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Energiepolitik : Antireklame für Biosprit

Auf der indonesischen Insel Sumatra muss der Tropenwald lukrativen Ölpalmen weichen Bild: picture-alliance/ dpa

Der Rat des Agrarministers im Abseits: Die deutsche Bioenergiepolitik müsse grundlegend überdacht werden. Wenn es um die hohen Klimaschutzziele der Regierung geht, sehen die Experten eine Gefahr von Fehlinvestitionen.

          Hinter jeder Propaganda wartet ein Versprechen. Zum Beispiel dieses: Biomasse, das ist der Stoff für den Sprit von morgen. Eine moderne Energiequelle, sauber und lohnend. So sieht es das Bundeslandwirtschaftsministerium in Berlin, und so hat man das entsprechende Projekt betitelt: „Roadmap Biokraftstoffe“ heißt die „gemeinsame Strategie“ mit Auto- und Erdölindustrie, mittelständischen Mineralölfirmen und den Landwirten. Ziel sind grünere Fahrzeuge, denen sukzessive mehr Biosprit beigemischt werden soll. Seit einigen Tagen hat man mit der Ausschreibung zum „Bundeswettbewerb Bioenergie-Regionen“ einen weiteren Köder im ländlichen Raum ausgelegt. 400.000 Euro sollen Projekte erhalten, die „mit Hilfe von Netzwerken neue Ideen zur Erzeugung und Nutzung von Bioenergie entwickeln und umsetzen wollen“.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          All das geschieht mit dem Segen der Regierungsspitze, aber gegen die ausdrücklichen Empfehlungen der eigenen Ratgeber. Der Wissenschaftliche Beirat Agrarpolitik, ein von Minister Seehofer eigens installierter Beraterstab aus einem guten Dutzend Landwirtschaftsexperten, hatte am 24. Januar ein ausgesprochen kritisches Gutachten zur „Nutzung von Biomasse zur Energiegewinnung“ übergeben. Das Ministerium stellte das fast zweihundert Seiten starke Dokument pflichtgemäß ins Internet. Aber es blieb, was es dem Minister von der ersten Stunde an war: ein unangenehmer, hässlicher Klotz am Bein, den - wenn man ihn schon nicht loswird - zu verstecken zur ersten Ministeriumspflicht geworden ist. Kein Wort in der hauseigenen Bioenergiereklame und keine wie auch immer geartete Billigung in den Stellungnahmen des Ministeriums zur Bioenergie. Stattdessen: unbefleckte Parolen mit so poetischen Titeln wie „Fuelling the Future“ - die Zukunft betanken.

          Relativ teuer und vielfach ineffizient

          Kein Zweifel, das unbequeme Votum seiner Berater ist Seehofer ein in Zeitpunkt und Schärfe reichlich unwillkommener Beitrag zu den unhörbar anschwellenden Diskussionen um die Bioenergie. Es geht dabei längst nicht mehr nur um die Torfwälder Indonesiens, die der Palmölproduktion für den Biospritexport zum Opfer fallen. Vor dem Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen hat kürzlich der Schweizer Jurist Jean Ziegler, der einen neuen Nahrungsmittelbericht präsentierte, die forcierte Ausweitung von Biosprit-Anbauflächen als potentielle Menschenrechtsverletzung gebrandmarkt - Verletzung des Rechts auf Nahrung.

          So weit geht der Wissenschaftsbeirat nicht. Aber er lässt keinen Zweifel daran, dass er Biomasse als Energieträger nur für eine vorübergehende, eine reichlich ineffiziente und hochgradig übersubventionierte Zwischenlösung hält. „Die deutsche Bioenergiepolitik sollte grundlegend überdacht werden“, heißt es darin, denn „sie fördert mit hohen Subventionsäquivalenten besonders jene Bioenergielinien, die relativ teuer und vielfach ineffizient sind.“ Gemeint sind Biosprit und Biogas auf Maisbasis. Gerade wenn es um die Vermeidung von Treibhausgasemissionen und damit um die hohen Klimaschutzziele der Regierung geht, sieht der Rat die Gefahr von Fehlinvestitionen: Mit der Erzeugung von Biodiesel und Bioethanol ließen sich nur vergleichsweise wenig Emissionen, nur rund drei Tonnen Kohlendioxid je Hektar, vermeiden.

          Biokraftstoffe der zweiten Generation

          Die Kosten dafür liegen bei 150 bis 300 Euro je Tonne Kohlendioxidvermeidung. Energiewirtschaftlich konkurrenzfähig und sinnvoll seien hingegen weniger als 50 Euro. Etwas besser schneiden die Biogaserzeugung mit Gülle, möglichst mit Kraft-Wärme-Kopplung, sowie die kombinierte Strom- und Wärmeerzeugung durch Restholz- und Hackschnitzelverwertung ab. Damit ließen sich zumindest zwölf Tonnen je Hektar und damit viermal so viel Kohlendioxidemissionen vermeiden wie mit Biotreibstoffen.

          Insgesamt aber, so die Agrarexperten, „sind die Potentiale der Bioenergie, verglichen mit der Solarenergie, relativ gering“. Die Konkurerenz zur Nahrungsproduktion, die steigenden Bioenergiepreise bei knapper werdenden Ackerflächen und die ökologischen Nachteile werden genannt. Auch im Hinblick auf „Beschäftigung“, also neue Arbeitsplätze, und Versorgungssicherheit sei die Bioenergie nicht zu empfehlen. Von der geforderten „Kurskorrektur“ aber scheint die Regierung weiter weg denn je. Auf die selbstgestellte Frage „Wozu brauchen wir Biokraftstoffe?“ gibt Seehofers Stab eine klare Antwort: „Die Bundesregierung strebt einen weiteren Ausbau der Biokraftstoffnutzung an.“ Ihr Fernziel hat einen Namen: Biokraftstoffe der zweiten Generation. Das ist Biosprit aus der Umwandlung von Zellulosematerial aus Bioabfällen und Pflanzen zu Zucker und Alkohol. Bis diese Techniken allerdings mit der geforderten Effizienz arbeiten, das zeigte jüngst eine Übersichtsarbeit in der Zeitschrift „Nature Biotechnology“, gehen noch viele Jahre ins Land. Bis dahin klammert sich die Regierung an die erste Generation.

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