https://www.faz.net/-gwz-8bqoq

Wetter-Chaos vor Gericht : Der Polarwirbel hält nicht, was er verspricht

Polarwirbel: Visualisiert sind die Windströmungen und Geschwindigkeiten über der Nordpolarregion. Bild: earth.nullschool.net

Das Wetter-Chaos könnte bald enden, die Folgen des Streits über die Ursachen aber reichen bis ins Weiße Haus. Obamas Gegner haben Klage eingereicht. Stolpert Amerikas reformierte Klimapolitik über die Unberechenbarkeit des Wetters?

          4 Min.

          Hat das Winterparadox endlich ein Ende? Kommt der Schnee und ist Schluss mit Frühlingsgefühlen im Dezember? Wer sich nach geordneten Verhältnissen am Winterhimmel sehnt, so scheint es, könnte in den nächsten Tagen tatsächlich aufatmen. In der einen oder anderen  Wettervorhersage wird für die Jahreswende ein stabiles Hoch über Skandinavien prognostiziert, das die warmen Luftmassen aus dem Westen blockiert und kalte Luftströmungen aus dem Nordosten nach Mitteleuropa lenkt - und somit den Winter zurück brächte. Wenn, ja wenn denn es den Vorhersagen nicht ähnlich geht wie den bedauernswerten Narzissen und Kirschgewächsen, die sich von den außergewöhnlich hohen November- und Dezember-Temperaturen haben ins Bockshorn jagen lassen.

          John Holdren
          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Nichts ist, wie es war, das scheint die einzige meteorologische Konstante in diesen Tagen, und wer sich zu schnell festlegt, findet sich schneller auf Glatteis als ihm lieb ist. Wird die Natur also immer unberechenbarer, instabiler? Paradoxerweise ist es genau das, was die Klimaforschung in den vergangenen Jahren immer wieder gepredigt hat: Dass der Klimawandel ehedem halbwegs stabile ökologische und geophysikalische Mechanismen zunehmend ins Wanken zu bringen droht.

          Klimaforscher und ihre Prognosen

          Eine Prognose, die ihr nun wiederum selbst auf die Füße zu fallen droht. Denn auch sie, die Klimaforschung, muss sich umso genauer an ihren Aussagen messen lassen, je spürbarer der Wandel wird und je größer die Irritation im Volk. John Holdren, der Wissenschaftsberater des amerikanischen Präsidenten, ist so einmal mehr zur Zielscheibe der Klimawandelleugner geworden. Vor einem amerikanischen Gericht hat das „Competitive Enterprise Institute“ eine Klageschrift gegen das Weiße Haus eingereicht. Der Vorwurf: Holdren, offizielles Sprachrohr des amerikanischen Präsidenten in Klimafragen und vor kurzem auch auf dem Pariser Klimagipfel viel gefragter Kronzeuge der globalen Erwärmung, verbreite im Namen des Weißen Hauses Unwahrheiten über den Klimawandel - speziell was die Folgen des Klimawandels auf den Polarwirbel angeht.

          John Holdren (r.) im amerikanischen Pavillon auf dem Pariser Klimagipfel. Nasa-Forscher Patrick Taylor erklärt die Folgen des Klimawandels für den Polarwirbel.

          Der Polarwirbel ist ein mehr oder weniger wellenförmiges Band von Starkwinden in den oberen Atmosphärenschichten, das sich jeweils im Winter über den beiden Polargebieten ausbildet und die kältesten Luftschichten über den eisreichen Polargebieten hält. In den vergangenen Wochen erwies sich der Polarwirbel als ungewöhnlich stabil, was viele Meteorologen wie Eric Holthaus vor allem auf die dieses Jahre besonders ausgeprägte Klimaanomalie El Nino zurückführen. Die von ihr im Pazifik verursachte Erwärmung in tropischen und subtropischen Regionen habe den Polawirbel über der Nordhalbkugel mehr oder weniger stark und stabil nach Norden verdrängt. In großen Teilen Europas und Nordamerikas, aber auch in Ostasien, konnte deshalb die Winteratmosphäre viel stärker als üblich durch wärmere Ozeanluft angereichert werden.

          Weitere Themen

          Putin und Greta

          FAZ Plus Artikel: Russlands Klimapolitik : Putin und Greta

          Russland erkennt den Klimawandel als Risiko und ändert zumindest seine Rhetorik. Die Begeisterung über Greta Thunberg teile er nicht, macht Putin deutlich – und stellt die Aktivistin als Werkzeug ausländischer Kräfte gegen Russland dar.

          Topmeldungen

          Der britische Premierminister Boris Johnson (links) und Jean-Claude Juncker in Brüssel.

          Brexit-Einigung : Abschied von London

          Die Chance auf einen geregelten Brexit besteht. Europa muss das Thema hinter sich lassen, das so viele physische und psychische Ressourcen verbraucht hat. Doch die EU sollte sich nicht täuschen: Es verlässt nicht nur ein Nettozahler das gemeinsame Haus.
          Wolfgang Tiefensee beim Wahlkampf in Thüringen

          Wahlkampf in Thüringen : Frühstück bei Tiefensee

          Ob Rot-Rot-Grün in Thüringen weitermachen kann, hängt von vielen Dingen ab – unter anderem vom Abschneiden der FDP. Die schickt einen Spitzenkandidaten ins Rennen, der ganz nach dem Geschmack von Parteichef Christian Lindner ist.

          Globales Ranking : Apple ist die wertvollste Marke der Welt

          Die Marken von Amerikas Digitalkonzernen sind die wertvollsten der Welt, befindet eine neue Untersuchung. Deutschlands Autobranche schwächelt. Dennoch führt ein Autohersteller das deutsche Ranking an.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.