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Weltklima : Neues Chaos zwischen Himmel und Meer

Ein bedrohliches Aufheizen: Der tropische Ostpazifik heizt derzeit anders als unter normalen Bedingungen stark auf. Bild: JPL

El Nino dreht derzeit mächtig auf, der Klimawandel setzt eins obendrauf. Mehr Wetterextreme drohen, eine Inflation der Katastrophen. Und Erleichterung wird es in den nächsten Monaten kaum geben.

          Jetzt geht es Schlag auf Schlag, die Daten lassen kaum noch Zweifel zu: El Niño wirbelt die Wetterstatistiken durcheinander wie ein Sturm das Kartenhaus. 11. Juli: eine historische Marke im Zentralpazifik vor der amerikanischen Westküste. Noch bevor die Hurrikansaison offiziell begonnen hat, bilden sich fast gleichzeitig innerhalb von nur drei Tagen drei schwere tropische Stürme. Eric Blake vom National Hurricane Center hält fest: „In den Jahren zwischen 1949 und 2014 gab es um die Zeit überhaupt nur ganze drei Wirbelstürme.“ Sonntag, 12. Juli: Zum ersten Mal, aber noch nie so früh im Jahr, haben sich in der letzten Dekade fünf Zyklone gleichzeitig im Pazifik gebildet. Drei mittlere bis schwere Taifune vor der japanischen Küste und China. Rechnet man die rotierenden Tiefdrucksysteme mit Taifun- oder Hurrikanpotential dazu, kommt man auf sechs Zyklone gleichzeitig. Nur einmal, im Sommer 1974 und somit zum Höhepunkt der Taifunsaison, waren sechs Wirbelstürme im Pazifik gleichzeitig registriert worden.

          Seltenes Ereignis: Drei Taifune hintereinander bewegten sich Anfang Juli auf die Küsten Taiwans, Chinas und Japans zu: „Linfa“, Chan-hom“ und „Ningka“.
          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Der pazifische Raum ist meteorologisch auf einem zweifelhaften Rekordkurs. Man könnte auch sagen: Das Wetter nimmt Kurs Richtung Chaos. Es ist die Handschrift von El Niño, „dem Christkind“, dessen Beginn nach einer fast fünfjährigen Ruhephase vor wenigen Wochen offiziell bestätigt wurde und der mittlerweile selbst als rekordverdächtig gehandelt wird. Es könnte einer der stärksten El Niños der letzten fünfzig Jahre werden. Zwei Wochen ist er bereits der Entwicklung des bisher größten El Niños im Jahr 1997/98 voraus. Die starken Westwinde über dem tropischen Pazifischen Ozean, die entgegen der üblichen Ostströmung plötzlich gewaltige, zwei bis drei Grad wärmere Wassermassen vor die südamerikanische Küste treiben, sorgen dafür, dass die Atmosphäre riesige Mengen an Feuchtigkeit aufsaugt - und etwa an den Küsten Perus als flutartiger Regen niedergeht.

          Die Regierung Perus hat in sechzehn Bezirken Katastrophenbereitschaft für die nächsten Wochen angeordnet. El Niño streckt seine zerstörerischen Pranken jedoch über die atmosphärischen Fernverbindungen weit hinaus aus. Während im Pazifik die Zyklonsaison schon unterwegs ist, dürften die schon jetzt ungewöhnlichen Scherwinde weiter östlich dafür sorgen, dass die Bildung von Hurrikans im Atlantik und im Golf von Mexiko gedämpft wird. Australien und Südostasien werden mit Hitzewellen rechnen müssen, Kalifornien hingegen darf endlich auf Regen hoffen, den Norden Europas könnte ein extrem kalter Winter treffen - sofern dieser El Niño einigermaßen im bekannten Muster bleibt.

          Ein starkes Signal, hier vom 16. Juli: Die Wärmeanomalie El Nino erfasst inzwischen praktisch den gesamten Ostpazifik. Nur beim bisher stärksten El Nino 1997/98 waren ähnlich starke Anomalien erkennbar.

          Bis jetzt scheint nur eines klar: In diesem Jahr könnten reihenweise Rekorde fallen. Mit einer Wahrscheinlichkeit von fast 95 Prozent, also so gut wie sicher, sagen die Computermodelle voraus, dass dieser El Niño bis zur intensivsten Phase im Herbst und Winter fortdauern wird. Zu achtzig Prozent könnte sich die Anomalie bis ins Frühjahr 2016 fortsetzen.

          Was das meteorologisch genau heißt, wagen auch die El-Niño-Fachleute noch nicht exakt vorherzusagen. In den letzten Jahren lagen sie mit ihren Prognosen immer wieder daneben. Das hat sie vorsichtiger werden lassen. Sicher lässt sich anhand der Statistiken zumindest sagen: Ein erheblicher Teil der bewohnten Küstengebiete und damit der Weltbevölkerung muss in den kommenden Monaten mit Extremwetterlagen rechnen. Fakt ist aber auch: El Niño ist längst nicht für jedes Wetterchaos verantwortlich: Lediglich zwanzig bis dreißig Prozent der Kontinentalflächen sind regelmäßig von El-Niño-Folgen betroffen, von Hitzewellen oder Überflutungen. Und wenn die Angaben der amerikanischen Nationalen Behörde für Atmosphären- und Ozeanforschung, NOAA, zutreffen, sind selbst in einem El-Niño-Jahr lediglich 15 bis 20 Prozent der Starkregenfälle überhaupt auf die Klimaanomalie im Pazifik zurückzuführen.

          Abertausende verendete Thunfisch-Krabben wurden Mitte Juni an der südkalifornischen Küste angeschwemmt. Experten deuteten dies bereits  als Folge des ungewöhnlich aufgeheizten Meeres.

          Viel populärer, aber auch stärker diskutiert wird inzwischen die unter Klimaforschern favorisierte Warnung: Der Klimawandel facht den Energieaustausch zwischen der Atmosphäre und den Ozeanen an, bringt lange Zeit stabile Gleichgewichte und Strömungen aus der Balance.

          Bis zum Jahr 1980, so berichtet eine Gruppe um Jascha Lehmann jetzt in der Zeitschrift „Climatic Change“ , war die Häufigkeit nie dagewesener Starkregen, die oft zu sogenannten „Jahrhundertfluten“ führen, statistisch unauffällig. Danach allerdings sei es zu einem „klaren Aufwärtstrend“ gekommen, „passend zu dem, was man durch den Einfluss der globalen Erwärmung rein thermodynamisch erwarten würde“. Anders ausgedrückt: Es geschieht schleichend rund um den Globus, was derzeit im tropischen Pazifik im El-Niño-Zeitraffer passiert. Mehr und mehr Feuchtigkeit gelangt in die Luft und ergießt sich in extremen Starkregen. Die Regendaten aus den Jahren 1901 bis 2010, die Jascha Lehmann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung ausgewertet hat, zeigen einen Anstieg der Rekordregen-Ereignisse global um zwölf Prozent, in Europa allein um 31 Prozent. Südostasien mit einem Plus von 56 Prozent seit den Achtzigern liegt da allerdings noch darüber. Generell gilt: Feuchte Erdregionen werden noch feuchter, trockenere Gebiete werden eher verschont.

          Die Ozeane stellen bei dem ganzen Geschehen die entscheidenden Weichen. Eine Forschergruppe des Geomar-Helmholtz-Zentrums in Kiel hat das im östlichen Mittelmeer und im Schwarzen Meer dokumentiert. Seit den achtziger Jahren haben sie sich jeweils um gut zwei Grad erwärmt. Die Folge: Konvektive, von aufsteigender feuchter Wärme gespeiste Stürme nehmen zu, die Atmosphäre ist seitdem instabiler geworden. Edmund Meredith und Douglas Maraun sprechen von „starken, nichtlinearen Reaktionen auf die Temperaturänderungen“ - die Intensität der Niederschläge habe um ein Drittel zugenommen („Nature Geoscience“). Rekordregen wie Ende Juni in der Olympiastadt Sotchi, wo 175 Liter Regen pro Quadratmeter in nur zwölf Stunden gemessen wurden, häufen sich.

          Die Potsdamer Klimaforscher haben errechnet, dass, gemittelt über die letzten dreißig Jahre, einer von zehn Rekordregen auf die langfristige Klimaerwärmung zurückzuführen sei. Im Jahr 2010 sei es sogar einer von vier Extremniederschlägen gewesen. Das ist Statistik, mehr aber nicht. Dass man einzelne extreme Wettereignisse sicher dem Klimawandel zurechnen könne, resümierte vor kurzem Kevin Trenberth vom amerikanischen Nationalen Atmosphärenforschungszentrum in Boulder, Colorado, sei nach wie vor unmöglich. Aber: „Der thermodynamische Zustand des Klimasystems hat sich klar verändert“, schrieb Trenberth in „Nature Climate Change“. Die globale Erwärmung sei eine Realität. „Wir sollten nicht fragen, ob der Klimawandel eine Rolle spielt bei häufigeren Extremen, sondern welche Rolle er spielt.“ Das Klimasystem habe ein „neues Normal“ erreicht.

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