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Flüchtlinge : Auf der Flucht vor dem Klima?

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Erderwärmung essen Seele auf

Heute klingt das etwas differenzierter. Aber nicht weniger apokalyptisch. Der Potsdamer Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber hat in seinem jüngsten Buch „Selbstverbrennung“, das pünktlich zur Pariser Klimakonferenz herauskam, dem Thema Flucht und Gewalt ein eigenes Kapitel gewidmet. Darin schildert er die mittlerweile vertrauten düsteren Szenarien einer künftigen Erderwärmung und schreckt dabei nicht einmal vor pseudotheologischen Einlassungen zurück: „Allerorten könnten Individuen und Kulturen ihre Seele verlieren. Und wer seine Seele einbüßt, kann auch keine Achtung mehr vor der Würde anderer aufbringen“, schreibt er. Auf einem um vier bis sechs Grad aufgeheizten Planeten mit bis zu elf Milliarden Bewohnern, so Schellnhuber, würden sich soziale Dramen ohne historisches Beispiel abspielen. „Gehäufte Extremwetterereignisse, erhebliche Ressourcenverknappungen und der Verlust unersetzlichen Lebensraumes wären dann die Zutaten für ein mit der Erderwärmung entstehendes Klima der Gewalt.“

Konfliktforscher halten von solchen Darstellungen nicht viel. Christiane Fröhlich vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik der Universität Hamburg hat eigene Untersuchungen in Syrien durchgeführt, die sie letzte Woche in Berlin vorstellte. Eine singuläre Erklärung durch das Klima gebe es nicht, sagt sie. Immerhin sei Jordanien, das ebenfalls unter der Dürre litt, in der Folge stabil geblieben. Die Schlussfolgerungen ihrer amerikanischen Kollegen hält sie für Alarmismus.

„Das kaschiert die wahren Fluchtursachen“

Ähnlich äußert man sich an der Osloer Schule für Friedensforschung. Der dort ansässige Konfliktforscher Halvard Buhaug glaubt, dass durch das Klimaargument nur die wahren Ursachen von Flucht und Gewalt kaschiert würden. Schellnhuber sieht solche Einlassungen an der „Grenze zur Perfidie“. Doch die meisten Konfliktforscher spielen die Folgen der Erderwärmung durchaus nicht herunter. Sie leugnen keineswegs, dass die Zukunft extreme Dürren, Starkregen und Stürme bringen wird. Umso wichtiger sei es, rechtzeitig Vorsorge zu treffen. In diesem Zusammenhang fällt häufig der Begriff „Resilienz“. Gemeint sind damit die Widerstandskräfte betroffener Staaten, die es zu stärken gelte. Und da seien vor allem die reichen Länder gefragt. Es gehe um Verantwortung, nicht um eine schicksalhafte Ausgeliefertheit an die Natur, gegen die man nichts ausrichten könne.

Inselstaaten freilich, die ihr gesamtes Territorium verlieren, wenn der Meeresspiegel weiter steigt, finden darin wenig Trost. „Sonst gibt es aber keine Klimaflüchtlinge“, sagt der Politikberater Oliver Geden von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. Er hält nichts davon, den Faktor Klima zu isolieren. „Dadurch wird ein totalitäres Regime von seiner Schuld entlastet“, sagt er. Als einer der ersten habe Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon vor fast zehn Jahren den Darfur-Konflikt als Klimakrieg bezeichnet. Jetzt sei das Problem erneut für die Konferenz in Paris instrumentalisiert worden. „Die Verführung war groß, das aufzubauschen,“ sagt Geden. Der Klimawandel an sich ist eben selten widerlegbar“, sagt er.

Doppelt politisiert

Aber warum spricht dann plötzlich halb Amerika von Klimaflüchtlingen? „Das war insgeheim ein Strategiewechsel.“ Mit dem Thema Sicherheit ziehe man eben auch ein Land, das schwer vom Klimawandel zu überzeugen ist, in die Debatte hinein. Tatsächlich jätten sich die Amerikaner lange Zeit nicht für Ökologie und soziale Gerechtigkeit interessiert. Jetzt werde die Geschichte eben anders erzählt: Arme Länder würden durch den Klimawandel zu „failed states“, woraufhin die Menschen in die Industrieländer fliehen würden, was wiederum die Sicherheit der dortigen Bevölkerung bedrohe.

Die Debatte zeigt wieder einmal, dass Wissenschaft nicht im luftleeren Raum stattfindet. Das Thema Klimaflüchtlinge ist gleich doppelt politisiert: Die einen hoffen, damit auf energiepolitische Entscheidungen Einfluss zu nehmen, die anderen fürchten, dass damit andere Agenden wie der Kampf gegen ungerechte Gesellschaftsstrukturen aus dem Blick geraten. Völlig unabhängig davon ist nur das Wetter.

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