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Klimabedingte Flächenbrände : Dicke Luft in Südasien

  • -Aktualisiert am

Dunst und Smog in Palagkaraya in Zentral-Kalimantan. Bild: dpa

Die Luftqualität in den Ländern Südostasiens leidet immer mehr, angefacht durch klimabedingte Dürren und Waldbrände. Wie ein Kommentar aus Singapur zeigt, wächst die Ungeduld mit den trägen Regierungen.

          SINGAPUR, im November.

          Neunzehn Indonesier sind in den letzten Wochen bereits aufgrund von Atembeschwerden gestorben. Die Waldbrände und die anhaltende Trockenheit rauben den Menschen die Luft zum Atmen. In Sumatra leiden mehr als 100.000 Menschen, in ganz Indonesien mehr als eine halbe Million, unter Atembeschwerden. Mehr als 25.000 Schulen des Archipels waren, so meldete die „Jakarta Post“ in einem Bericht auf ihrer Titelseite, dazu gezwungen, ihre Tore wochenlang geschlossen zu halten, was dazu führte, dass sie so lange dem Unterricht fernblieben, „bis sie den Unterrichtsstoff bereits wieder vergessen hatten“.

          Nach Berechnungen indonesischer Beobachter könnte die Dunstglocke die Wirtschaft des Landes bereits um die 47 Mrd. Dollar gekostet haben. Ebenso betroffen vom Rückgang des Geschäfts und des Tourismus wie von den Veranstaltungsabsagen dürften die Nachbarländer sein.

          Allein die Waldbrände dieses Jahres in Indonesien – das Land ist wegen der Regenwaldverluste die fünftgrösste Quelle von Treibhausgasen – haben bislang 1,35 Gigatonnen Kohlendioxid ausgestossen. Eine Grössenordnung, die der japanischen Jahresemission für die Verbrennung fossiler Rohstoffe entspricht. Und doch können sich die Staatsführer Indonesiens nicht dazu durchringen, aufgrund der Brände die nationale Katastrophe auszurufen.

          Viele durch Brandrodung auf Borneo gelegte Feuer geraten außer Kontrolle.

          Nach eigenem Eingeständnis haben die Behörden in Jakarta die diesjährige Trockenperiode und den Umfang der nötigen Vorkehrungen für die aufkommenden Brände falsch eingeschätzt. Auch andere ASEAN-Länder (der Verband südostasiatischer Nationen) mussten  Auswirkungen auf ihre Bevölkerung beklagen. Die altbewährte Weise,  wie ASEAN mit Regionalthemen umgeht, verhinderte, dass viel geschah; die Mitgliedsstaaten mischen sich nicht gegenseitig in ihre Angelegenheiten ein und vermeiden so das Aufkommen von Meinungsverschiedenheiten im Namen des Prinzips der nationalen Souveränität.

          Sollte ASEAN den Anspruch sich zu einer (wenn auch nur auf das Gebiet der Wirtschaft beschränkten) Staatengemeinschaft zu entwickeln, ernst nehmen, sollten seine Mitglieder allmählich anfangen sich, entsprechend zu verhalten. In einem Buch, das demnächst veröffentlicht wird,  „The Asean Way“, so beschreibt die malaysische Wissenschaftlerin Helena Varkkey den Weg, wie durch die Interessen einflussreicher Eliten innerhalb des Landes einige Mitgliedsstaaten dazu gebracht werden, sich am Prinzip der nationalen Souveränität festzukrallen, um jegliche Aktionen gegen den Dunst im Verbund abzuwehren.

          Vorschläge, wie die ASEAN-Mitglieder das Umweltproblem angehen könnten, gibt es: Die Einrichtung einer gemeinsamen Behörde etwa, die die potentielle Dunstsituation überwacht und darauf schnell reagieren kann, wenn die Situation sich verschärft. Die Mitgliedsstaaten sollten zu diesem Schritt, etwa durch die Bereitstellung von Personal und Mitteln oder für den Kauf von Analysesystemen und die Ausrüstung zur Brandbekämpfung, beitragen. Die Behörde sollte ausserdem eine leitende Rolle bei der Forschung und zur Förderung von nachhaltigeren Methoden der Landwirtschaft und Rodung erhalten.

          Im April letzten Jahres hatte Singapur seinen ASEAN-Partnern die Nutzung seines Kommando- und Kontrollzentrums in Changi angeboten, um die Koordination bei Naturkatastrophen zu unterstützen. Ein Grund, warum dieses Angebot sich nicht auch auf die jährliche Dunstglocke beziehen sollte, erscheint nicht ersichtlich.

          ASEAN sollte auch auf die Expertise der Länder, die Erfahrung mit der Eindämmung grenzüberschreitender Verschmutzung und Bränden haben, zurückgreifen: Etwa die Vereinigten Staaten, Kanada und Australien, das besonders  viel Erfahrung im Kampf mit Waldbränden hat. Diese Experten sollten vor und während dem Ausbruch von Waldbränden verpflichtet werden. Ein weiterer Punkt ist die Zusammenarbeit mit internationalen Organisationen, wie den UN oder den NGOs. Ein runder Tisch wäre nötig, für die nachhaltige Produktion von Palmöl, um Umweltstandards zu entwickeln, die von Wirtschaft und Gesellschaft in den ASEAN-Staaten eingehalten werden müssten.

          Sicher, manches klingt zu ehrgeizig, schwierig oder kann als zu teuer abgetan werden. Und schliesslich werden ein paar zynische indonesische Politiker sagen, dass all das Heulen und Zähneknirschen über den Dunst am Himmel in der Regel nur einen Monat andauert, nur um dann, sobald die Luft wieder klarer wird, pünktlich zu verstummen. Indem sie aber davor zurückschrecken, die Ursachen hinter dem Dunst entschieden und nachhaltig zu bekämpfen, verurteilen die ASEAN-Leader ihre Völker dazu, mit einem dauerhaften und stetig wiederkehrendem Problem zu leben, das nicht zuletzt auch den Ruf und die Zukunftsaussichten des Bündnisses selbst trübt.

          Deutsche Übersetzung von Christoph Maier - VoxEurop/ http://www.voxeurop.eu/de

          Dieses Artikel wurde veröffentlicht in „The Straits Times“,  und wird von uns als Mitglied im Climate Publishers Network publiziert.

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