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Emissionshandel : Die Zauberformel gegen den Dreck

Der Handel mit Rechten zur Luftverschmutzung ist ökonomisch gesehen hoch effizient Bild: ddp

Wer viel CO2 emittiert, muss Rechte für die Verschmutzung kaufen. Wer sauber bleibt, profitiert hingegen. Mit Blick auf die marktwirtschaftlichen Prinzipien gilt daher: Der Emissionshandel ist eine geniale Erfindung.

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          Die Deutsche Post ist eine Umweltschutzorganisation. Seit dem Jahr 2006 bietet sie ihren Kunden an, Briefe und Pakete unter vollständiger Berücksichtigung der Natur zu verschicken. Im Preis enthalten sind dann nicht mehr alleine das Gehalt des Postboten und der Transport des Briefs vom Briefkasten zur Sammelstelle und zum Empfänger, sondern auch das Kohlendioxid, das währenddessen entsteht und in der Atmosphäre endgelagert wird. 30 Gramm kommen umgerechnet auf einen 37 Gramm schweren Brief, 501 Gramm auf ein 4,5 Kilogramm schweres Paket.

          Alexander Armbruster

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

          Die Deutsche Post ist natürlich keine Umweltschutzorganisation. Sie stellt ihren Kunden frei, den Umweltaufpreis zu zahlen. Wer nicht will, muss nicht zahlen, sondern kann herkömmlich versenden. Doch die Gruppe derjenigen, die sich für den klimaneutralen Brief oder das klimaneutrale Paket entscheiden, wird immer größer: Der von den Kunden gezahlte Umweltaufpreis hat sich in den ersten beiden Jahren jeweils vervierfacht. Das Geld fließt in die Umwelt. Mit ihm kauft die Post das verbrauchte Kohlendioxid zurück. Sie fördert etwa Windkraft oder unterstützt Biomassekraftwerke.

          „Alleine im Jahr 2008 haben wir damit 16.200 Tonnen Kohlendioxid ausgeglichen“, sagt Guido Sattler, der für die Post die Umweltprojekte auswählt und in Form von Anteilscheinen einkauft. Jeder dieser Scheine steht für eine Tonne Kohlendioxideinsparung und kostet zwischen 15 und 30 Euro.

          Günstiger als hohe Investitionen in die Transportsysteme

          Hinter diesem Engagement, das der Briefdienstleister werbetauglich unter dem Namen „GoGreen“ vermarktet, stecken zwei Einsichten, die für die Klimaproblematik essentiell sind und die nicht nur von Experten, sondern auch von immer mehr Verbrauchern geteilt werden: Erstens muss für Umweltverbrauch bezahlt werden. Zweitens sollte der Preis, den die Umweltverbraucher zahlen, so gering wie möglich sein.

          Speziell für die Post ist die Beteiligung an Umweltprojekten allemal günstiger, als wenn sie die Kohlendioxidemissionen ihrer Briefdienstleistungen mittels hoher Investitionen in ihre Transportsysteme direkt verringerte. Was die Post freiwillig tut, ist andernorts zum Teil schon Pflicht oder könnte Verpflichtung werden.

          Das Prinzip, Umweltverschmutzung handelbar zu machen, ist der prominenteste Vorschlag, wie die Menschheit den menschengemachten Klimawandel stoppen könnte. Wenn viele der mächtigsten Politiker der Welt im Dezember in Kopenhagen zur großen Klimakonferenz zusammenkommen, werden sie und ihre Berater zumindest in nichtöffentlichen Hinterzimmergesprächen genau darüber debattieren. Auf ein Verschmutzungsrechte-Handelssystem für die Welt und feste Verschmutzungsbudgets für die Länder sollten sich die Kopenhagen-Gipfeler einigen, wünschen sich Klima-Ökonomen wie Ottmar Edenhofer vom Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung. Damit und nur damit kann aus seiner Sicht sichergestellt werden, dass wirklich weniger Kohlendioxid emittiert und die Erde nicht bedrohlich warm wird.

          In Europa gibt es das Handelssystem schon

          In Europa gibt es das schon. Verschmutzungsrechte werden seit dem Jahr 2005 auf dem Kontinent gehandelt. Denn die europäischen Länder haben das sogenannte „Kyoto-Protokoll“ nicht nur unterschrieben, sondern auch ratifiziert und sich hierdurch verpflichtet, schrittweise weniger Kohlendioxid in die Atmosphäre zu blasen.

          Jedes Land verfügt über eine bestimmte Kohlendioxidmenge, die es nach einem paragraphenlastigen Verfahren unter den Emittenten auf seinem Gebiet verteilen darf. Praktisch passiert dabei Folgendes: Fabriken aus der Industrie und der Energiewirtschaft bekommen jedes Jahr eine jeweils festgelegte Anzahl an Verschmutzungsrechten (Emissionszertifikaten) zugeteilt. Jedes Zertifikat berechtigt sie dazu, eine Tonne Kohlendioxid zu emittieren.

          Setzt eine Fabrik so viel Kohlendioxid frei, wie sie Rechte besitzt, ist alles in Ordnung. Emittiert sie mehr, muss das Unternehmen, dem sie gehört, dafür eine Strafe zahlen - ungefähr so wie ein Autofahrer, der zu schnell gefahren und geblitzt worden ist.

          Emittiert die Fabrik hingegen weniger Kohlendioxid, als sie darf, dann kann sie ihre überschüssigen Zertifikate für bares Geld verkaufen - an Fabriken, die ihre zugeteilten Mengen nicht einhalten können. Genau das ist der ökonomisch ungemein attraktive Nebeneffekt des Systems: Zertifikate übrig haben und verkaufen werden tatsächlich genau jene Unternehmen, denen es vergleichsweise leichtfällt, ihren Kohlendioxidausstoß zu verringern, die dafür also nur wenig Geld ausgeben müssen. Diejenigen, denen das schwerfällt oder sogar unmöglich ist, ohne ihren Betrieb aufs Spiel zu setzen, können weiterwirtschaften, indem sie Zertifikate dazukaufen. Sie sind dementsprechend bereit, dafür einen guten Preis zu zahlen.

          Die Zauberhand des Marktes sorgt für die geringsten Kosten

          Durch Marktzauberhand entstehen so insgesamt die geringsten Kosten der Kohlendioxidreduktion. Dazu kommt: Die Regierungen brauchen in diesem Fall weder zu überlegen, mit welchen alternativen Technologien der Kohlendioxidausstoß vermutlich am besten gesenkt werden kann (Solarenergie, Windkraft, Biomasse . . .). Noch müssen sie festlegen, wie viele Milliarden Euro sie ihren (Nicht-)Wählern dafür zumuten sollen über Maßnahmen wie beispielsweise das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) in Deutschland. Auch die Bundesregierung müsste nur noch die Menge der Verschmutzungsrechte festlegen, den Rest könnte sie - ohne ihr gewünschtes Ergebnis zu gefährden - getrost den Unternehmen selbst überlassen. Und Hans-Jürgen Nantke. Er ist der Chef der Deutschen Emissionshandelsstelle (DEHSt) in Berlin, verwaltet Deutschlands Zertifikatemenge und sorgt dafür, dass sie eingehalten wird. Seine Behörde als Emissionszertifikate-Zentralbank zu beschreiben, hält er für legitim.

          1700 Fabrikanlagen sind in Deutschland derzeit emissionshandelspflichtig. Jede einzelne von ihnen hat bei der DEHSt ein Emissionskonto, auf das Nantke und seine 120 Mitarbeiter einmal im Jahr die nach einem komplizierten Schlüssel zugeteilten Zertifikate „überweisen“. Insgesamt verteilt er auf diese Weise bis einschließlich 2012 jährlich 452 Millionen Zertifikate.

          Mehr als reines Öko-Gewissen

          Danach werden es weniger, weil die EU-Länder schon beschlossen haben, den Kohlendioxidausstoß weiter zu senken - bis 2020 um 20 Prozent, ausgehend von 2012. Vom Jahr 2013 an müssen die europäischen Industrie- und Energieunternehmen zudem für die meisten Emissionsrechte bezahlen. Momentan vergibt Nantke noch 90 Prozent der Zertifikate umsonst. Außerdem sollen ab 2012 mehr Branchen in den Verschmutzungsrechtehandel einbezogen sein, zum Beispiel der Luftverkehr.

          Ob und wann ein brauchbares Verschmutzungsrechte-Handelssystem für die ganze Welt existiert mit Kohlendioxidbudgets für alle Länder, ist indes ungewiss. Dazu müssten die Vereinigten Staaten und China als größte Emittenten mitmachen und zusagen, ihren Ausstoß deutlich zu verringern. Zwingen kann sie dazu freilich niemand. Manchmal geht das aber auch ganz ohne Zwang. So, wie bei denjenigen Kunden der Deutschen Post, die kein Geld für Zertifikate ausgeben müssen, es aber trotzdem tun - weil es schlicht und einfach um mehr geht als ein reines Öko-Gewissen.

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