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Eine belgische Perspektive : Die Kratzer am „Klima-Vorbild“ Deutschland

  • -Aktualisiert am

Ein Bagger im Braunkohle-Tagebau Garzweiler II. Bild: dpa

Wie „grün“ ist Vorreiter Deutschland beim Klimaschutz wirklich, fragt die führende belgische Tageszeitung? Ihr Blick richtet sich auf die Energiewende. Und da findet man manches „Paradoxe“.

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          Seit Angela Merkels Ankündigung einer Energiewende schaut die Welt auf zum „Klima-Vorbild“ Deutschland. Die Umstellung auf eine nachhaltige und klimafreundliche Wirtschaft birgt jedoch einige Hindernisse.

          Der Energiekonzern RWE AG ist nun Eigentümer der Kirche von Immerath. Eigentlich gehört dem Konzern das ganze Dorf – oder das was davon übrig geblieben ist. Immerath liegt bei Aachen und hatte vor sieben Jahren noch 1500 Einwohner. Heute leben dort nur noch um die 30 Menschen. Um das Dorf herum haben Bagger schon große Mengen an Erde ausgehoben und bis zum Jahr 2017 wird wahrscheinlich das ganze Dorf in einer riesigen Grube verschwunden sein. Hier befindet sich nun auch der Tagebaubetrieb Garzweiler II, der einen Umfang von 45 Kilometern und eine Tiefe von 230 Metern hat. Der Eigentümer RWE möchte dort bis zum Jahr 2045 Braunkohle abbauen. Bis dahin werden zwölf Dörfer in der Grube verschwunden sein.

          Die deutsche Regierung kümmert sich meist gut um ihre Bürger. Und so war es auch in Immerath. Einige Kilometer vom alten Dorf entfernt wurde eine neue Stadt mit einer modernen Kirche gebaut. Die neue Ortschaft bekam den Namen „Neu-Immerath“. Dennoch ist es seltsam, dass ein Land, dessen ökologische und fortschrittliche Energiepolitik hoch gelobt wird, so stark auf Kohle als Hauptenergiequelle setzt. Und das, obwohl Kohle mit Abstand der umweltschädlichste fossile Brennstoff ist.

          „Das ist wirklich paradox“, meint Christian Hey, Generalsekretär des einflussreichen Beratungsgremiums SRU (Sachverständigenrat für Umweltfragen). Investitionen in den Kohlesektor bereiten dem Gremium immer wieder Sorgen. Der kontroverse Braunkohle-Abbau könnte Deutschland daran hindern, seine ehrgeizigen Klimaziele zu erreichen. Bis zum Jahr 2020 sollen die Kohlenstoffemissionen um mindestens 40 Prozent reduziert werden.

          Unerwünschte Nebenwirkungen

          Als es im Jahr 2011 in Fukushima nach einem Tsunami und einem Erdbeben auch noch zur Kernschmelze eines Reaktors kam, entschied sich Kanzlerin Angela Merkel für einen Atomausstieg Deutschlands bis 2022. Gleichzeitig musste Deutschland jedoch einen großen Schritt in Richtung erneuerbare Energien machen. Bis zum Jahr 2025 sollen erneuerbaren Energien einen Anteil von 40 bis 45 Prozent ausmachen. Bis 2035 wird ein Anteil von mindestens 55 Prozent angestrebt.

          Diese Entscheidung führte jedoch unter anderem dazu, dass Braunkohle wieder beliebter wurde. Im Jahr 2013 wurden 45 Prozent des Stroms in Deutschland durch die umweltschädliche Verbrennung von Braunkohle gewonnen – die höchste Rate seit 2007. Zwischen 1990 und 2011 waren die CO2-Emissionen um 27 Prozent gesunken – doch mit der Renaissance der Braunkohle kam es zu einem erneuten Anstieg.

          Bedeutet diese Entwicklung, dass die berühmte Energiewende, die Deutschland zu einem weltweiten Vorbild in Sachen erneuerbare Energien gemacht hat, doch nicht die gewünschten Ergebnisse liefert? Christian Hey schüttelt den Kopf und erwidert, dass es „dennoch eine kluge Entscheidung“ war. Auf lange Sicht würden sich diese Maßnahmen „positiv auf das Klima und die Wirtschaft auswirken“.

          Ohne Zweifel hat der Sektor der erneuerbaren Energien in Deutschland große Fortschritte gemacht. „Ein Drittel unseres Stroms stammt derzeit aus nachhaltigen Quellen. Der Anteil ist also vier Mal so hoch als vor fünfzehn Jahren“, erklärt Hey.

          Engagement der Bürger

          Laut Rainer Baake, dem Staatssekretär im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, ist dieser Erfolg auch auf das Engagement der Bürger zurückzuführen. Sie zeigten großes Interesse an der Thematik und erhielten die Möglichkeit, in lokale Projekte zu investieren. Aus diesem Grund ist heute die Hälfte der Produktion von nachhaltiger Energie im Besitz von Einzelpersonen und nicht von privaten Firmen.

          Um die Bürger zu ermutigen, in Projekte zu investieren, wurden großzügige Subventionen eingeführt. Lokalen Solar- und Windenergieproduzenten wurden Festpreise und ein vorrangiger Netzwerkzugang versprochen. Somit konnten Risiken bei der Investition fast ausgeschlossen werden.

          „Je mehr nachhaltige Energie produziert wurde, umso mehr Hilfsgelder wurden gewährt“, bemerkt Hey. Diese Subventionen wurden von Steuerzahlern und kleinen und mittelständischen Unternehmen finanziert, deren Stromrechnungen jedoch stark anstiegen. Das ‚Institut der deutschen Wirtschaft‘, das von deutschen Unternehmen finanziert wird und als eine Art Denkfabrik agiert, schätzt die Kosten der Energiepolitik auf 28,2 Milliarden Euro pro Jahr. Das heißt, dass die deutsche Durchschnittsfamilie jährlich 270 Euro mehr zahlen muss.

          Gleichzeitig geht jedoch die Zahl „grüner Investitionen“ zurück. Wenn Deutschland bis 2025 wirklich 45 Prozent nachhaltige Energie produzieren möchte, müssten große Windfarmen gebaut werden. Viele Deutsche sprachen sich bereits gegen eine solche Entscheidung aus. Das ist aber nicht das einzige Problem. Wind- und Solarenergie können nicht gespeichert werden: Die Energie muss durch das Stromnetz weitergeleitet werden, nachdem sie produziert wurde. Dafür ist das deutsche Stromverteilungsnetz noch nicht bereit.

          Andererseits sind viele Deutsche gegen riesige Stromleitungen über ihren Köpfen und Häusern. Angela Merkel gab an, dass diese Leitungen fast ausschließlich unter der Erde verlaufen sollten. Dadurch würden jedoch hohe Kosten entstehen: Weitere 3 bis 8 Milliarden Euro kämen zu den geschätzten 32 Milliarden Euro für die Erneuerung des Verteilernetzes hinzu.

          Finanzielle Aspekte

          Immer mehr Politiker werden von den hohen Preisen der Energiewende abgeschreckt und betrachten die Maßnahmen skeptisch. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtete, dass seit dem Jahr 2011 bereits 100 Milliarden Euro investiert wurden und noch weitere 280 Milliarden Euro geplant sind.

          Christian Hey glaubt trotzdem weiterhin an den Erfolg der Energiewende. „Es handelt sich hier um Anlaufschwierigkeiten. Der Weg ist klar. Man braucht nur ein wenig politischen Mut, um diesen Weg weiterzugehen“, sagt Hey. In Immerath macht Bruno Migge Fotos von den verlassenen Häusern. Als wir ihn auf die Energiewende ansprechen, schnaubt er verächtlich. „Ich verstehe nicht, wie man eine Regierung, die ganze Dörfer in einer tiefen Grube verschwinden lässt, „grün“ nennen kann …“

          Deutsche Übersetzung von Gijs van Breugel, Andrea Klabisch - VoxEurop

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