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Emissionshandel : Die Zauberformel gegen den Dreck

Setzt eine Fabrik so viel Kohlendioxid frei, wie sie Rechte besitzt, ist alles in Ordnung. Emittiert sie mehr, muss das Unternehmen, dem sie gehört, dafür eine Strafe zahlen - ungefähr so wie ein Autofahrer, der zu schnell gefahren und geblitzt worden ist.

Emittiert die Fabrik hingegen weniger Kohlendioxid, als sie darf, dann kann sie ihre überschüssigen Zertifikate für bares Geld verkaufen - an Fabriken, die ihre zugeteilten Mengen nicht einhalten können. Genau das ist der ökonomisch ungemein attraktive Nebeneffekt des Systems: Zertifikate übrig haben und verkaufen werden tatsächlich genau jene Unternehmen, denen es vergleichsweise leichtfällt, ihren Kohlendioxidausstoß zu verringern, die dafür also nur wenig Geld ausgeben müssen. Diejenigen, denen das schwerfällt oder sogar unmöglich ist, ohne ihren Betrieb aufs Spiel zu setzen, können weiterwirtschaften, indem sie Zertifikate dazukaufen. Sie sind dementsprechend bereit, dafür einen guten Preis zu zahlen.

Die Zauberhand des Marktes sorgt für die geringsten Kosten

Durch Marktzauberhand entstehen so insgesamt die geringsten Kosten der Kohlendioxidreduktion. Dazu kommt: Die Regierungen brauchen in diesem Fall weder zu überlegen, mit welchen alternativen Technologien der Kohlendioxidausstoß vermutlich am besten gesenkt werden kann (Solarenergie, Windkraft, Biomasse . . .). Noch müssen sie festlegen, wie viele Milliarden Euro sie ihren (Nicht-)Wählern dafür zumuten sollen über Maßnahmen wie beispielsweise das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) in Deutschland. Auch die Bundesregierung müsste nur noch die Menge der Verschmutzungsrechte festlegen, den Rest könnte sie - ohne ihr gewünschtes Ergebnis zu gefährden - getrost den Unternehmen selbst überlassen. Und Hans-Jürgen Nantke. Er ist der Chef der Deutschen Emissionshandelsstelle (DEHSt) in Berlin, verwaltet Deutschlands Zertifikatemenge und sorgt dafür, dass sie eingehalten wird. Seine Behörde als Emissionszertifikate-Zentralbank zu beschreiben, hält er für legitim.

1700 Fabrikanlagen sind in Deutschland derzeit emissionshandelspflichtig. Jede einzelne von ihnen hat bei der DEHSt ein Emissionskonto, auf das Nantke und seine 120 Mitarbeiter einmal im Jahr die nach einem komplizierten Schlüssel zugeteilten Zertifikate „überweisen“. Insgesamt verteilt er auf diese Weise bis einschließlich 2012 jährlich 452 Millionen Zertifikate.

Mehr als reines Öko-Gewissen

Danach werden es weniger, weil die EU-Länder schon beschlossen haben, den Kohlendioxidausstoß weiter zu senken - bis 2020 um 20 Prozent, ausgehend von 2012. Vom Jahr 2013 an müssen die europäischen Industrie- und Energieunternehmen zudem für die meisten Emissionsrechte bezahlen. Momentan vergibt Nantke noch 90 Prozent der Zertifikate umsonst. Außerdem sollen ab 2012 mehr Branchen in den Verschmutzungsrechtehandel einbezogen sein, zum Beispiel der Luftverkehr.

Ob und wann ein brauchbares Verschmutzungsrechte-Handelssystem für die ganze Welt existiert mit Kohlendioxidbudgets für alle Länder, ist indes ungewiss. Dazu müssten die Vereinigten Staaten und China als größte Emittenten mitmachen und zusagen, ihren Ausstoß deutlich zu verringern. Zwingen kann sie dazu freilich niemand. Manchmal geht das aber auch ganz ohne Zwang. So, wie bei denjenigen Kunden der Deutschen Post, die kein Geld für Zertifikate ausgeben müssen, es aber trotzdem tun - weil es schlicht und einfach um mehr geht als ein reines Öko-Gewissen.

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