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Soziale Systeme : Die Lesbarkeit des Klimawandels

Die Berichte der IPCC-Arbeitsgruppe 3 (hier die Präsentation des vierten Berichts 2007 in Bangkok) sollen Wege zur Abminderung des Klimawandels aufzeigen. Ihre „Zusammenfassungen für Entscheidungsträger“ bieten besonders wenig Lesevergnügen. Bild: AFP

Die Berichte des Weltklimarates sind eine sperrige Lektüre. Aber nicht nur, weil das Thema so schwierig ist.

          3 Min.

          Zusammenfassungen für Entscheidungsträger“ heißen die Kurzfassungen, die der Weltklimarat IPCC seinen ausführlichen Berichten zur Seite stellt. In diesen trägt ein von den Vereinten Nationen beauftragtes Expertengremium seit 1990 alle fünf bis sieben Jahre die Erkenntnisse über die globalen Klimaveränderungen zusammen. Da besagte Entscheidungsträger zumeist keine Fachleute sind, sollte man annehmen, dass sich diese Texte um besondere Lesbarkeit und Verständlichkeit bemühen. Doch darin sind sie bemerkenswert erfolglos geblieben. Schlimmer noch, über die fünf bisher erschienenen IPCC-Berichte gesehen, zeigt die Textqualität der Zusammenfassungen eine sinkende Tendenz.

          Ulf von Rauchhaupt

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Dies ist nicht nur der Eindruck eines frustrierten Beobachters, sondern Ergebnis einer Untersuchung, die vergangene Woche in Nature Climate Change erschienen ist. Die Autoren hatten für die „Summaries for Policymakers“ aller fünf IPCC-Berichte den „Flesch Reading Ease“ bestimmt, einen gebräuchlichen Index, der die Lesbarkeit englischer Texte anhand ihrer durchschnittlichen Satzlängen sowie der Silbenzahl ihrer Wörter misst. Gut lesbare Texte besitzen einen Flesch-Index von 60 und darüber, die IPCC-Zusammenfassungen dagegen kamen fast nie über einen Wert von 30 hinaus.

          Der physikalische Teil ist noch der verständlichste

          Nun besteht ein IPCC-Report aus drei Teilen, von denen jeder von einer eigenen Arbeitsgruppe verfasst wird und eine eigene Zusammenfassung für Entscheider erhält. Gruppe Nummer eins berichtet über die naturwissenschaftlichen Grundlagen. Hier werden das Verständnis der physikalischen Abläufe des Klimawandels referiert, Daten aus Messungen und Computersimulationen zusammengestellt, statistische Signifikanzen aufgezeigt. Gruppe zwei befasst sich mit der Frage, was wir über die Verwundbarkeit von Natur, Gesellschaft und Wirtschaft durch den Klimawandel wissen und wie anpassungsfähig an veränderte Klimabedingungen diese Systeme sind. Gruppe drei schließlich gibt eine Übersicht über die Maßnahmen, mit denen sich der Klimawandel abschwächen lassen könnte. Wenn in der Vergangenheit über Fehler in den IPCC-Reports berichtet wurde, betraf das in der Regel die Gruppen zwei und drei. Gruppe eins war insofern besser geschützt, als sie sich durchweg auf Publikationen stützen konnte, die in begutachteten Fachpublikationen erschienen waren.

          Wie unterscheiden sich nun die Zusammenfassungen der einzelnen Gruppen hinsichtlich ihrer Flesch-Lesbarkeit? Da es bei Gruppe eins vor allem um Physik und Statistik geht und da diese Dinge unter erhöhter Schwierigkeitsvermutung stehen, würde man hier die geringsten Flesch-Werte erwarten. Genau das ist aber nicht der Fall. Die Indices bewegen sich hier meist zwischen 20 und 30, und der erwähnte Abwärtstrend ist kaum sichtbar. In Gruppe zwei dagegen kommen nur zwei der fünf Zusammenfassungen über einen Wert von 20, im Bericht von 2014 lag er bei kläglichen 12,1. Noch schlimmer sieht es bei der Arbeitsgruppe drei aus, wo der Abwärtstrend am deutlichsten ausgeprägt und 2014 bei einem alarmierenden Flesch-Wert von 6,7 angekommen ist. Damit ist diese „Zusammenfassung für Entscheidungsträger“ schwerer zu lesen als etwa die englische Übersetzung von Hegels „Phänomenologie des Geistes“.

          Verschwurbelter Diplomatensprech

          Die Autoren erklären sich diesen Befund zum einen mit der Heterogenität der verschiedenen Wissenschaftsfelder, die in die Berichte der Arbeitsgruppen zwei und drei integriert werden müssen. Und zum andern damit, dass die Formulierungen in den Zusammenfassungen Zeile für Zeile zwischen Wissenschaftlern und Regierungsvertretern ausgehandelt werden. Während an der Physik wenig zu rütteln ist und kaum ein Ministerialbeamter sich daran wagen wird, die Zahlen der Klimastatisiker nachzurechnen, sind Themen der Gruppen zwei und erst recht drei nicht so einfach von politischen Einschätzungen und Wunschvorstellungen zu entkoppeln. Die Folge sind verquaste Kompromissformeln der Sorte, die einem auch die Lektüre von, sagen wir, Koalitionsverträgen verleidet.

          Dieser zweite Sachverhalt dürfte zumindest im Bericht von 2014 der Hauptschuldige an der Unleserlichkeit sein. Denn dort lagen die Flesch-Indices der schließlich beschlossenen Zusammenfassungen in der Arbeitsgruppe zwei noch unter denen der „Technical Summaries“ (von Wissenschaftlern erstellte Kurzfassungen der vollen Berichte) und in Gruppe drei sogar unter denen der vertraulichen Entwürfe der Zusammenfassungen, die den Regierungen zur Begutachtung zugeschickt werden, bevor die Arbeitsgruppen und das IPCC-Plenum sie verabschieden.

          Demnach wäre das sprachliche Schwarzbrot, das den Entscheidungsträgern da zugemutet wird, auch inhaltlich nur mit Bedacht zu genießen. Außer im Fall der mit der rein naturwissenschaftlichen Seite des Klimawandels befassten Arbeitsgruppe eins kann man die „Zusammenfassung für Entscheidungsträger“ nur als Abbild der politischen Befindlichkeiten unter den Akteuren ernst nehmen. Als Beschreibung der Ergebnisse wissenschaftlicher Bemühungen sind sie im Grunde genommen wertlos.

          Literatur:

          R. Barkemeyer et. al. „Linguistic analysis of IPCC summaries for policymakers and associated coverage“ Nature Climate Change, Advance Online Publication 12.10. 2015.

          Ein Online-Analysator (englischer) Texte, der auch Flesch-Lesbarkeitsindices ermittelt, findet sich unter http://approsto.com/text-statistics/

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