel in Verbindung bringen. Die bekannteste davon erschien vor fast einem Jahr in PNAS; sie stammt vom amerikanischen Klimaforscher Colin Kelley, der heute an der University of California in Santa Barbara lehrt. Kelley behauptet, dass sich die Eintrittswahrscheinlichkeit der syrischen Rekorddürre infolge des vom Menschen gemachten Klimawandels verdoppelt oder gar verdreifacht habe. Kelley und seine Mitautoren sehen einen kausalen Zusammenhang mit den Aufständen und der Landflucht. Gestützt wird diese Darstellung nicht nur von anderen amerikanischen Klimaexperten und Konfliktforschern, sondern auch von der Machtelite jenseits des Atlantiks. Obama und das Verteidigungsministerium warnen vor einer wachsenden Bedrohung. Schließlich gehe es dabei um nichts Geringeres als die nationale Sicherheit.

          Besonders forsch äußert sich seit einigen Jahren er Gewaltforscher Solomon Hsiang von der University of California in Berkeley. Er fiel vor fünf Jahren erstmals auf, als er in Nature behauptete, dass das Wetterphänomen El Nino vermehrt zu bewaffneten Konflikten führe. Hsiang griff damit ein längst überwunden geglaubtes Weltbild aus dem 19. Jahrhundert wieder auf: das des Klimadeterminismus. Den Kolonialländern des Nordens diente diese Ideologie zur Untermauerung ihres weltweiten Imperialismus. Exemplarisch war beispielsweise die Behauptung, das warme Klima in Afrika verhindere von sich aus jede gesellschaftliche und religiöse Ordnung.

          Erderwärmung essen Seele auf

          Heute klingt das etwas differenzierter. Aber nicht weniger apokalyptisch. Der Potsdamer Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber hat in seinem jüngsten Buch „Selbstverbrennung“, das pünktlich zur Pariser Klimakonferenz herauskam, dem Thema Flucht und Gewalt ein eigenes Kapitel gewidmet. Darin schildert er die mittlerweile vertrauten düsteren Szenarien einer künftigen Erderwärmung und schreckt dabei nicht einmal vor pseudotheologischen Einlassungen zurück: „Allerorten könnten Individuen und Kulturen ihre Seele verlieren. Und wer seine Seele einbüßt, kann auch keine Achtung mehr vor der Würde anderer aufbringen“, schreibt er. Auf einem um vier bis sechs Grad aufgeheizten Planeten mit bis zu elf Milliarden Bewohnern, so Schellnhuber, würden sich soziale Dramen ohne historisches Beispiel abspielen. „Gehäufte Extremwetterereignisse, erhebliche Ressourcenverknappungen und der Verlust unersetzlichen Lebensraumes wären dann die Zutaten für ein mit der Erderwärmung entstehendes Klima der Gewalt.“

          Konfliktforscher halten von solchen Darstellungen nicht viel. Christiane Fröhlich vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik der Universität Hamburg hat eigene Untersuchungen in Syrien durchgeführt, die sie letzte Woche in Berlin vorstellte. Eine singuläre Erklärung durch das Klima gebe es nicht, sagt sie. Immerhin sei Jordanien, das ebenfalls unter der Dürre litt, in der Folge stabil geblieben. Die Schlussfolgerungen ihrer amerikanischen Kollegen hält sie für Alarmismus.

          „Das kaschiert die wahren Fluchtursachen“

          Ähnlich äußert man sich an der Osloer Schule für Friedensforschung. Der dort ansässige Konfliktforscher Halvard Buhaug glaubt, dass durch das Klimaargument nur die wahren Ursachen von Flucht und Gewalt kaschiert würden. Schellnhuber sieht solche Einlassungen an der „Grenze zur Perfidie“. Doch die meisten Konfliktforscher spielen die Folgen der Erderwärmung durchaus nicht herunter. Sie leugnen keineswegs, dass die Zukunft extreme Dürren, Starkregen und Stürme bringen wird. Umso wichtiger sei es, rechtzeitig Vorsorge zu treffen. In diesem Zusammenhang fällt häufig der Begriff „Resilienz“. Gemeint sind damit die Widerstandskräfte betroffener Staaten, die es zu stärken gelte. Und da seien vor allem die reichen Länder gefragt. Es gehe um Verantwortung, nicht um eine schicksalhafte Ausgeliefertheit an die Natur, gegen die man nichts ausrichten könne.

          Inselstaaten freilich, die ihr gesamtes Territorium verlieren, wenn der Meeresspiegel weiter steigt, finden darin wenig Trost. „Sonst gibt es aber keine Klimaflüchtlinge“, sagt der Politikberater Oliver Geden von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. Er hält nichts davon, den Faktor Klima zu isolieren. „Dadurch wird ein totalitäres Regime von seiner Schuld entlastet“, sagt er. Als einer der ersten habe Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon vor fast zehn Jahren den Darfur-Konflikt als Klimakrieg bezeichnet. Jetzt sei das Problem erneut für die Konferenz in Paris instrumentalisiert worden. „Die Verführung war groß, das aufzubauschen,“ sagt Geden. Der Klimawandel an sich ist eben selten widerlegbar“, sagt er.

          Doppelt politisiert

          Aber warum spricht dann plötzlich halb Amerika von Klimaflüchtlingen? „Das war insgeheim ein Strategiewechsel.“ Mit dem Thema Sicherheit ziehe man eben auch ein Land, das schwer vom Klimawandel zu überzeugen ist, in die Debatte hinein. Tatsächlich jätten sich die Amerikaner lange Zeit nicht für Ökologie und soziale Gerechtigkeit interessiert. Jetzt werde die Geschichte eben anders erzählt: Arme Länder würden durch den Klimawandel zu „failed states“, woraufhin die Menschen in die Industrieländer fliehen würden, was wiederum die Sicherheit der dortigen Bevölkerung bedrohe.

          Die Debatte zeigt wieder einmal, dass Wissenschaft nicht im luftleeren Raum stattfindet. Das Thema Klimaflüchtlinge ist gleich doppelt politisiert: Die einen hoffen, damit auf energiepolitische Entscheidungen Einfluss zu nehmen, die anderen fürchten, dass damit andere Agenden wie der Kampf gegen ungerechte Gesellschaftsstrukturen aus dem Blick geraten. Völlig unabhängig davon ist nur das Wetter.

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