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Das neue Gesicht der Erde : Wir müssen das Fossilzeitalter beenden

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Es scheint klar, dass der Mensch dem Klima nicht nur ausgesetzt ist, sondern es auch aktiv verändert. Das Ausmaß ist enorm. Noch ist nicht alles verloren, doch wir stehen vor dem härtesten Intelligenztest unserer Geschichte.

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          Für den Umbruch unserer planetarischen Lebensgrundlagen, die uns die Weltgemeinde der Klima-, Meeres- und Erdforscher gestern in Paris enthüllt hat, konnte die Menschheit schon ein neues Sinnesorgan und einen neuen Gehirnteil ausbilden. Die technische Prothetik hat Fühler in aller Welt wachsen lassen, neue Nervenzellen auf der dünnen Biosphärenhaut, Messstationen, unterseeische Drohnen, Satelliten. Wir überspielen Temperaturen, Feuchtigkeiten, Niederschläge, Gletscherschmelzen und Eisdicken direkt in unser bildschirmförmiges Weltbewusstsein - und in die siliziumgestützten Rechnergehirne, die uns Bilder von der Zukunft entwerfen.

          Mehr als zwanzig Klimamodelle haben die sechshundert Wissenschaftler, die für das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) tätig waren, parallel laufen lassen, was es erstmals ermöglicht, Fehlerbreiten und Wahrscheinlichkeiten präzise zu benennen. Das macht den 2. Februar 2007, an dem das IPCC die physikalischen Grundlagen der neuen Welt beschrieb, so bedeutsam: Neunzig Prozent beträgt die Gewissheit der Supercomputerprogrammierer, dass der Mensch dem Erdklima nicht nur ausgesetzt ist, sondern es aktiv verändert.

          So viele Treibhausgase wie in 650.000 Jahren nicht

          Das Ausmaß des Wandels erreicht erdgeschichtliche Dimensionen. Wir pumpen binnen eines planetaren Augenzwinkerns die Atmosphäre so mit Treibhausgasen voll, wie die Natur selbst es mindestens in den vergangenen 650.000 Jahren nicht geschafft hat. Der Leiter des Umweltprogramms der Vereinten Nationen, Achim Steiner, sieht diesen Freitag in die Geschichtsbücher eingehen, weil das Fragezeichen sich aufgelöst hat, ob es eine vom Menschen verursachte Erwärmung gibt.

          In der französischen Hauptstadt lagert demnach seit gestern nicht mehr nur der Urmeter, sondern auch die neue Messlatte des technischen Fortschritts: die Skala der Kohlendioxydintensität. Je nach Kohlendioxydausstoß erwärmen wir die Erdatmosphäre deutlich - um mindestens ein Grad im Szenario „B1“ der bioindustriellen Technikrevolution, oder aber extrem um bis zu sechs Grad im Szenario „A2“ des schlichten Weitermachens.

          Zwei Grad Erwärmung bringen Planeten zum Stöhnen

          Ein Grad oder sechs Grad Unterschied im Verlauf eines Tages, das macht unserem Körper nicht groß zu schaffen. Aber dies sind globale Durchschnittstemperaturen, die gewaltige Energiemengen kodieren, Dürren ebenso schaffen wie schmelzende Eisschilde und enorme Stürme. In einer Welt, in der Küstenstädte Megalopolen wie Schanghai, New York, Lagos, London sind, soll der Meeresspiegel um mindestens achtzehn und bis zu neunundfünfzig Zentimeter steigen. Schon zwei Grad Erwärmung werden den Planeten zum Stöhnen bringen.

          Man muss unter die Klimagraphik die Demographiegraphik legen und wird feststellen, dass die Menschheit in Afrika, Asien und Mittelamerika stark wächst, also wo die dramatischsten Dürren und Überschwemmungen drohen. Von dieser Welt trennen uns Europäer nur Mittelmeer und Kaukasus, aber keine Mauern aus Rechtfertigungen. Wenn Klimaflüchtlinge sich einmal auf den Weg zu den Wohlstandsburgen machen, gehen sie zugleich zur Quelle jener Treibhausgase, die ihre eigene Heimat unbewohnbar gemacht haben.

          Dürren, Stürme, Regenfluten, Meereswogen

          Da erscheint es sehr verführerisch, „Klimaskeptiker“ zu sein und die Prognosen als Hybris zu deuten; die gewohnte Untertanenrolle gegenüber der Natur steckt noch tief im Genom. Wer das so sieht, verlässt sich seit Freitag nur noch auf zehn Prozent Restentwarnung. Wer sich aber auf das IPCC-Wissen einlässt, wird den modernen Menschen als einen Schöpfer im technischen Zeitalter in den Blick nehmen, der sich vom Bittsteller gegenüber überirdischen Kräften selbst zum Windbeherrscher Äolus verwandelt, vom ameisenhaften Welterkunder zum planetaren Giganten.

          Als stünden wir am Beginn einer technischen Schöpfungsgeschichte, beschreibt das IPCC die zukünftige Erde, in der die Menschheit sich in das Klima einmischt und damit Dürren, Stürme, Regenfluten, Meereswogen minderer oder riesiger Intensität bewirkt, in Form von „storylines“, also von Erzählungen. Wie wird es zu schaffen sein, unseren Kindern eine Geschichte mit glimpflichem Ausgang zu erzählen?

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