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Der Perito-Moreno-Gletscher : Die geheimnisvolle Eiszunge

  • -Aktualisiert am

Immer länger, immer schmaler: Der Gletscher Perito Moreno dehnt sich aus, neuerdings auch im argentinischen Sommer, wie hier vor wenigen Wochen. Bild: AP

Der Perito-Moreno-Gletscher im argentinischen Patagonien ist ein Wunderwerk der Natur. Seit Jahren dehnt er sich aus, während andere argentinische Gletscher schmelzen. Für Forscher ein Rätsel.

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          Der Perito-Moreno-Gletscher im argentinischen Patagonien ist ein Wunderwerk der Natur. Von Zeit zu Zeit bricht seine Vorderfront spektakulär ab, und er scheint auch den Beobachtungen an fast allen anderen Gletschern der Welt Hohn zu sprechen. Denn im Gegensatz zu der auf der ganzen Welt von Wissenschaftlern diagnostizierten Tendenz eines Rückzugs der Gletscher wegen der globalen Erwärmung scheint sich der Perito Moreno sogar weiter auszudehnen. Jedenfalls wuchs die Zunge dreimal innerhalb von nur vier Jahren so weit, dass sie einen Seitenarm des Lago Argentino absperrte. Alle zwei Jahre, 2004, 2006 und 2008, kam es zum Abbruch, zuletzt sogar im Juli, mitten im argentinischen Winter. Früher war das Phänomen nur im Sommer zu beobachten.

          Auf einem Schiff, das in Feuerland nahe Ushuaia, der südlichsten Stadt der Welt, durch den Beagle-Kanal tuckert, raubt der argentinische Geologe Jorge Rabassa seinen Zuhörern rasch die Illusion, der Perito Moreno habe die wundersame Fähigkeit, den Folgen des Treibhauseffekts zu trotzen. Der argentinische Gletscherforscher zeigt zwei Luftaufnahmen vom Perito Moreno, die im Abstand von 30 Jahren aufgenommen wurden. Darauf ist klar zu erkennen, dass auch er an den Rändern einen großen Teil seiner Eismasse eingebüßt hat. Warum ist er dann trotzdem in der Lage, immer wieder so weit vorzustoßen, dass er den „Reichen Arm“ (Brazo Rico) des Lago Argentino vom „Kanal der Eisberge“ (Canal de los témpanos) abzutrennen vermag? Nach Auffassung Rabassas und anderer Wissenschaftler, die sich mit den Gletschern in der Südspitze Südamerikas beschäftigen, bekommt das Innere des Perito Moreno zumindest so viel Nachschub an Eis, dass die Zunge, und nur sie, nach einer gewissen Zeit das Ufer des Lago Argentino zu erreichen vermag.

          Mit drei verschiedenen Theorien versuchen die Fachleute zu erklären, wieso der Gletscher dazu in der Lage ist. Zum einen könnten die Druckverhältnisse des Eises sich so verändert haben, dass das Innere des Eisfeldes mehr Nachschub erhält als in früheren Zeiten und so eine Eigendynamik entwickelt hat, die zu einem verstärkten Eisfluss führte. Nach einer anderen Hypothese könnte ein System von möglicherweise durch Erdbeben oder andere Ereignisse verursachten Brüchen die Bewegung des Gletschers in seinem Inneren verändert haben. Schließlich wird auch das El-Niño-Phänomen mit seinen Niederschlagsphasen für das scheinbare Anwachsen verantwortlich gemacht.

          Drei verschiedene Theorien versuchen das Phänomen zu erklären.
          Drei verschiedene Theorien versuchen das Phänomen zu erklären. : Bild: AP

          Der Perito-Moreno-Gletscher, der seinen Namen dem Geologen, Anthropologen und Biologen Francisco Pascasio Moreno verdankt („perito“ bedeutet auf Spanisch ,Sachverständiger‘, Moreno hatte die Aufgabe, den Grenzverlauf zwischen Argentinien und Chile in den Anden zu vermessen), liegt in der patagonischen Provinz Santa Cruz. Das ist die Heimatregion des früheren argentinischen Präsidenten Néstor Kirchner und seiner Frau Cristina Fernández, derzeit Präsidentin des Landes. Die beiden wissen, was sie an dem Monstrum aus Eis haben. Es beschert der Provinz üppige Tourismus-Einkünfte.

          Den Perito Moreno lässt die Politik kalt. Er verhält sich so, wie es ihm die Naturgesetze vorschreiben. Keine einzige der drei Theorien allein könne sein wunderliches Verhalten erklären, sagt der Geologe Rabassa. Das gewaltige Eisfeld bewahrt nach wie vor viele Geheimnisse in seinem Inneren. Seit 1917 steht es unter der Beobachtung von Wissenschaftlern, doch hat bislang keiner von ihnen herausfinden können, ob der Zyklus des Aufstauens der vorderen Eisfront und der darauffolgenden Abbrüche einer Gesetzmäßigkeit folgt.

          Schneegrenze in Patagonien um 200 Meter angestiegen

          Bis es eine plausible wissenschaftliche Erklärung für das Phänomen des Anwachsens und der Abbrüche gebe, könne man nicht einmal von „Zyklen“ sprechen, meint Rabassa, und es sei äußerst ungewiss, ob der Gletscher den gegenwärtigen Rhythmus beibehalten werde. Wahrscheinlicher sei, dass seine Zunge kürzer und schmäler werde. Im Anblick der noch immer gletscherbedeckten Berge Feuerlands zeigt der Geologe auf dem Boot Fotos von einem anderen Gletscher-Drama: Der Upsala hat in den vergangenen 25 Jahren acht Kilometer seiner Länge eingebüßt. Im Wasser des Lago Argentino haben sich Eisberge von ihm gelöst. „Das ist eine Attraktion von großer Schönheit“, gibt der Wissenschaftler zu. „Doch es ist nichts anderes als der Beweis dafür, dass sich der Gletscher in schwindelerregender Geschwindigkeit zurückzieht.“ Der Geologe hat noch andere erschreckende Daten zu bieten. Die permanente Schneegrenze in Patagonien sei in den vergangenen 20 Jahren um 200 Meter angestiegen, in der Antarktis um hundert Meter. In den nächsten 20 Jahren werde sich das patagonische Kontinentaleis zu einem Minimum reduzieren, wie es das seit Menschengedenken nicht gab, prophezeit Rabassa. „Und alles ist eine Konsequenz der Verrücktheit des Menschen.“

          Die Gletscher sind für den Geologen fragile, hochkomplexe, Bewunderung heischende Wesen. Am Beispiel unzähliger Gletscher, die sich aus dem „patagonischen Eisfeld“ nähren, demonstriert Rabassa mit seinen „Vorher-nachher“-Fotos, dass es für die phantastischen Eisgebilde bei anhaltender vom Menschen verursachter Erderwärmung nur ein Schicksal gibt: Sie siechen dahin. Auf manchen vor kurzem erst aufgenommenen Bildern ist dort nur noch nackter Fels zu erkennen, wo früher ein Gletscher seine Zunge herausstreckte. „Wenn ein Gletscher verschwunden ist, so ist das für lange Zeit oder für immer“, sagt Rabassa. „Bis ein solches Gebilde aus Eis wiedererstehen kann, dauert es Jahrhunderte oder gar Jahrtausende.“

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