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Fernsehkritik: „Rückkehr der Sintflut“ : Bangen bei jeder dunklen Wolke

So drehte das ZDF die Dokumentation - in einem ausdienten Hallenbad Bild: dpa

Die Sintflut kehrt zurück, mitten hinein ins Abendprogramm. So zelebriert jeder seine Katatrophe. Das Zweite versucht es mit einem zweiteiligen Klimaschocker, der die Fakten in Paniksoße tunkt.

          Köln am Rhein, irgendwo zwischen Grönland und Bangladesch. Wir schreiben das Jahr 2032. Die Sintflut ist da. Teile der Stadt sind nicht mehr zu halten, genau wie es der Ökokämpe vorhergesagt hat. Die Kölschen sind Klimaflüchtlinge im eigenen Land. Katastophenschutz? Überfordert. Überrollt von der Welle, genau wie es der Hochwasserexperte der Stadt befürchtet hat. Ein Jahrhunderthochwasser folgt auf das nächste.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Im Wohnzimmer flackern die Lampen, Flucht unters Dach. „Wir haben kein Wasser mehr“, stammelt Christopher. Die Welle hat die Chemiewerke im Norden erwischt und reisst alles nieder - vorbei. Dat Wasser vun Kölle, dat war mal jot. Im Notquartier unter dem Dach liegt Christophers Schwester Klara, schweißgebadet - Magen-Darm-Epidemie. Mit dem Regen kursiert die Seuche. Bangen bei jeder dunklen Wolke. Die, die es noch rechtzeitig schaffen, flüchten ins Sammellager. Halt! Wir sind raus aus Köln, in Asien: Bangladesch. Sind wir? „Niemand wird vielleicht mehr überleben in diesem Gebiet“, orakelt einer im Hintergrund, „Wasser überall“.

          Die „doppelte Katastrophe“ schlägt dreifach zu

          Wir sehen die Panik in Fatimas Gesicht geschrieben. Die Strohhütte stürzt in die Fluten. Ja, ganz sicher Bangladesch. Wie sich die Bilder doch gleichen. Köln, Bangladesch, dann auch noch New York, wo die „doppelte Katastrophe“ dreifach zuschlägt: Sturm, Flut und Seuche. Hurrikan Mary hat sich aus den Tropen bis an die Ostküstenmetropole gewälzt. Luisas heile Welt endet im klimatologischen Orkus. „Die Vögel werden die ersten sein - nicht berühren“, schreit Luisas Mama. Im Central Park fallen schwarze Vögel von den Bäumen, zu hunderten. Das West-Nil-Fieber wütet. Auch nicht besser als in Köln oder Bangladesch.

          Die Menschen sind auf der Flucht, „biblische Völkerwanderungen“ - ist es nicht genau das, was der Klimaforscher aus der Vergangenheit versprach? Nur wohin flüchten im Jahre 2032? Überall das Gleiche, die Welt ist ein Tollhaus. Und die Narren sitzen auf dünnem Eis, gleich hinter dem Polarkreis. Die Inuit auf Grönland, lehren uns Thomas Hies und Jens Monath in dem katastrophenvirulenten Fernsehdokumentarspiel „Rückkehr der Sintflut“ im ZDF, wollen einfach nicht begreifen, dass die „Welt aus dem Gleichgewicht ist“. Der edle Nordmann, ein tumber Fischfänger. Glaubt den Alten im Dorf, die morgen vielleicht schon wieder die Kälte kommen sehen, wo doch jeder von ihnen das Eis unter seinen Füßen wegschmelzen sehen kann. „Die natürliche Balance ist weg“, wird dem Zuschauer eingetrichtert, unentwegt, doch der Eskimo vertraut offenbar lieber seinem Instinkt: „Die Wissenschaftler verwirren mich.“

          Aufgepeitschte Katastropheneintönigkeit

          Es zählt zu den besonders pikanten Facetten dieses nervenaufreibenden Zweiteilers, dass ausgerechnet die vermeintlich naiven grönländischen Eingeborenen für die nachdenklichen Stimmen sorgen. Die einzigen nüchternen Kommentare inmitten einer aufgepeitschten Katastropheneintönigkeit. Der Lohn dafür jedoch ist Hohn und Spott. Wer wollte auch schon wie der Grönländer an ein Gleichgewicht glauben, das sich wieder einstellen sollte - früher oder später?

          Die Produzenten dieser Sendung sicher nicht. Sie setzen dem wankelmütigen Eskimo die altbekannten Kreuzritter des Klimaschutzes entgegen: den Forscher, der „Sturzbäche von Schmelzwasser“ unter den Eispanzern des Nordens beobachtet und damit die Vorzeichen der bevorstehenden Katastrophe zu erkennen glaubt. Und natürlich den Oberhirten des Weltklimas, der unter dem Zeichen des Regenbogens über die künftig unvermeidlichen Massenevakuierungen fabuliert. Ganz so, als gäbe es die massenhafte Not nach Stürmen und das Elend nach Überflutungen nicht längst schon heute.

          Haben wir nicht auch ein Recht auf sorgfältige Recherche?

          Vielleicht gibt es ja dieses berechtigte Bedürfnis, die drögen Statistiken zum Klimawandel, die in den vergangenen Monaten unser ständiger Begleiter geworden sind, mit Leben zu füllen. Bewegte Bilder sind gewiss nicht das schlechteste Werkzeug dafür, das hat Al Gores „Unbequeme Wahrheit“ gelehrt. Aber müssen wir uns deshalb unbedingt traumatisieren lassen? Haben wir Zuschauer des öffentlich-Rechtlichen nicht auch ein Recht auf sorgfältige Recherche und abgewogene, einordnende Beiträge?

          Nehmen wir also das Theater aus dem Spiel, die ganze gräßliche Paniksoße, die über die gespielten Sintflutszenarien aus dem vermeintlichen Katastrophenjahr 2032 ausgeschüttert wird. Dann, in der Tat, kommt man dem Kern etwas näher. Die Zahlen und Beschreibungen zur Gletscherschmelze spiegeln durchaus den schulwissenschaftlichen Stand. Und mancher Augenzeugenbericht wie der des Schweizer Glaziologen Konrad Steffen trifft sogar den Nerv, wenn er von den 150 Kubikkilometer Eisverlusten jährlich spricht, die er für Grönland ausgerechnet hat und die damit dem gesamten Eisvolmen der Alpengletscher entsprechen.

          Mit hyperaktivem Schauspiel ist nichts zu entschuldigen

          Das sind schon gewaltige Veränderungen, jawohl. Der Gletscherfluss an der Westküste habe sich in zehn Jahren verdoppelt, sagt der Wissenschaftler. Auch das muss zu denken geben. Und tut es. „Wir sind derzeit an der oberen Grenze der Prognosen“, heisst es. Aber aus diesem ungekünstelten wertvollen Dokument wird maßlose Kunst, wenn die Momentaufnahme allen wissenschaftlichen Unsicherheiten zum Trotz wahllos in die Zukunft extrapoliert wird. Mit hyperaktivem Schauspiel ist jedenfalls nichts zu entschuldigen.

          Die Zuspitzung hat hier ihre Grenzen. „Nur wenn wir die Klimageschichte verstehen“, heisst es an der Stelle, an dem der Film zum erstenmal durchatmet, „können wir die Folgen des Klimwandels für die Menschen berechnen.“ Wie wenig wir jedoch eigentlich von der Klimavergangenheit verstehen, sagt er nicht. Das wird verheimlicht. Wieso sollen wir da den Bildern aus der gespielten Zukunft glauben? Und uns von solchen visualisierten Untergangsritualen hingeben? Die Welt besteht doch nicht nur aus Masochisten.

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