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Weltmeere : Eisen gegen den Klimawandel?

  • -Aktualisiert am

„Weatherbird II”: Heilsmission oder Umweltfrevel? Bild: AP

Forscher wollen ein Seegebiet von 10.000 Quadratkilometer Fläche im Stillen Ozean mit Eisenoxid düngen. Damit will man das Algenwachstum anregen. Das Plankton soll die Atmosphäre von Kohlendioxid reinigen. Eine Gefahr für das labile Gleichgewicht des Meeres.

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          Der Begriff „Ökosystemsanierung“ scheint unmittelbar jenem Wörterbuch der Umweltbürokratie entnommen, das auch solche Wortungetüme wie „Altlastenentsorgung“ oder „Erdsystemverträglichkeit“ hervorgebracht hat. Unter dem Schlagwort Ökosystemsanierung schickt aber in diesem Monat ein völlig unbürokratisches, kleines Unternehmen aus Kalifornien ein 35 Meter langes Forschungsschiff in den Zentralpazifik. Was die aus 17 Personen bestehende Besatzung dort vorhat, ist nach der euphorischen Meinung einer Gruppe von Fachleuten nichts weniger als die Rettung unseres Planeten vor dem drohenden Klimakollaps. Kritiker sehen dagegen in der Fahrt der „Weatherbird II“ einen riesengroßen Umweltfrevel, der das ohnehin wackelige Gleichgewicht des Stillen Ozeans völlig aus der Balance zu bringen droht. Geplant ist, ein Seegebiet unweit der Galapagos-Inseln tonnenweise mit Eisen zu düngen.

          Die wissenschaftliche Grundlage für dieses großflächige Experiment ist die im Jahre 1989 veröffentlichte sogenannte Eisenhypothese. Der inzwischen verstorbene kalifornische Meereskundler John Martin entwickelte damals eine Hypothese auf der Erkenntnis, dass molekulares Eisen eine wichtige Rolle beim Wachstum der mikroskopisch kleinen Meeresflora, dem Phytoplankton, spielt. Martin spekulierte, nachdem er große Meeresgebiete im äquatorialen Pazifik und in den Polarmeeren untersucht hatte, ob durch Zugabe von Eisen das Meeresplankton zur Vermehrung angeregt werden könnte.

          Zwölf Tests für eine umstrittene Hypothese

          Die von ihm bereisten Ozeane zeichnen sich durch einen sehr hohen Gehalt an Nährstoffen aus, enthalten aber dennoch außergewöhnlich wenig Phytoplankton. Lange hatten Ozeanographen den Mangel darauf zurückgeführt, dass die mikroskopische Meeresflora in diesen Seegebieten sehr wohl wachse, aber unmittelbar von der nächsthöheren Stufe in der marinen Nahrungskette, dem Zooplankton, gefressen werde. Nachdem sich aber herausstellte, dass in diesen Meeresregionen überhaupt nur eine geringe Zahl von Lebewesen vorkam, entwarf Martin seine Hypothese: Das Phytoplankton könne trotz der vielen Nährstoffe im Wasser dieser Gebiete nicht wachsen, weil ein wichtiges Spurenelement fehlt, das Eisen nämlich.

          In den nährstoffreichen Gewässern vor der Antarktis konnten Martins Mitarbeiter vom Meeresforschungslabor in Moss Landing (Kalifornien) die Hypothese vor nahezu zwanzig Jahren zum ersten Mal überprüfen. Martin stellte damals nicht nur die gängige Lehrmeinung über ozeanische Nährstoffe in Frage. In einem Vortrag am Meeresforschungsinstitut in Woods Hole (Massachusetts) ging er kurz vor seinem Tod im Jahre 1993 sogar noch einen Schritt weiter. „Gebt mir eine Schiffsladung Eisen, und ich bringe euch die nächste Eiszeit“, sagte er. Das gedüngte Plankton könne so viel Kohlendioxid aufnehmen, dass dadurch der Treibhauseffekt mehr als kompensiert würde.

          Eisendüngung beflügelt das Planktonwachstum

          In insgesamt zwölf Großexperimenten wurde Martins These in den vergangenen Jahren überprüft. Tonnenweise Eisen, meist in Form von Eisensulfat (FeSO4), streuten Meereskundler dabei von Forschungsschiffen ins Meer. Diese Experimente fanden unter unterschiedlichsten Wetterbedingungen im Südpolarmeer, im äußersten Nordpazifik, im Atlantik vor den Kanarischen Inseln sowie im Zentralpazifik vor Galapagos statt. Tatsächlich führte die Eisendüngung in vielen Fällen zu einem vermehrtem Wachstum des Phytoplanktons, aber nicht in allen. Wie eine internationale Forschergruppe um Philip Boyd vom Nationalen Institut für Wasser- und Atmosphärenforschung in Neuseeland kürzlich in „Science“ (Bd. 315, S. 612) schrieb, wisse man noch viel zu wenig über die Nährstoffaufnahme der Mikroalgen unter verschiedenen ozeanographischen Bedingungen.

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